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Der Welt ist klein und darum groß

über Wolfgang Welt, Stadtmagazine und das Wahnsinnigwerden

von Max Becker, Kultur

Auf dem besten Weg in die Klapse befinde ich mich mit diesem Artikel über Wolfgang Welt, denn der war Anfang der 80er für kurze Zeit der Star unter den westdeutschen Stadtmagazinschreibern, bevor er dem Wahnsinn anheimfiel. Und nun wandle ich quasi auf seinen Spuren, indem ich ihn hier vorstelle.
Diesen Sommer ist Welt im Alter von 63 Jahren gestorben. Dadurch auf ihn aufmerksam geworden, empfahl mir eine Freundin seine Autobiographie mit dem Hinweis, dass sie beim Lesen häufiger an mich denken musste, was eine eitle Neugier in mir weckte. Ich war sogleich angezogen von dem lässigen Typen mit Froschblick und Kippe im Mundwinkel auf dem Buchcover, das sie mir zeigte, und fühlte mich geschmeichelt. Im Laden fand ich dann leider nur die neue Suhrkamp-Ausgabe von „Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe“ in hässlichem Pink und ohne Foto, aber kaufte sie trotzdem. Hinten drauf Lob von Rainald Goetz, Peter Handke und Willi Winkler – nicht die schlechtesten Referenzen.
Gleich der erste Satz machte Aussicht auf einen Erzähler, der nicht lang drum rum redet – und sich mit langen Wartezeiten auskennt: „Etwa zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung machte mir Sabine Aussicht auf einen Fick, allerdings nicht mit ihr selber, sondern mit ihrer jüngeren Schwester.“ Hier kommt jemand zum Punkt über das Nicht-zum-Punkt-Kommen im Leben. Bücher über das Warten waren schon immer wichtig für mich, schließlich ist kaum eine Zeit so einsam wie die Wartezeit. Wenn man dann Heinz Strunk, Rocko Schamoni oder Sten Nadolny an seiner Seite hat, geht es schon etwas besser – aufgehoben in der Gemeinschaft der Wartenden. Wolfang Welt reiht sich nun unter diesen Lehrmeistern ein.
So sehr, sich im Warten zu erschöpfen, als Widerstandsgeste gelten kann, wenn sich die Welt immer schneller dreht: Wolfgang Welt schreibt nichts von solchen Überlegungen. Mit der linken Szene war er lose verbandelt und einige seiner Texte erschienen später im Konkret Literatur Verlag, aber mit Politik hatte er eigentlich nichts am Hut. Vor allem war er an der Erfüllung seiner Grundbedürfnisse Saufen, Fressen, Ficken und Schlafen interessiert, was seine SPD-Mitgliedschaft sowohl etwas geheimnisvoll als auch folgerichtig erscheinen lässt. Entgegen dem profanen Erscheinungsbild der heutigen SPD bleibt bei Welt aber stets etwas im Dunkeln, das ihn antreibt. „Alles erzählen, aber nichts verraten!“ gab Peter Handke, der sich immer für Welts Texte stark machte, einmal als Losung aus. Welt beachtete sie – vielleicht unbewusst – genau: Er erzählt minutiös von der Normalität, vom Saufen, Fressen, Ficken und Schlafen, und doch bleiben die Dinge rätselhaft.
Wolfgang Welt ist aufgewachsen in der Bochumer Arbeitersiedlung Wilhelmshöhe zwischen Fußballverein, Currywurst-Bude und den letzten Zechen, und in dieser Welt lebt er auch noch mit Ende Zwanzig, als die Erzählung einsetzt. Nach einem abgebrochenen Studium jobbt er in einem Plattenladen und wohnt immer noch zu Hause. Was ihn aus der Normalität heraushebt, ist seine Liebe zum Rock’n’Roll, insbesondere zu Buddy Holly, und mehr noch seine literarische Bildung und seine teils langen Bekanntschaften mit diversen Autorinnen und Musikern, die er immer mal wieder beiläufig in die Erzählung einfließen lässt, als ob es ganz normal wäre, mit Hermann Lenz in Briefkontakt zu stehen. Das ist das, was im Dunkeln bleibt: Woher das alles kommt, die Kontakte, das Lesen und dann auch das Schreiben.
Neben der eintönigen Arbeit im Plattenladen, die weniger von Rock’n’Roll hat, als es sich anhört, beginnt Welt Plattenkritiken für das Bochumer Stadtmagazin Marabo zu schreiben, wodurch sich ihm einige Türen in eine Welt öffnen, die mehr Rock’n’Roll verspricht: kostenlose Platten und Konzerte, Besuche bei Plattenfirmen, bezahlte Flüge zu Interviews, Backstage mit den Stars. Angefixt bewirbt er sich unter anderem um Beiträge in der Rock Session-Buchreihe und im Musikmagazin Sounds. Das klappt dann auch, denn – um dem oben zum Warten Gesagten die andere Seite hinzuzufügen – Welt sieht häufig überhaupt keinen Grund zu warten und ruft die Leute einfach sofort an oder schreibt ihnen Briefe. Manchmal fährt er auch kurzerhand nach Hamburg, um den damaligen Sounds-Chefredakteur Diedrich Diederichsen im Büro oder in der Kneipe abzupassen, trifft diesen dann aber gar nicht an, und fährt um einige Mark ärmer nach Bochum zurück. Das Geld geht Welt regelmäßig aus, auch weil in der damaligen Stadtmagazin-Branche Honorare wohl eher pro forma vereinbart wurden. Dennoch bleibt er beharrlich und trägt die Rückschläge mit dem äußeren Gleichmut des Trinkers: Erstmal ein paar Bierchen.
Möglicherweise ist seine Trinkfestigkeit auch ein Grund dafür, dass seine Karriere Fahrt aufnimmt, denn gelegentlich muss man eben lange wach bleiben, um mit den richtigen Leuten reden zu können. Eine Ironie des Schicksals ist es, dass er ausgerechnet auf dem Höhepunkt seiner musikjournalistischen Laufbahn, einer Englandtournee an der Seite der bekanntlich immer gut geölten Motörhead, aus Geldnot nichts trinkt – eine im Wortsinne ernüchternde Erfahrung. Ebenso schicksalhaft mutet das Verschlafen eines geplanten Interviews mit Lou Reed in Amsterdam an. Danach gerät seine Karriere ins Stocken. Noch nicht lange war es da her, dass er in der Szene zu erster Berühmtheit gelangt war durch einen Verriss von Heinz-Rudolf Kunze im Musikexpress, dem er auch noch beim Schreiben seiner Autobiografie in Abneigung verbunden war.
Dass Kunze nun ausgerechnet in meinem ersten Monat in Cottbus ein Konzert im Glad-House spielte, erschien mir als Wink des Schicksals, und trotz akut schlechter Laune musste ich hin. Es ist natürlich so eine Sache, ein Konzert zu besuchen mit einer an Hoffnung grenzenden Erwartung, dass es scheiße wird. Man will ja auch nicht nur sehen, was man sehen will. Ich wurde auf jeden Fall nicht enttäuscht und verfolgte es mit einem Bierchen und Gleichmut bis zur Hälfte aus der letzten Reihe. Die Musik fand ich ziemlich aufgeblasen und auswechselbar und Kunze versprühte Kabarett-Aura: Da will einer Lehrer sein und sich gleichzeitig mit den Schülern gegen Die-da-oben verbrüdern. Wolfgang Welt dagegen bleibt in seinen Romanen konsequent bei seiner eingeschränkten Perspektive und schaut sich die Welt nie von oben an, was zu häufig präzisen und vor allem witzigen Einsichten führt.
Nach ein paar Jahren im Musikzirkus verlor er trotzdem allmählich den Boden unter den Füßen und begann sich, von Psychopharmaka und Alkohol angetrieben, immer schneller zu drehen. Der schleichende Prozess des Wahnsinnigwerdens wird von Welt aus der Innenperspektive mit solcher Feinheit beschrieben, dass es mir erstmal fünfzig Seiten so vorkam, als würde ich zunehmend unkonzentriert lesen. Die Schauplätze und auftretenden Figuren wechseln schneller, die Vermittlung der Ereignisse wird immer schwächer. Irgendwann wurden seine wahnwitzigen Trips durchs Ruhrgebiet dann zum öffentlichen Ärgernis und sein Wahnsinn offensichtlich – wie für den Leser, so für seine Nächsten – und er landete schließlich in der Psychiatrie. Danach arbeitete er für den Rest seines Lebens als Nachtportier, seit 1991 im Bochumer Schauspielhaus. Wolfgangs Welt drehte sich nun langsamer und er schrieb stückweise seine lange geplanten autobiografischen Romane.
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