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Street Art ist Kitsch!

Graffiti-Bombing ist Kunst!

von Daniel Ebert, Kultur

Der Schriftsteller Andreas Mäckler fragte einst Experten was Kunst sei und bekam 1460 verschiedene Antworten. Ich möchte gerne die leicht überspitzte Antwort Nr. 1461 hinzufügen und versuchen zu erklären, warum Graffiti-Bombing moderne Kunst ist und Street Art nur Kitsch.
Von den Höhlenmalereien, über die antike und sakrale Kunst, bis zum Kunsthandwerk im 19. Jahrhundert verfolgte die Kunst ästhetische Zwecke von Verschönerung bis Erhabenheit. Kunst sollte vor allem “chic” sein, das heißt von Mode und Geschmack zeugen, egal ob es um Kirchenbauten, Kleidung oder Gemälde ging, egal ob zur Zeit der Gotik, Rokoko oder Biedermeier. Kunst war damalsauch eine Ware. Der Auftraggeber (meist aus Adel oder Kirche) der Werke wollte mit der Kunst seine gesellschaftliche Stellung zur Schau stellen und beweisen, dass er genau wusste was “in” war in den wichtigen Kreisen. Was als modisch und geschmackvoll galt, wurde lange Zeit von Paris aus bestimmt. Die Wertmaßstäbe wurden vor allem über die Kunsthandwerksmesse im Salon de Paris in den Räumlichkeiten des Louvres festgelegt und ausgestellt. Seit 1673 wurde regelmäßig auf dieser Kunstmesse gezeigt, was eine Jury unter “Kunst” verstand. Zwar gilt der Zeitraum zwischen 1650 und 1800 heutzutage als Zeitalter der Aufklärung, das galt auch in vielen Bereichen, aber nicht für die Kunst. Hier vertrauten alle einem einzigen Gütesiegel: dem Urteil der Salon de Paris Jury. Wären wir in einem Asterix Comic, würde jetzt die Frage auftauchen: Wirklich alle? Nein! Ein kleiner Kreis Unbeugsamer war anderer Meinung, leider leben wir nicht in einem Asterix Comic, sodass es keinerlei historische Papyri oder Aufzeichnungen von relevanten Gegenbewegungen gibt - bis es 1863 zur kunsthistorischen Revolution kommt. Die Machtverhältnisse in Paris haben sich in allen Lebensbereichen verändert und der damalige Kaiser Charles Louis Napoléon Bonaparte initiiert (oder besser gesagt erlaubt) den Salon des Refusés mit Werken, die von der Jury abgelehnt wurden. Das Ganze wird zu einer Art Gegenbewegung und durch die Beteiligung der Impressionisten, deren neuer Stil von der Jury abgelehnt wurde, entwickelt sich diese Gegenveranstaltung zum großen Publikumsrenner. Die Impressionisten sind die Kunst-Rebellen ihrer Zeit und machen Kunst aus Leidenschaft und Subjektivität gegen die vorherrschenden ästhetischen Wertvorstellungen. Sie durchbrechen alte Klischees und erweitern den Kunstbegriff, vor allem aber arbeiten sie unabhängig vom Geschmack der Jury, der eingefahrenen Traditionen und potenzieller Auftraggeber. Ihre Werke sprühen vor Emotionen und Subjektivität. Sie arbeiten nur noch für ihr neues Verständnis von Kunst, fernab von dem was vormals als “chic” definiert wurde. Das ist die Geburtsstunde der modernen Kunst, denn nun ist Kunst nicht länger bloß schicke (“chice”) Déco der Schickeria. Ab jetzt ist die Erneuerung das Postulat der modernen Kunst: Hauptsache neu, Hauptsache anders! Impressionismus, Expressionismus, Kubismus, Futurismus, Konstruktivismus, Surrealismus, etwas Dada, Neue Sachlickeit, Duchamps Pissbecken und alles danach definiert sich durch die Neuartigkeit als Kunst. 100 Jahre nach dem Salon des Refusés gehören die Vertreter der modernen Kunst selbst zum Establishment. Jetzt bestimmen zwar neue Kunstmuseen was „chic“ ist, doch im System reihen sich die Neuen Meister nahtlos an die Alten Meister ein - nur eben einen Museumsflügel weiter.
Nun entsteht Ende der 1960er Jahre eine neue Ausdrucksform des Style-Writings und Graffiti-Bombings auf den Straßen New Yorks – auch wenn es Zeichen auf Hauswänden schon seit biblischen Zeiten gibt, ist das New Yorker Graffiti-Bombing eine neue spezielle Form des Namensschreibens. Die Ausdrucksform reduziert sich auf die Darstellung abstrahierter Buchstaben und die Verbreitung von Graffiti-Künstlernamen (Tags) im öffentlichen Raum. In ihrer Vitalität und Spontanität erinnert es entfernt an die abstrakten, expressionistischen Action Paintings des New Yorker Künstlers Jackson Pollock. Doch eigentlich ist es etwas ganz Neues, etwas komplett Anderes. Es ist so weit von den üblichen Standards der Kunst entfernt, dass es sich nur schwer mit den Begriffen der Kunst beschreiben lässt. Seit dem Salon des Refusés und Duchamps Ready Made Urinal ist es vielleicht die radikalste Erneuerung der Kunst und deshalb „pure“ moderne Kunst. Während auf der anderen Seite die Street Art, mit ihren Silhouetten, Logos und Mustern eigentlich nur alte Klischees, vor allem der Pop Art, von der Leinwand auf die Hauswand überträgt. Gerhard Richter und andere Künstler haben Pop Art schon 1963 in einer Gruppenausstellung als „Kapitalistischer Realismus“ ironisiert und kritisiert. Eine Kritik, die auch der Street Art entgegen kommt, die oftmals nicht mehr von kapitalistischem Guerilla Marketing zu unterscheiden ist. Klar, Street Art ist „chic“ und wer einen echten Banksy erkennt, zeugt von Mode und Geschmack in gewissen Kreisen, aber damit, also dem „chic“-Sein, entlarvt sich die Street Art nur selbst als Kitsch. Im Übrigen befeuern die Street Art Künstler den Kitsch auch noch selbst, indem sie sich vom „hässlichen“ Graffiti-Bombing abgrenzen wollen und von einer Verschönerung des Stadtbildes durch ihre Kunst sprechen – also einem Kunstverständnis, das man 1863 schon überwinden wollte.
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