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Einzelkämpfer und Wutbürger

29. Cottbuser Filmfestival stellt gesellschaftliche Konflikte in den Mittelpunkt des Filmfestivals

von Bernd Müller, Film

Anfang November ist es wieder so weit: Vom 5. bis zum 10.11. strömen wieder zahlreiche nationale und internationale Gäste durch die Stadt, in den Cafés und Restaurants wird es voll und eng. Zum 29sten Mal findet in Cottbus das Filmfestival des osteuropäischen Films (FFC) statt. In diesem Jahr verbindet es zwei Jubiläen: 30 Jahre „friedliche Revolution“ und 100 Jahre Bauhaus.
Insgesamt werden es 210 Filme aus 45 Ländern sein, die an den sechs Festivaltagen gezeigt werden. Darunter viele Erstaufführungen: Sieben Weltpremieren, eine Europapremiere und 61 Deutschlandpremieren.
Medienstaatssekretär Thomas Kralinski zeigte sich bei der Pressekonferenz in Potsdam überzeugt, dass das Filmfestival seinem hervorragenden internationalen Ruf gerecht werden wird. „Das Filmfestival zeigt die kulturelle Vielfalt Ost- und Mitteleuropas, hinterfragt einseitige Geschichtsbilder und macht neugierig auf andere Sichtweisen“, sagte er. Damit leiste es einen wichtigen Beitrag zum zivilgesellschaftlichen Diskurs.
In diesem Jahr sind es vor allem die Werke vieler junger Regisseure, die den Wettbewerb des Filmfestivals prägen. „Zwischen Polit-Thriller und ironischen Untertönen kommen Biografien von Menschen auf die Leinwand, die zuweilen sehr stürmisch auf Gerechtigkeit drängen“, sagte Programmdirektor Bernd Buder. Dabei stehen keine Kollektive im Mittelpunkt, die für ihre Sache eintreten, sondern Einzelkämpfer, die gegen gesellschaftliche Probleme anrennen. Das sind Menschen unter Druck, Wutbürger, die genug haben und aufbegehren.
Da ist zum Beispiel Vandam, Hooligan und Wutbürger Štephán Altrichters Film NATIONALSTRAßE. Er lebt seit seiner Kindheit in einer Plattenbausiedlung am Rande von Prag und er fühlt sich dort heimisch. Als seine Stammkneipe der Gentrifizierung zum Opfer fallen soll, gilt es zu handeln. In Teodor Kuhns Spielfilmdebut MIT EINEM SCHARFEN MESSER haben wir es mit einem Vater zu tun, der Gerechtigkeit für seinen Sohn will. Dieser wurde von Neonazis mit einem Messer erstochen. Der Vater nimmt den ungleichen Kampf mit einem undurchsichtigen Justizapparat auf und trifft auf ein Geflecht aus Desinteresse, Verfahrensfehlern und mafiösen Verstrickungen. Der Film wurde übrigens inspiriert von einem bis heute unaufgeklärten Mord im Jahre 2005.
Das erste Jubiläum, das im Programm des diesjährigen Filmfestivals seinen Niederschlag findet, ist der 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer. In der Sektion BLEIBT ALLES ANDERS? geht es auf die Spuren des Filmschaffens der 1990er-Jahre in Ostdeutschland, der Slowakei und Tschechiens. Sieben Filme reflektieren aus unterschiedlichen Perspektiven soziale, kulturelle und ganz persönliche Entwicklungen.
Michael Erlers RUNDE TISCHE – DIE GREMIEN DER FRIEDLICHEN REVOLUTION behandelt eine Institution der „Wendezeit“, die aus historischem Blick wenig Gestaltungskraft hatte. Damals kamen Bürgerrechtler, Politiker, Theologen und Oppositionelle am sogenannten Runden Tisch zusammen, um den gesellschaftlichen Wandel zu moderieren. Am Ende scheiterte dieses Experiment allerdings an der Übermacht und dem Geld des Westens und an der Einfältigkeit der Bevölkerung.
Ob es tatsächlich so war, darüber kann am 6. November im Glad-House diskutiert werden. Vor der Podiumsdiskussion werden die Filme ALLES ANDERE ZEIGT DIE ZEIT von Andreas Voigt und Florian Kunerts FORTSCHRITT IM TAL DER AHNUNGSLOSEN gezeigt. Voigt, Dokumentarfilmer aus der DDR, wertet im Stile eines Chronisten eigene filmische Beobachtungen der „Nachwendezeit“ neu aus. Kunert, 1989 geboren und in der Sächsischen Schweiz aufgewachsen, entführt mit seinem Dokumentarfilm in eine Welt aus Nostalgie, Gastfreundschaft, Ahnungslosigkeit und fehlendem Fortschritt. Im Anschluss kann dann diskutiert werden über ostdeutsche Mentalitäten, aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtete Lebensläufe und ob Ostdeutsche nach der „Wende“ wirklich zu Bürgern zweiter Klasse gemacht wurden.
Das zweite Jubiläum, das mit dem diesjährigen Filmfestival verbunden ist, ist 100 Jahre Bauhaus. Damit wird eine Kunstrichtung in den Fokus genommen, die auch in den ehemals sozialistischen Ländern Bedeutung hatte. Unter anderem soll damit die Aufmerksamkeit auf eine Architektur gelenkt werden, die oft vergessen wird.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Kooperation des Filmfestivals mit dem Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst. Dieses widmet sich nämlich ebenfalls von Oktober bis Januar in fünf Ausstellungen der Bauhaus-Kunst.
Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Kunstproduktion, die sich vor 100 Jahren niemand leisten konnte und die sich wohl auch heute noch niemand leisten kann, sagte Ulrike Kremeier, Direktorin des Museums bei einer Pressekonferenz in Cottbus. Stattdessen werde eine Variante der Bauhauskunst in den Mittelpunkt gestellt, die sich seinerzeit vor allem an die untere Mittelschicht wandte und den Entwurf einer neuen Gesellschaft bildete.
Wer ein Ticket des Filmfestivals hat und sich für die Ausstellungen interessiert, kann sich diese zu dem sehr günstigen Eintrittspreis von einem Euro anschauen. FFC-Geschäftsführer Andreas Stein sagte zu, dass in diesem Jahr auch eine blaue Linie zum alten Dieselkraftwerk führen soll, damit alle Interessierten auch den Weg zur Ausstellung leicht finden können.
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