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Gesehen: HAMLET

Premiere 21. Mai 2016, gesehen 31. Mai, Staatstheater Cottbus

von Jens Pittasch, Kultur

Fechtübungen, Typen mit Maschinenpistolen, SciFi-Arenaambiente vor laufender Kamera, durchdringende Musik, totalitäre Architektur, Großbildschirme - wir befinden uns irgendwo zwischen Tribute von Panem und Reichsparteitag, zwischen vorgestern, gestern und morgen - zeitlos, im Heute.
Entfernte Handlungen treten per Skype ins Bild, Wirtschaftsdaten, Weltpolitik und Überwachung flimmern über die Monitore der Machtzentrale (Bühne Juan León).
Mitten in der Regierungserklärung das erste Opfer, der König, Hamlets Vater (Gunnar Golkowski).
Mit dem Wechsel des Regenten erfolgt ein Stilwechsel auf Bühne und in der Politik. Erfolgt er? Zumindest die Spiele werden bunter, das Volk hat mehr zum Schauen und zum Jubeln. Ist besser abgelenkt von dem, was wirklich geschieht.
Regisseur Mario Holetzeck liefert in eigener Fassung einen enorm verdichteten Hamlet, lässt Beiwerk weg, verzichtet auf Handlungsorte und Reisen zwischen diesen; alles, was Holetzeck macht, hat den Zweck, die Dinge auf den Punkt zu bringen und die wichtigen Figuren besser zu zeigen.
Und das gelingt großartig.
In unserer Dienstagsvorstellung ist viel junges Publikum - zum Pflichtbesuch. Gerade vor dem Theater und im Foyer noch grenzwertig pupertär, hat Holetzeck sie sofort gepackt. Kein Mucks mehr, Spannung über drei Stunden, und wohl auch Erstaunen, dass das Shakespeare ist. Was hier passiert, verstehen sie, das sind ihre Leute, da vorn. Der junge Hamlet (Johannes Kienast), die noch jüngere Ophelia (Lucie Thiede). Auch diese smarten Erwachsenen kennen sie, Claudius (Amadeus Gollner) und Gertrud (Heidrun Bartholomäus). Und manipulative Typen im Hintergrund, wie Polonius (Susann Thiede); Gammlerstudenten, wie Horatio (Matthias Manz) und Aufbrausende, wie Laertes (Henning Strübbe).
Die Inszenierung kombiniert geschickt, und als könnte es garnicht anders sein, Sprache zwischen klassisch und modern, wirklich tolle Fechtszenen (Kämpfe Alister Mazzotti) mit Instant-Messaging (Videos Ron Petraß) und Ernst mit überraschendem Humor.
In allem steckt viel Energie, ist das Niveau der Darstellungskunst durchgängig außerordentlich hoch und erhält das Stück Sichtweisen und erhalten Charaktere Ebenen, die Shakespeares als Ansatz begreifen und als Sprungbrett ihn im aktuellen Kontext neu zu entdecken.
Toll gemacht, besonders sehenswert - ab 15. September wieder im Programm: Vormerken!
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