Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

dkw Ausstellungstrio

vom Rechtsruck über die Hölle zu den Schrecken des Krieges

von Daniel Ebert, Kultur

Das Kunstmuseum Dieselkraftwerk zeigt bis zum Ende des Jahres ein Ausstellungstrio zu den möglichen Folgen von radikalen Ideologien, Nationalismus und Intoleranz - nämlich Krieg, Zerstörung und Tod.

Angefangen vom rechtsradikalen Alltag in „Rechtsruck. Eine fotografische Dokumentation aus den frühen 1990er Jahren“ von Ludwig Rauch, über Trümmer und Tod in Dresden 1945 und Kobane (Syrien) 2015 in „Keiner hat uns gesagt, ihr geht in die Hölle“ mit Arbeiten von Robin Hinsch, Richard Peter sen. und Wilhelm Rudolph, bis hin zum kriegerischen Sadismus in Francisco de Goyas „Los desastres de la guerra / Die Schrecken des Krieges“. Die kuratorische Dramaturgie geht auf und die Botschaft ist klar: Seht her, wo der aktuelle (fast schon gesellschaftlich etablierte) Fremdenhass (wieder) hinführen kann. Dabei bleibt jeder Ausstellungsteil für sich sehenswert.

Der dokumentierte Alltag der Rechtsradikalen von Ludwig Rauch zeigt, was Hannah Arendt unter anderem mit der “Banalität des Bösen” beschrieb – bei ihr ist es ein Verwaltungsbeamter, der den Holocaust bürokratisch organisierte, hier ist es ein Stammtisch. Die Bilder sind nicht vorverurteilend und es erscheint beinahe so, als suchten viele der Rechtsradikalen (vereinfacht gesagt) nur ein Erlebnis, etwas Unterhaltung und einen Zeitvertreib. “Rechtsradikalität” als Angebots-Nische in der Erlebnisgesellschaft, vielleicht hätten es (vereinfacht gesagt) genauso gut auch Skat, Sport oder Gartenarbeit sein können. Bei vielen erscheint der “Rechtsruck” nicht ideologisch, verkopft und durchdacht, sondern banal, zufällig und aus einem schlechten Bauchgefühl heraus zu kommen. Plötzlich wird uns Betrachtern klar, dass ihre Lebensläufe auch anders hätten verlaufen können. Wären die unzufriedenen Männer in eine andere Kneipe gegangen, anstatt zum aufgeheizten, rechten Stammtisch, dann wären sie vielleicht nie Rechtsradikale geworden – erschreckenderweise gilt das natürlich genauso auch umgekehrt. Die Stärke der Bilder liegt darin, dass man ein Stück weit die andere Seite verstehen lernt und sich sogar in einigen Motiven selbst wieder erkennt. Dieses teilweise Verstehen der anderen Seite, ist die dringend nötige Basis eines ernstgemeinten Dialoges. Dabei heißt verstehen niemals tolerieren! Frei nach dem Prinzip: “Man muss Sachen erst verstehen, bevor man sie ändern kann.”

Die, räumlich gesehen, mittlere Ausstellung “vermittelt” hier im wörtlichen Sinne: Es werden Szenen der zerstörten Städte Dresden 1945 und Kobane (Syrien) 2015 gegenüber gestellt. Vermittelnd deswegen, weil Besucher jeder politischen Einstellung, durch die historische und regionale Nähe zu Dresden, bei den Bildern der zerstörten Stadt emotional berührt werden und durch die Gegenüberstellung vielleicht erkennen, dass es vielerorts in Syrien gerade nicht anders aussieht – doch die Zerstörung und der Krieg dauern dort noch an. Die Bombardierung, die in Dresden vor allem in den Tagen vom 13. bis 15. Februar 1945 stattfand, ist in Teilen Syriens, wie aktuell in Aleppo, zum Dauerzustand geworden. Vielleicht regt die Ausstellung “Keiner hat uns gesagt, ihr geht in die Hölle” (ein Zitat aus Wolfgang Borcherts “Draußen vor der Tür”) tatsächlich an, über den regionalen Bezug zu Dresden, eine emotionale Verbindung zu Flüchtlingen und Fluchtursachen aufzubauen – interessanterweise gerade über die Verbindung zum geografischen Zentrum der Pegida-Bewegung, der Stadt Dresden.

Das Finale der Ausstellung bildet Francisco de Goya. Wenn einer der berühmtesten Künstler des 18./19. Jahrhunderts in Cottbus ausgestellt wird (wenn auch nur in Form von Grafiken und nicht Gemälden), dann ist das natürlich ein regionales Kunst-Highlight des Jahres und war auch der spanischen Botschaft in Berlin eine eigene Presse-Veranstaltung wert. Die kleinen Zeichnungen sind von überragender grafischer Qualität. Vor allem drücken viele Abbildungen jenen manischen Sadismus aus, also Lust an zwischenmenschlichen Grausamkeiten, der immer wieder zu Kriegszeiten ausbricht und wahrscheinlich zur menschlichen Natur gehört, wie der Überlebens- und Sexualtrieb. Goya bringt uns tatsächlich “die Schrecken des Krieges” auf eine menschliche, ästhetische und emotionale Ebene näher, die man so wenigen grafischen Strichen kaum zugetraut hätte. Im Besonderen verblüffen die Körperhaltungen und Gesichter, welche trotz weniger Striche die volle Bandbreite menschlicher Emotionen auszudrücken vermögen.

Ich stelle mir vor, dass die gesamte Dramaturgie des Ausstellungstrios auch Besucher mit politisch eher rechten Ansichten anspricht – und darin liegt die Stärke. Im Eingang sehen Rechte ihre Szene unvoreingenommen dargestellt (leider ist die dazugehörige Audio-Installation mit einem Text von Michael Freitag, gelesen von Heidrun Bartholomäus, nicht so unvoreingenommen), über das kriegszerstörte Dresden reflektieren sie vielleicht über Fluchtursachen und Goya zeigt Ihnen am Ende eine diabolische Welt, im Krieg, wie sie sicherlich auch Rechtsradikale nicht erleben möchten. Aber wahrscheinlich ist das alles von mir genauso naiv und vereinfacht gedacht, wie Skat-Runden gegen rechtsradikale Stammtische zu setzen. Doch die Hoffnung der Naiven stirbt zuletzt.
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus