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Gesehen: WIR SIND 70! DAS FEST.

Premiere: 24. September 2016, neue Bühne Senftenberg

von Jens Pittasch, Kultur

Nicht lange nach dem zweiten Weltkrieg unterstützte die sowjetische Militäradministration in Senftenberg die Gründung eines Theaters. Ein eigenes Theater, ein Novum in der Stadtgeschichte.
Kreiskommandant Gardeoberst Iwan Demjanowitsch Soldatow begründete diesen Schritt in seiner Grußbotschaft zur Eröffnung 1946: „Das deutsche Volk war immer eine Kulturnation, es soll wieder eine Kulturnation werden“.
Wo kein Theater war, dafür jedoch vor kurzem noch Krieg, gab es zunächst einmal überhaupt keine Räumlichkeiten für eine Spielstätte. Vor dem Krieg, bereits seit 1923 regelmäßig, bespielte die „Dramatische Vereinigung Senftenberg“ im Sommer die Freilichtbühne im Stadtpark, im Winter das Gesellschaftshaus. Eben dort sollte sich das Musiktheater des neugegründeten Stadttheaters Senftenberg einrichten, für das Schauspiel entschied man sich für die Aula der Rathenau-Schule.
Besitzrechtlichen Schwierigkeiten ist zu danken, dass dann alle Sparten von Beginn an unter einem Dach zusammenfanden - wo aus der bisherigen Aula, innerhalb nur eines Monats, ein wirkliches Theater entstand. In der Chronik von Hans-Peter Rößiger, der auch die schöne Ausstellung zur Geschichte des Hauses im Foyer gestaltete, ist im Detail nachzulesen, wie einheimische Handwerker und helfende Bürger in kürzester Zeit und unter schwierigen Bedingungen quasi alles entstehen ließen, was ein Theater braucht. Vom Souffleurkasten bis zum Dirigentenpult, von der Kasse bis zur ersten Bühnenausstattung. Am 21. Oktober 1946 war man spielbereit, „Wir stellen uns vor“ hieß das erste Programm, „Wir sind 70!“, heißt es heute.
Genauer: „WIR SIND 70! DAS FEST.“ Denn zum Jubiläum wurde das traditionelle Theaterspektakel zum Spielzeitauftakt um einen Ball und andere festliche Programmpunkte bereichert.
Gleich zu Beginn werden alle Besucher zu VIPs und auf dem roten Teppich von einer Reporter- und Fotografenschar umlagert. Zwischen allerlei Stars und Sternchen genießt man den ersten Sekt, bevor es zu einem gemeinsamen Auftakt- und drei auszuwählenden Folgestücken geht. Verbunden von einem kulinarischen Zwischenspiel und übergehend in eine Ballnacht bis in den Morgen.
Jedes der vier Stücke stellt eine Premiere dar. Zwei sind gar Uraufführungen, die überhaupt erst zum festlichen Anlass geschrieben wurden.
Leider (noch) nicht sehen konnte ich, nach der kaum zu treffenden Qual der Stückewahl, PHANTOM (EIN SPIEL; von Lutz Hübner und Sarah Nemitz) und DER SENFTENBERGER WEG (Eine Collage mit Autoren und Texten aus der Lausitz; zusammengestellt von Jörg Hückler, Mitarbeit: Esther Undisz). So bleiben bei diesen nur kurze Auszüge der Beschreibungen.
PHANTON (EIN SPIEL), in Regie von Tilo Esche, nimmt die Zuschauer mit in die schwierige Situation, in der sich Mitarbeiter eine Fast-Food-Filiale sehen, als sie bei Schichtende ein alleingelassenes Baby finden. Vermutlich hat die Roma-Frau etwas damit zu tun, die vorhin im Lokal war …
Phantom versucht eine Annäherung an unsere Gegenwart und an uns selbst, an unsere gesellschaftlichen Werte, Zuschreibungen, sozialen Rollen und unsere Vorurteile vor dem Hintergrund der massenhaften Fluchtbewegungen in Deutschland und Europa und vor der Frage, was eigentlich ein „sicheres Herkunftsland“ ausmacht.
DER SENFTENBERGER WEG (Regie Esther Undisz) führt fünf Schauspieler des Senftenberger Theaters in die aufregende Geschichte ihres Hauses. Sie folgen dem 70jährigen Pfad des Stadttheaters Senftenberg, des Theaters der Bergarbeiter, der neuen Bühne Senftenberg. Sie beschreiben den sogenannten Senftenberger Weg von der Gründung des Theaters 1946 durch die örtlichen Stadtverordneten (mit Billigung des sowjetischen Stadtkommandanten) bis in die heutigen Tage als alleinige und größte Kulturinstitution der Stadt Senftenberg. Der Senftenberger Weg folgt weniger den Fakten, als den Autoren, die aus der Lausitz stammen oder einen Bezug zur Region haben. Es geht um die Menschen hier, ihr Leben und wie es sich in den zeitgenössischen Texten von Strittmatter, Müller, Reimann, Braun, Bukowski u.a. für immer verewigt hat.
Weniger weit zurück reicht das Geschehen der Inszenierungen BORNHOLMER STRASSE und BIRKENBIEGEN. Befinden wir uns einmal an dem Abend, der die Wende in der DDR unumgänglich machte, ist das Andere eine Geschichte über Entwicklungswege seither.
Wer den 2014-er Film BORNHOLMER STRASSE von Christian Schwochow gesehen hat, erlebt in der Senftenberger Inszenierung von Sonja Hilberger (Regie) eine - natürlich auf die Möglichkeiten der Bühne angepasste - ansonsten jedoch bis in Gesten identische Nacherzählung des Films. Und damit eine äußerst authentische Abbildung dieser besonderen Nacht am Grenzübergang.
Um zu verstehen, was damals passierte und warum ist übrigens die zu Beginn erfolgende Einweisung in den Aufbau und die Abläufe bei der Grenzkontrolle eine Schlüsselszene. Erklärt sich doch hier die widersprüchliche Zuständigkeit verschiedener Organe und das daraus folgende Befehlsvakuum zum entscheidenden Zeitpunkt. Den Darstellern gelingen sehr genau gezeichnete Charaktere, deren reale Vorbilder stets selbst in einem Rollenspiel gefangen waren. Grenzbeamter mit klarem politisch-militärischem Auftrag zum einen, ganz normaler Mensch zum anderen. Vorgesetzter einerseits, Freund oder Kontrahent andererseits. Dazu erstmals die Konfrontation mit den normalen Bürgern - und von denen im Laufe der Nacht immer, immer mehr …..
„Rübergemacht“ haben Michels gleich nach der Wende. Hiergeblieben sind die Böttchers. Heimisch wurden Michels irgendwo im Schwäbischen nie, immerhin wirtschaftlich stimmte es einigermaßen. Bei Böttchers in Senftenberg wurde es schwierig, als Vater Peter seinen Bergbaujob verlor. Jetzt ist er Ebay-Powerseller, die Umschreibung für nichts. - Doch Michels kommen wieder. Und es trifft aufeinander, was nicht mehr zusammenpasst, aber eben doch auch zusammengehört.
Und es gibt zwei Nachgeborene, Ruby Michel, west- und Karl Böttcher ost-sozialisiert, die ihre Gegensätze schon bald als Gemeinsamkeiten erkennen und tun, was Jugendliche tun sollten - ihr eigenes Leben finden.
Oliver Bukowski, selbst aus der Lausitz stammend, schrieb BIRKENBIEGEN eigens zum 70. Geburtstag der neuen Bühne. Und er steckte einiges in sein Stück, von dem nicht alles in der Inszenierung von Samia Chancrin durchdringt. Abgedruckt ist das gesamte Werk in der Septemberausgabe von „Theater der Zeit“, zusammen mit weiteren Betrachtungen über Theater in Brandenburg und einem Gespräch mit Intendant Manuel Soubeyrand. - So bleiben bei Chanrin einige Cliffhanger ohne Anschluss und trüben etwas das Bild einer ansonsten sehr empfehlenswerten Inszenierung mit teils herausragenden schauspielerischen Leistungen.
BORNHOLMER STRASSE und BIRKENBIEGEN sind (wie auch die beiden weiteren Stücke des Abends) visualisiert in Bühnenbildern von Ulrike Reinhard und Kostümen von Jenny Schall. Während am Grenzübergang die engen Vorgaben der Fassung sehr geschickt umgesetzt wurden, gelang auf der überbreiten, aber tiefenlosen Studiobühne eine nahezu geniale Nutzung des engen Raumes.
Egal, aus welchen Teilen des Spektakels die Zuschauer kommen, den Reaktionen ist klar zu entnehmen, dass alle äußerst sehenswert sind.
Zeit zum Austausch ist auf dem Theaterball. Wenn man nicht gerade zur Musik der Damenkapelle swingt oder die Tanzeinlagen des nun zu Ballköniginnen und -prinzen verwandelten Ensembles bewundert, das die kollektiv hervorragende, darstellerische Leistung nun in einer ganz anderen Disziplin stilvoll bis sportlich krönt.
Tipp: Noch dreimal im November zu erleben!
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