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Gesehen: IWANOW – Gastspiel Intergogue / Theater für die überarbeitete Bevölkerung, Berlin

4. Juni 20016, BÜHNE acht

von Ramona Göök, Kultur

Eine Beschäftigung mit „Iwanow“ stellt wegen des sich nur schwer erschließenden Charakters der Hauptfigur eine gewisse Herausforderung dar. Tschechow schwebte wohl eine Art russischer Durchschnittcharakter vor (Iwanow ist im Russischen so häufig wie im Deutschen Schmidt, Schulze, Meier). Dieser Jammerlappen (wie er sich selber nennt) richtet seine Frau zugrunde, gleichzeitig wird seine frühere Großzügigkeit gelobt, die dazu geführt hat, dass er inzwischenmittellos dasteht. Und an den gaunerhaften Geldgeschäften seiner Umgebung kann er sich nicht beteiligen, obwohl alle das Gegenteil behaupten.
Die Inszenierung trägt dem tschechowschen Kolorit - bei aller Aktualität (die dubiosen Geschäfte werden wie an der Börse abgewickelt) – durchaus Rechnung (Unter anderem mit einem den russischen Birkenwald zitierenden Bühnenbild).
Für eine plausible Sicht auf die Hauptfigur räumt das nicht alle Hindernisse aus dem Wege. Ist die Entscheidung, die Hauptfigur mit einer Frau zu besetzen (die Rolle ausfüllend: Isabelle Schulz) wirklich notwendig gewesen? Zumindest am Anfang kann man das nicht vollständig nachvollziehen. Wenn dann der tote Iwanow am Schluss mit offenen Haaren daliegt, kann man auf den Gedanken kommen, dass hier jemand gezwungen war, vor sich selber eine falsche Rolle zu spielen
Die andere Entscheidung, die Figur des Gutsverwalters Borkin durch einen Chor zu ersetzen, leuchtet sofort ein: Dieser Chor gibt, mit seinen pausenlosen Einladungen zu unsauberen Geschäften, die Gedanken Iwanows wieder, denen er, um sich aus seinen Geldnöten befreien, immer wieder folgen will - aber nicht kann.
Das ist sauber gearbeitet, diese Chöre zu hören und zu sehen ist ein Genuss. Wie man überhaupt sagen muss, dass dem Regisseur (Mathias Neuber) ein Ensemble zu Verfügung steht, dass allen Figuren eine unverwechselbare Präsenz zu verleihen vermag. (Herauszuheben aus einem durchweg starken Ensemble ist Kim White als Sinaida Sawischna - wie sie die Figur trotz Rücksichtslosigkeit und Kälte zu verteidigen vermag, ist sehenswert).
Schließlich tritt hinter dem kurzweiligen, und durchaus komischen Geschehen, die Absicht der Inszenierung zutage: Als zum Schluss, nach dem Tod seiner Frau, die Wiederverheiratung Iwanows alle, einschließlich Braut und Bräutigam, hinter vorgehaltener Hand ablehnen - und dennoch nach außen, vor den anderen, daran festhalten.
Niemand scheint da bemerken zu wollen (oder zu können), wie sie alle das falsche Stück spielen.
Bis auf einen. Der Clown Schabelskij (Tim Wildner) verlässt - mit den Worten: Man müsse endlich mal lernen die Rollen hinzuschmeißen: die im Leben und die im Theater - die Bühne und lässt sich während des Schlussapplauses auch vom Regisseur nur mit Widerstand wieder hereinholen. Wenn das inszeniert war, war es gut inszeniert.
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