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Gesehen: SAISONERÖFFNUNG AM SCHAUSPIEL

GLAUBEN LIEBEN HOFFEN + DIE SPANISCHE FLIEGE, Premieren am 7. & 9. Oktober 2016, Staatstheater CB

von Jens Pittasch, Kultur

Mit einem Premierenwochenende meldet sich das Cottbuser Schauspiel auf der Bühne zurück.
Diese neue Spielzeit, wie wir inzwischen wissen, die letzte unter Schauspieldirektor Mario Holetzeck, steht unter dem Motto „Glauben! Lieben! Hoffen!“ und meint diese Begriffe synonym für unser aller Zusammenleben in unserer widersprüchlichen Zeit.
Abgesehen davon, dass ich überzeugt bin, dass es bislang keine nicht-widersprüchlichen Zeiten gab, ähnlich, wie es nicht gerade heute einen Konflikt zwischen jung und alt, Weltanschauung A und B etc. gibt (beliebig fortzusetzen) - ist es trotzdem immer richtig, das Zusammenleben mit den Mitteln des Theaters zu thematisieren.
Unser Schauspiel entschied sich, dies zum Auftakt mit zwei Abenden des Genres „U“ zu machen, also nicht vordergründig oder gar pathetisch sondern mit einem unterhaltsamen Zugang.
Und der gelang.
Weder entpuppt sich das so untertitelte „musikalische Familienfest“ unter dem Spielzeitmotto „Glauben Lieben Hoffnung“ als alberner Singsang, noch der Schwank „Die Spanische Fliege“ als trivial-debiles Volkstheater. Diese und ähnliche Befürchtungen kann ich also entkräften.

Statt dessen ist „Glauben Lieben Hoffnung“ natürlich ein Liederabend, jedoch einer, der in seiner Zusammenstellung, besonders jedoch in seiner Inszenierung (Regie Matthias Messmer) und seiner musikalischen Qualität (Musikalische Leitung Hans Petith) überzeugt und zunehmend Tiefgang zeigt, ohne die Leichtigkeit zu verlieren.
Los geht es im Blümchentapetenwohnzimmer auf großer Bühnenschräge, umrahmt von mächtig schief, bedrohlich Richtung Publikum geneigtem Rahmen, mit einem großen Gewusel, in dem man sich schließlich zum Familienfoto findet. Diese Blitzbild-Schnappschüsse werden zu Etappenzielen der Inszenierung.
Es gibt etwas zu feiern, den Geburtstag der Jüngsten. Und zu den Themen „17“ und „Geburtstag“ existieren eine Menge Lieder. Wie auch zu anderen „Lebensereignissen“, wie es heute Facebook so schön nennt.
Die Musikauswahl ist dabei durchaus nicht alltäglich, reicht von Bach bis Beatles, von Veronika Fischer bis Folklore, von Rio Reiser bis Anna Depenbusch - insgesamt bilden mehr als 40 Titel die Grundlage dieses bemerkenswerten LebensLiederAbends. Der durchweg, an einigen Stellen aber besonders, auch gesanglich überzeugt. Bei Bach „Aus der Tiefen…“ bin ich kurz baff erstaunt über den mehrstimmigen Chor, den die Schauspieler abliefern. Ziemlich cool, ihr Lieben!
Und es gibt ein paar Leute, kaum zu sehen, im halb versenkten Orchestergraben, die ihnen den musikalischen Teil sehr erleichtern. Die Band ist Extraklasse. Hans Petith (Klavier, Akkordeon), Dan Baron (Gitarren), Martin Klenk (Cello), Ramona Geißler (Bass), Lu Schulz (Saxophon) und Heiko Liebmann (Schlagzeug) können einfach alles und alles mitreißend gut.
Das schlichte, Spielraum bietende Bühnenbild entwarf Gundula Martin und die Figuren und Situationen oft humorvoll betonenden Kostüme Susanne Suhr.
Es spielten und sangen Heidrun Bartholomäus (Oma), Sigrun Fischer (Mutter), Kristin Muthwill (Schwester), Ariadne Pabst (Tochter), Kai Börner (Vater), Thomas Harms (Onkel) und Roland Schroll (Freund).
Zum Spielzeitauftakt wurde der Abend von einem sehr gelungenen, siebenteiligen Mehrsparten-Vorprogramm im ganzen Haus ergänzt und mit einem der schönsten je gesehenen, (gar nicht so) kleinen Feuerwerke auf dem Schillerplatz beendet. Nun dann, auf ins neue Theaterjahr …

… das ja bereits am übernächsten Tag seine Fortsetzung fand.
Ein Schwank. Ohje. Ich bin da vorgeschädigt durch Kindheitstraumata vor Omas Fernseher. Liebe Eltern und Großeltern: Passt auf, was Ihr schaut, wenn Kleinkinder in der Nähe sind.
Damals liefen irgendwelche bayrischen Theater“verbrechen“, die über die nahe Grenze ins Wohnzimmer strahlten, gefühlt allabendlich. Und kamen sie nicht aus Bayern, hatte die ARD zum Ausgleich das Ohnsorg-Theater im Programm. „Schwank“ ist seither für mich mit einem Fluch belegt.
Doch nun, vielen Dank, hat „Mario der Zauberer“, wie Schauspieler-Autor Michael Becker seinen Spartendirektor Mario Holetzeck einst nannte, diesen Bann gebrochen.
Mit einer Neuerfindung des Schwanks. „Schwank 4.0“ habe ich in meinem Block notiert. Und das ist noch positiver gemeint, als das Gerede von der Industrie-4.0, das mich dienstlich allenthalben umgibt und meist noch reine Visionen beschreibt. „Die Spanische Fliege“ dagegen ist real und in Cottbus anzuschauen. Wenngleich es Mario Holetzeck dann auch etwas übertreibt mit der Dauer und dadurch Intensität seines Bühnen-Comics. - Denn als solcher ist das Stück angelegt.
Die Schrägen vom Freitag sind noch da (s.o.), Bühnenrecycling auch bei der riesigen Matratzenlandschaft, auf, unter und in der sich dann alles abspielt (siehe Riesenbett auf dem Kasernenhof beim Sommertheater) - doch warum soll man nicht nutzen, was einmal da ist - wenngleich sich einiges Gestolper natürlich nun ähnlich wiederholt (Bühne Gundula Martin).
Auch übergroße Requisiten und quitschbunte Kostüme (Susanne Suhr) hat man gerade gesehen (Bunbury), doch irgendwie kann man über den Selbstzitatereigen in „Nebenrollen“ hinwegsehen - da zweierlei einfach stimmt: das Spiel und die Geräusche.
Ja, Geräusche. Am Bühnenrand sitzen sehr präsent Dietrich Petzold und Tobias Dutschke zwischen allerlei … ähm … Gerätschaften und produzieren all die Klänge, die einen Comicfilm nunmal ausmachen. Am Anfang ist das mächtig ablenkend, kann man sich doch garnicht entscheiden, dem Ulk der Schauspieler zuzuschauen oder das Geheimnis der dazugehörigen Rumms-, Quitsch-, Knarrz-Erzeugung zu sehen. Wenn da der Stabmixer über´s Paukenfell streicht oder Säcke mit verborgenem Inhalt gestampft werden, während zugleich auf irgendeiner Art Flötentier getrötet wird.
„Die Spanische Fliege“ ist wunderbunt übertrieben, durchweg auf höchstem Niveau und mit vollem (auch Körper-)Einsatz eine großartig andere Interpretation des angestaubten Formates Schwank.
Wie Mario Holetzeck nach der Vorstellung selbst sagte, weiß er, dass er etwas zeitiger hätte aufhören sollen noch eine Idee und noch eine hineinzupacken. Doch sei es drum. Sind sie halt einmal losgelassen, kann man sie auch machenlassen.
Es spielen ernst und albern: Ludwig Klinke, Mostrichfabrikant - Amadeus Gollner, Emma, seine Frau -Susann Thiede, Paula, deren Tochter - Lucie Thiede, Eduard Burwig, Emmas Bruder - Matthias Manz, Wally, seine Tochter - Lisa Schützenberger, Alois Wimmer, Emmas Schwager - Gunnar Golkowski, Dr. Fritz Gerlach, Rechtsanwalt - Henning Strübbe, Anton Tiedemeier - Michael Becker, Gottlieb Meisel - Oliver Seidel, Mathilde, dessen Frau - Boris Schwiebert, Heinrich, deren Sohn - Johannes Kienast und Mario, Wirtschafter bei Klinke - Michael von Bennigsen.
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