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25 Jahre junge Kunst in Wohnungen

Von World Soup zur Living Room Gallery #3

von Daniel Ebert, Kultur

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Laut dem britischen Kunstmagazin "ArtReview" war der Schweizer Kurator Hans-Ulrich Obrist 2016 die einflussreichste Person im internationalen Kunstbetrieb. Interessanterweise fand 1991, da war er 23 Jahre alt, seine erste Ausstellung “World Soup” in der Küche seiner St. Gallener Wohnung statt - quasi dem Prototypen jeder Living Room Gallery. Es ging ihm damals darum, eine Ausstellung an einem Ort zu machen, an dem zuvor üblicherweise kaum Ausstellungen kuratiert wurden. Die befreundeten Künstler (Christian Boltanski, Fréderic Bruly Bouabré, Hans Peter Feldmann, Peter Fischli/David Weiss, Paul-Armand Gette, C. O. Paeffgen, Roman Signer und Richard Wentworth) wurden damals von ihm eingeladen auf den Raum zu reagieren, der aber seine Funktionsfähigkeit als Küche behalten sollte. Im Kontext der Alltäglichkeit der Küche musste sich die Kunst anders definieren als in einem für die Rezeption von Kunst vorgesehenen Ausstellungsraum. Vereinfacht gesagt, stellte er als Kurator die Frage: Ist Kunst in der Küche überhaupt noch Kunst? Seine Antwort: Ja! Obrist lebt Kunst seit seiner Kindheit und pflegt seit jungen Jahren persönliche Beziehungen zu internationalen Künstlern – da erscheint eine Ausstellung in seiner Küche als ein intimes, persönliches Fest oder Manifest für die Kunst, die ihren institutionellen “Kunstkontext” durch ihn als Person und Kurator gewinnt. Seine Küchenausstellung stand weniger in kritischer Opposition zu traditionellen Ausstellungsorten wie Museen und Galerien, sondern entwickelte eine Art Ergänzung oder Bereicherung für den Kunstbetrieb. Obrist ist kein Rebell sondern ein Lebemann der Kunst und so funktionierte die Küchenausstellung als persönliches Statement hervorragend. Es war quasi die Umkehrung von Duchamps Fontäne, dem Ready-Made Urinal, bei der großen Schau der Society of Independent Artists im New Yorker Grand Central Palace im April 1917. Duchamp brachte, durch den Kontext, das Alltägliche zur Kunst und Obrist brachte die Kunst, ebenfalls durch den Kontext, ins Alltägliche. Letztendlich hinterfragten beide die Beziehungen von Ausstellungsort, Kurator, Künstler, Kunst und Publikum. Duchamps Antwort: Alles, was von einem Künstler im musealen Kontext ausgestellt wird, wird zu “Kunst”. Obrist Antwort: Indem die Kunst in den privaten Räumen des Kurators ausgestellt wird, wird dieser auch explizit und persönlich sichtbar. Sein Statement: Kunst ist mein Leben! Kunst ist Leben! Der Kunstbetrieb wird somit auch ein Stück weit entmystifiziert, indem die Personen und ihr Alltag sichtbar werden. Inzwischen wird die Rolle des Kurators manchmal schon überbewertet, aber damals war es etwas Neues, den Kurator derart in den Vordergrund zu stellen.

Living Room Gallery

Heute ist das Konzept „Kunst in Wohnungen“ in unzähligen Städten zu finden, egal ob Zürich, Düsseldorf, Berlin oder Cottbus. Ein Minuspunkt der meisten ist aber die Auswahl der Wohnungen, die oftmals total beliebig wirkt – bzw. mehr praktisch als konzeptionell begründet ist. Natürlich bekommt eine Kunstausstellung in den Räumlichkeiten wichtiger Kunstakteure eine besondere Bedeutung – vielleicht kann das ein Input für die nächste Living Room Gallery sein, die in den Wohnungen von Hans Scheuerecker (Künstler) oder Ulrike Kremeier (Direktorin Kunstmuseum Dieselkraftwerk) stattfinden könnte – oder im Flüchtlingsheim – das würde den Kontext jedenfalls erweitern. Das Konzept der Kunstausstellungen in privaten Räumen ist 2016 längst nicht mehr so verblüffend wie 1991, aber der Wohnungs-Kontext stellt noch immer die gleichen Fragen nach der Beziehung zwischen Ausstellungsort, Kurator, Künstler, Kunst und Publikum. Neben der Frage nach “privat vs. öffentlich”, die im Kontext digitaler sozialer Medien, dringender denn je zu diskutieren ist, kommt bei der Living Room Gallery noch eine weitere dringende Frage der Erlebnisgesellschaft hinzu: Ist die Living Room Gallery “nur” eine Partyreihe oder ein “echtes” Kunstevent? Was kann Kunst 2016? Was muss Kunst 2016? Und ist das Kunst oder kann das weg? Es wäre schön, wenn sich die Living Room Gallery und ihre Akteure stärker mit diesen Fragen auseinandersetzen würde und sich auch explizit positionieren würden, um tatsächlich den Kunstdiskurs zu bereichern. Aber vielleicht ist das auch alles viel zu verkopft gedacht und die junge Kunst-Szene um die Living Room Gallery, die stark mit der Graffiti-Szene verknüpft ist, hat ganz andere Vorstellungen von Kunst: Mehr Erlebnis, Event und Abenteuer als Kontext, Konzept und Gedankenkonstrukte. Letztendlich bleibt vielleicht ein ganz anderes Fazit: wenn schon feiern, dann für den guten Zweck. Die Living Room Gallery unterstützt Viva Con Aqua! Wowereit hätte gesagt: „Und das ist auch gut so!“


Foto: Daniel Ebert
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