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Loblied der Cottbuser Praxis

Kommentar zur Living Room Gallery

von der Daniel, Kultur

Ich kann die Living Room Gallery – zumindest die Ausstellung – nur von außen beschreiben. 60 bis 70 Menschen warteten abends noch vor der WK51 um eingelassen zu werden. Und ich hatte keine Lust 45 Minuten zu warten. Einige Bekannte von mir sind über die Mauer geklettert, um noch in die Ausstellung zu kommen – und einige wenige hatten auch Erfolg.
Wann gab es das sonst in der Cottbuser „Kunstwelt“? Die Kunstszene der Hochkultur insgesamt ist doch schwer zugänglich und sie steckt voller Verabredungen und Konventionen. Da reicht es also nicht, über eine Mauer zu klettern, um hinein zu kommen. Da müssen Bücher gewälzt und der Hemdkragen zurecht gerückt werden – oder der schwarze Rollkragenpullover entstaubt. Eine solche Kunstszene erzwingt doch einen beinahe demütigen Zugang zu den Werken der „Großen“, der Genies, vor denen wir uns verneigen müssen. Ehrfurchtsvoll erschauern wir dann vor den monumentalen Werken, die auf die Erhabenheit der Welt verweisen. Und ein solcher Kunstkosmos scheint dann eben auch entrückt aus einer Alltagspraxis vieler Menschen.
Natürlich fände ich es spannend (wie Daniel Ebert oben vorschlägt), bei Ulrike Kremeier in der Wohnung zu stehen und mal zu schauen, was sie – als „ästhetisch Wissende“ – bei sich für Bilder, Fotos und Skulpturen zeigen würde. Das wäre vielleicht faszinierend, aber es wäre eben auch weit weg aus der Lebenspraxis vieler Menschen.
Gerade aber Konzepte wie in der Galerie Fango oder auch die Living Room Gallery setzen ja an einem anderen Punkt an: beim Ausgehen, Weggehen, Freunde treffen und eben auch – unverbindlich und nebenbei – Kunst (was immer das sein mag) genießen und anschauen. Das ist die Verbindung zwischen Kunst und sozialer Praxis.
Gerade die Living Room Gallery ist nur aus dieser Praxis zu verstehen: eine lokal sehr kreative NGO (Viva con Aqua), die aus dem (internationalen) universitären Umfeld stammt, organisiert Ausstellungen in Häusern und Wohngemeinschaften von Menschen, die ebenfalls aus diesem Umfeld stammen. Das kann als praktisch empfunden werden – ist doch aber gerade wieder ein starker Verweis auf die Lebenspraxis, aus der eine solche Aktion hervorgeht. Es verweist darauf, dass es in Cottbus eben Räume oder vielmehr ganze Häuser und Wohngemeinschaften gibt, die so frei sind, offen zu sein und sich zu öffnen für hunderte mehr oder weniger Fremde, die vorbei schauen. Und zumindest dies ist eine liberale Cottbuser Praxis. Nun, diese ist natürlich ebenso nicht völlig offen – sondern sie zielt auf ein Milieu aus Studierenden und Kreativen. Doch auch wenn sich zumindest nicht alle älteren Arbeiter aus Sachsendorf hier wohl fühlen dürften – sie könnten zumindest auch kommen und beim Bier an der Bar wären wahrscheinlich mehr Gespräche möglich als beim Sektempfang der Hochkultur.
Nicht jede(r) hat mit 23 Jahren international anerkannte Kunstfreunde und stellt diese in der Küche aus, aber vielleicht wäre der Weg auch ein anderer: vielleicht müsste im DKW eine Ausstellung des „Best of Living Room Gallery“ stattfinden – mit anschließender Elektroparty. Damit würden die WGs die Räume der Hochkultur nutzen oder übernehmen. Aber das wäre dann auch eine Art Dialog aus (zumindest) verschiedenen Präsentationsformen von Kunst. Genau dann könnten und müssten sich die Initiatoren der Gallery auch Gedanken zum Konzept machen. Doch warum sollten sie dies vorher sowie aus der Perspektive einer bürgerlichen Hochkultur tun und sich dieser anbiedern?
Ja und auch die ausgelassene Feier nach der Ausstellung gehört eben zur Living Room Gallery – das Chekov als Partyraum war gut besucht. Und ausgelassen gefeiert wurde bis ins Morgengrauen. Die Installation der Fernseher mit Musik als Störsignal könnte (überarbeitet) auch gut im Eingangsbereich des DKW stehen; als Kunst aus der Cottbuser Partypraxis – und spätestens dann wäre auch sie anerkannte Kunst der Hochkultur.
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