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Die Menschen sind Teufel und leben im Kino.

David Lehmann. Arbeiten auf Papier

von Daniel Ebert, Kultur

„Die Menschen sind Teufel und leben im Kino“ zeigt assoziative Arbeiten von David Lehmann auf Papier zu ausgewählten Filmen. Stilecht überzeugt er sonst auf großen Leinwänden mit vielen erotischen Anspielungen, dagegen wirken die Arbeiten auf Papier im kleineren Format eher wie spontane Gedankenspiele – was sich auch im schnellen Pinselstrich, der wässrigen Farbe und der einfachen Gestaltung wiederspiegelt. Trotzdem funktioniert die Ausstellung sehr gut. Der Spaß besteht in der Filmauswahl und dem Rätselspiel mit den Titeln, Szenen und Bedeutungen.
Bemerkenswerterweise ist es eine Ausstellung für Hipster – und das meine ich als Kompliment. Das ursprüngliche Hipstertum entsteht im Umfeld der (überwiegend schwarzen) avantgardistischen Bebop-Jazz-Szene Amerikas in den 1940er Jahren und wird von den (überwiegend weißen) Dichtern der Beat Generation in den 1950er Jahren fortgeführt. Diese Hipster sehen sich als Vorreiter einer neuen, hippen Kunstszene zwischen wildem Exzess und unaufgeregter Intellektualität, rebellierend gegen das Spießertum und festgefahrene Strukturen. Die Literatur von Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs, die Musik von Charlie Parker, Thelonious Monk und Dizzy Gillespie und die Kunst von Jackson Pollock und anderen der „Jähzornigen“ Künstler prägen das damalige Hipstertum. Ihre Stil-Elemente zwischen Exzess, Spontanität und Intellektualität lassen sich auch in vielen Filmen der Ausstellung wie bei Jean-Luc Godard, Rainer Werner Fassbinder oder Werner Herzog wieder finden.
Heute ist der Hipster ein ganz anderes Phänomen. Die Kunst, die Szene und die Coolness haben sich verändert und vor allem ist die Ironie in das Hipstertum eingekehrt: Mode und Merkmale der intellektuellen und bildungsfernen Schichten werden kombiniert und teilweise ironisch zur Schau getragen: wie einerseits die Kastengestell-Brille als Symbol der Belesenheit und andererseits die Truckfahrermütze als Symbol nostalgischer Fernfahrer-Romantik, wie sie schon Jack Kerouac in „On the Road“ beschreibt. Dieses, teilweise wahllos wirkende, Stil-Sampling, wie es die Hipster (über)treiben, wird häufig als Kultur-Phänomen unserer Zeit beschrieben, als typisch „post-modern“.
Die neuen Hipster unterscheiden dabei nicht zwischen Hoch- und Populärkultur, zwischen Ernsthaftigkeit und Unterhaltung – und genauso kann man auch die Ausstellung von David Lehmann lesen. Hier wird dieser neue Typus Hipster erkennbar, bei dem schwere Filme in einer Reihe mit „Independence Day“ abgehandelt werden. Die Arbeiten sind mal ernst, mal unterhaltsam und halten sich immer eine Hintertür der Ironie offen. Das muss nicht jedem Gefallen und Theodor W. Adorno hätte sicherlich seinen Spaß gehabt, das doppelbodige Kunstverständnis dieser Unterhaltungs-Kulturindustrie zu kritisieren und eine Hasstirade über die Belanglosigkeit des Films abzufeuern, aber genau dieses ernst-konservative Kulturverständnis haben die ursprünglichen Hipster schon Mitte des letzten Jahrtausends bekämpft. Die Diskussion über Kunst- und Kulturverständnis scheint wieder eröffnet.
Zwei Randnotizen zum Schluss. Erstens: Es ist schön zu sehen, dass die Ausstellung, passend zum aktuellen Hipstertum, inkonsequent ist. So mogelt sich, fast verstohlen, in eine Ecke der Ausstellung ein einzelnes, fast wahllos wirkendes, Portrait der Regisseurin Maya Deren. Für die Hipster-Meta-Ebene funktioniert das aber recht gut. Zweitens: Der Clash zwischen Hoch- und Populärkultur kommt eigentlich auf einem Randschauplatz zum Höhepunkt und zwar im Begleit-Text zur Ausstellung. So ist hier zu lesen: „Jedes Bild für sich genommen zeichnet eine Art von Quintessenz eines bestimmten Filmes nach, während das Ensemble gleichsam ein Parforceritt durch die existentialistischen Tendenzen der Cinematografie abbildet. […] Geradezu gedacht wie eine filmische Montage bilden Überblendungen und motivische Überlagerungen ungewöhnlich tiefe Bildräume, die jenseits der Kategorien von abstrakt und gegenständlich angelegt sind, diese aber gleichermaßen zur Disposition stellen.“ So kann man die Ausstellung Kunst-typisch, verkopft-verklausuliert auch beschreiben, aber die Diskussion über Hoch- und Populärkultur, Hipstertum und klassische Institution gefällt mir besser, sie hat auch mehr Mut zur Unterhaltung, Humor und Ironie. Wer Lust auf diese Diskussion hat, sollte sich David Lehmanns Ausstellung im dkw Cottbus bis 28.8.2016 jedenfalls ansehen.
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