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Fernsehgerät vor Plattenbau

Cottbus, Berliner Straße, 2016

von Daniel Ebert, Kultur

Der Künstler Joseph Beuys begriff die Gesellschaft als formbare Plastik und nannte es „erweiterter Kunstbegriff“, der jeden Menschen auffordere, die Welt, Umwelt, Gesellschaft, Politik, wie Gedanken, Worte und sich selbst umzuformen. „Jeder Mensch ist ein Künstler!“ lautete sein Aufruf aktiv und damit kreativ zu werden – kreativ im Sinne von „etwas kreieren“, „etwas machen“. Dieses „etwas“ bezieht sich dabei nicht auf kunst-handwerkliche, sondern soziale Handlungen. „Jeder Mensch ist ein Künstler!“ heißt nicht, dass jeder Mensch malen kann, sondern, dass jeder Mensch die Welt kreativ verändern kann. Wird die Gesellschaft als „Soziale Plastik“ begriffen, dann kann jeder als gestaltender Künstler an der Formung teilhaben. Seinen Begriff der Plastik grenzt er dabei explizit von der Bildhauerei und deren Skulpturen ab, bei denen feste Formen aus anderen festen Formen gehauen werden. Plastik hingegen entsteht aus einem flüssigen Zustand und lässt sich durch Wärme umformen. Plastik hat auch das künstlerische Potenzial chaotischer und dynamischer zu sein als konventionelle Bildhauer-Skulpturen. Diese Unterscheidung kann auch als politisches Sinnbild verstanden werden, Beuys „Soziale Plastik“. Deshalb hat Beuys in klassischen Kunstkontexten gerne mit Fett gearbeitet, ein Material, das genau diese Eigenschaften widerspiegelt. Der Rucksack-Rapper der 1990er würde jetzt kopfnickend bestätigen: „fett!“ Die Plastik als Idee der Dynamik, „im Fluss sein“, der sozialen Wärme und Solidarität, aber auch einer chaotischen, utopischen, ideellen Freiheit. Jetzt kann man natürlich sagen, das ist doch abgehobene Künstlerkacke. Aber Beuys hat seinen erweiterten Kunstbegriff sehr ernst genommen und umtriebig gesellschaftliche, politische und umweltbewusste (Kunst-)Protestaktionen durchgeführt. Er hat unter anderem verschiedene Vereine und Parteien gegründet, so war er Initiator und Gründungsmitglied einer freien Universität und der politischen Partei der „Grünen“. Das Revolutionäre seines Kunstbegriffes ist, dass er nicht museal, sondern anthropologisch funktioniert und den Menschen und seine Wirkmacht ins Zentrum stellt, unabhängig von institutionellen Zwängen. Während die Ready-Made-, Pop-Art-, Happening- und Fluxus-Kunst seiner Kollegen und Vorgänger nur im musealen Rahmen als Kunst funktioniert, kann Beuys mit seinem erweiterten Kunstbegriff diese Zwänge verlassen und zum Beispiel die Verhinderung der Abholzung eines Waldes durch eine kreative Demonstration als Kunst vermitteln.

Nun springen wir ein paar Jahrzehnte in die Zukunft nach Cottbus in die Berliner Straße. Vor einem Plattenbau liegt ein zerschmetterter Fernsehen und bildet eine Mischung aus klassischer Skulptur – etwas Festes aus etwas Festem hauen und der Sozialen Plastik als Zeichen des Gesellschaftswandels. Es ist ein Zeichen der wachsenden Kritik, aber leider auch des ungezügelten Hasses am (journalistischen) Fernsehprogramm. Ob es der obskure Zorn über die vermeintliche „Lügenpresse“ war, der den Fernsehen in hohem Bogen zur Kunstskulptur beförderte oder doch nur eine Übersprunghandlung nach plötzlicher Realisierung der Unerträglichkeit des privaten TV-Programms. So oder so ist es ein Sinnbild und Ausdruck einer gesellschaftlichen Veränderung. Doch es heißt aufgepasst, denn schnell kann die kreative, künstlerische Energie in falsche Bahnen kommen. Deshalb sollte man öfters an Beuys Unterscheidung von Plastik und Skulptur zurückdenken: Alles kann in einem dynamischen Fluss verändert werden ohne Festes aus Festem hauen zu müssen.
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