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Die Lausitz als Festival Region

von der Daniel, Kultur

Alle Leute mit denen ich gesprochen habe, teilen das Gefühl, dass die Festivals derzeit kräftig zunehmen. Insbesondere diejenigen, wo „Hippies den Akkuschrauber in die Hand nehmen und etwas faszinierendes hinstellen“ (so ein Bekannter). Stuss am Fluss und die Wilde Möhre sind da schon bekannter, im September wird es noch das Landflucht-Festival bei Spremberg. Du die vielen anderen größeren und kleineren Festivals wie das feel-Festival können wir hier gar nicht aufzählen. Zwar gibt es viele der Festivals schon länger, aber sie haben in diesem Jahr noch mal kräftigen Schub bekommen.
Scheinbar teilen viele Leute das Bedürfnis mal „raus zu kommen“ – raus aus der Stadt, aber vielleicht auch raus aus komplizierten sozialen Beziehungen und einer komplizierten politischen Landschaft.
Eskapismus heißt das Stichwort, das derzeit in vielen Feuilletons diskutiert wird – Weltflucht. Diese ist vielleicht so alt wie die Menschheit selbst, aber interessant ist schon dass sie immer häufiger, bspw. im Deutschlandfunk, diskutiert wird. Was tuen denn Leute um sich zu entspannen? Was tun insbesondere PolitikerInnen und JournalisInnen, die beständig verbal angegriffen werden und kaum eine freie Minute haben, in Ruhe mal über die Situation zu reflektieren. Und vielen Leuten geht es ja ebenso, die kaum noch Lust haben Facebook oder die Sozialen Medien insgesamt anzuschauen, weil dort beständig gehasst wird und gehetzt… oder die neueste Verschwörungstheorie um die Ecke schaut.
Doch Festivals sind nicht nur „weg von etwas“, sie sind auch ein „hin zu etwas“. Irgendwie sind sie auch eine soziale Plastik wie schön das Leben sein kann – jenseits von Geld und unbefriedigender Lohnarbeit (zumindest bei manchen). Sie sind ein Zeichen dafür, wie etwas funktionieren kann – beispielsweise gegen Spende und mit Leuten, die helfen, einfach weil sie Lust darauf haben. Das stimmt natürlich nicht bei allen Festivals – bei 110 Euro Eintritt bei der Wilden Möhre und 3 Euro für ein kleines Bier oder eine Mate liegt die Utopie nicht im ersten Schritt im Leben ohne Geld – dafür aber in einem freien und offenen Leben miteinander.
Und vielleicht sind die Festivals – neben den sozialen Erlebnissen auch das hin zu einer neuen Körperlichkeit – zu den Bässen, denen sich kaum jemand entziehen kann – und vielleicht aber auch zu dem draußen im Sinne von Licht, Luft, Natur – und dies eben nicht nur eine halbe Stunde im Park… Auf dem Zeltplatz nutzt einem oder einer der Like-Button relativ wenig. Und vielleicht ist die Lausitz auch gerade deshalb für Festivals interessant: in Göritz, bei der Wilden Möhre, gab es schlicht keinen Handyempfang, geschweige denn Internet.

Stuss am Fluss
Das „Stuss am Fluss“ Festival (facebook.com/StussAmFluss) in diesem Jahr war wohl eines der schönsten Festivals in und um Cottbus seit langem. Viele Leute waren absolut begeistert. Aufgebaut waren wieder viele „Buden“, die selbst zusammengezimmert waren, das alles hatte eine angenehmen DIY-Atmosphäre („do it yourself“, obwohl es jetzt eher heißt „do it together“) und auch mit dem Eintritt gegen Spende wurde dieser Eindruck nicht verdorben. Auch viele der Bands hatten Spaß und haben auch deshalb häufig gegen eine nur kleine Gage gespielt. Mehr als tausend Leute waren insgesamt da und haben gefeiert und die Atmosphäre genossen. Das Festival fand am 15. Und 16. Juli statt, doch wer die besondere Atmosphäre genießen wollte konnte auch schon einige Tage vorher und noch einige Tage nachher helfen… und natürlich Swimmingpool und Chillout-Floß genießen. Nach dem dritten Anlauf, vorher als MuCheZe, ist das Stuss am Fluss Festival (Nummer zwei) nun fest in der Cottbuser Kultur angekommen – herzlichen Glückwunsch! Und ganz ehrlich: Wann und wo kann man denn sonst mal auf einem Floß tanzen oder chillen?

Wilde Möhre
„Das hier ist die Konföderation der leichten Hand!“ beschreibt der Gelbe Wahnfried, dem das festival-gelände gehört, den Umgang mit den Organisatoren der „Wilden Möhre“. „Niemand erhebt hier den Finger oder ballt die Faust…“ Knapp 5.000 Menschen kamen in Göritz zusammen um zu feiern und eine gute Zeit zu haben. Viel wurde dafür gebaut: drei Floors, eine große Bühne instand gesetzt, verschiedene Installationen wie ein Märchenwald wurden in den Wald gesetzt, ein Pizza-Ofen neu gemauert… und, und, und. Das ist ein ganz schön großer Aufwand für ein Festival, aber die Leute von der Wilden Möhre haben das Gelände nun das ganze Jahr über gepachtet.
Und die Veranstalter – das wilde Möhre Kollektiv – bemühen sich auch, nicht wie ein Ufo in der Region zu landen, auch wenn sie selbst aus Berlin, Dresden und Leipzig kommen. Sie haben regional plakatiert, die Aufträge (vom Baggerfahren bis zum Elektriker) an lokale Unternehmen vergeben, sie haben regionale Medien angesprochen und sie haben auch verschiedene Initiativen und Unternehmen der Region zum Mitwirken eingeladen. So war der Kost-nix-Laden aus Cottbus in diesem Jahr das erste Mal dabei und auch die Höfegemeinschaft Ogrosen, Leute aus dem Umfeld des Muggefug haben da unterstützt und auch einige freiwillige HelferInnen beim Aufbau kamen aus Cottbus. Nach einigem hin-und-her mit den Genehmigungen war auch ein Vertreter des Landrates da und wohl sehr angetan von der Atmosphäre.
Geboten wird auf dem Festival vieles, von Ska- und Gipsy-Bands bis hin zum Elektro-Floor, der Fokus liegt aber sicher auf elektronischer Musik. Beeindruckend sind auch die vielen Lichtinstallationen.
Problematisch ist aber sicher die Preispolitik, denn die Freiheit der wilden Möhre muss man sich auch erst einmal leisten können. Natürlich wird viel geboten und das Möhre-kollektiv legt alles auch in einem Transparenzbericht dar – andererseits sind 110,- Euro (bei manchen stellen auch preiswerter) bei knapp 5.000 Leuten auch schon eine Stange Geld. Und fairerweise haben die Securities den BesucherInnen am Einlass auch nur die Glasflaschen abgenommen und jede(r) konnte seine Plastikflaschen auf das Festival bringen… das ist ja aber auch nur eine Notlösung…

Empfehlenswert ist die Wilde Möhre also allemal – für diejenigen, die sie sich ohne Probleme leisten können und wollen. Alle andere können aber bspw. auch als HelferInnen anheuern. Doch eines bleibt auf jeden Fall, wie der gelbe Wahnfried meinte: „Auf dem Festival gab es ein anderes Zusammenleben, eines, dass dazu beiträgt, die ganzen gesellschaftlichen Ängste aufzulösen.“

Landflucht
Stadtluft macht frei hieß es früher einmal… die Freiheit der Gedanken wollen die Veranstalter des Landflucht-Festivals vom 9.-11. September aber nun in die – wohlverstandene – Provinz legen: „In der Mitte vom Nirgendwo, Tagebau-Nähe, Kiefernschonungen – ein halb verfallener Bauernhof und eine Prise Schweinemist – tiefste Brandenburger Heimatprovinz vom Feinsten. Freitag und Samstag befindet sich unser urbanes Gewese
auf dem Weg der Rückbesinnung zu Mutter Natur. Wir sind Hexen und Ketzer und allesamt Vogelfreie. Wir huldigen der Freiheit der Gedanken.
Es gibt einen bunten Strauß aus regionalen Bands und DJs, echt viel Wetter und dazu Lagerfeuer, Nachtlagerplatz, Verpflegung für schmale Taler, allerlei Stände.
Und dazu unsere unerschütterliche Überzeugung, dass nur die Liebe einen echten Sieg bedeuten kann. Buddhistisch, anarchistische Nihilisten im unendlichen Jetzt…“ Weitere Informationen gibt es unter: www.landflucht-openair.de, die Tickets kosten im Vorverkauf 21,- Euro und an der Abendkasse 25,- Euro. Das klingt fair für (derzeit) 25 Bands, DJs und Acts – und es werden täglich mehr…
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