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Gibt es die Arbeiterklasse eigentlich noch?

Oder: brauchen wir sie (wieder)?

von dh, Buch

Überlegungen zu Didier Eribons Rückkehr nach Reims

Der Begriff der Arbeiterklasse wirkt merkwürdig verstaubt. Heute gibt es Prekäre oder das Dienstleistungsproletariat, eine Unterschicht, prekäre Milieus oder Abgehängte, Hartz IV-EmpfängerInnen oder eben Menschen, die nichts aus ihrem Leben gemacht haben und sich vielleicht einfach nicht genug für den Arbeitsmarkt selbst optimiert haben. Ein Begriff aber, um zum diese gesellschaftlichen Gruppen zu beschreiben fehlt. Ist es an der Zeit den Begriff der Klasse, der Arbeiterklasse und auch eventuell des damit verbundenen Klassenkampfes wieder zu verwenden? Wer Didier Eribon gelesen oder im Internet gesehen hat, wird klar und einfach zustimmen: Ja, wir brauchen den Begriff und das Konzept der Arbeiterklasse (wieder)!
Eribons Kernargument ist so einfach wie einleuchtend: die Menschen brauchen Identität(en) und wenn sie diese eben nicht mehr in der Arbeiterklasse finden, gehen sie auf die Suche nach anderen Identitätsangeboten – und nehmen eben auch das Angebot des Nationalismus oder der Rasse an, schlicht weil ihnen diese Zugehörigkeit einen Sinn und einen Platz in der Gesellschaft und auch der Geschichte gibt.
Um das etwas weiter auszuführen: die arbeitenden (und arbeitslosen) Menschen und diejenigen, die ihr Leben eben nicht völlig selbst bestimmen können, schon weil sie ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, brauchen eine Identität. Und diese Identität kann und muss eben mehr sein als das sich selbst verwirklichende Individuum – denn das mag zwar im Bildungsbürgertum gut funktionieren, wo Menschen über Bildung und den damit verbundenen gesellschaftlichen Aufstieg viele Wahlmöglichkeiten in ihrem Leben haben. Wer aber den ganzen Tag im Takt der Maschine oder nun auch des Computers fremdbestimmt arbeitet, wird kaum ein Gefühl der Selbstverwirklichung und Freiheit erleben. Was klassische Marxisten also irritieren mag ist, dass der Begriff der Arbeiterklasse ein notwendiger ist, um (wieder) Identität und auch Solidarität zu stiften – und gar nicht so sehr, um jedes einzelne Arbeitsverhältnis oder eines der Selbstständigkeit zu beschreiben und zu durchleuchten.
Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe erzeugt eben auch Solidarität, im Front National eben die der „Franzosen“ gegen die „Ausländer“, in einer Arbeiterklasse wären dies aber die Solidarität gegen ungerechte Löhne und ungleich verteiltes Eigentum in der Gesellschaft. Und Artefakte einer Art Klassenbewusstsein lassen sich eben auch immer wieder und noch finden, wenn bspw. ein Unternehmer in England im Kontext des Brexit zu den Einwanderern aus Osteuropa gefragt wird und antwortet, dass diese ja eben auch nur (hart) arbeiten wollen, um sich ein besseres Leben zu schaffen und er ja auch so angefangen habe. Eribons Kernidee scheint also einleuchtend und aktuell notwendig.
Auch der Hintergrund zu Eribons Überlegungen ist plausibel und in der Realität verwurzelt: als sein Vater stirbt, kehrt er in die Stadt und das Milieu seiner Kindheit zurück und fragt sich, warum und wie sich die Menschen verändert haben, die früher Sozialdemokraten und Kommunisten waren. Gemeinsam mit seiner Mutter sieht er sich Fotos an – das ist die Ausgangskonstellation dieses Buchs, das autobiografisches Schreiben mit soziologischer Reflexion verknüpft. Eribon berichtet und reflektiert darüber, wie er aus dem Arbeitermilieu ausbrach – schlicht weil er die Homophobie nicht ertrug (und früher also auch nicht alles besser war). Darüber hinaus liefert er aber eine Analyse der Entwicklung des sozialen und intellektuellen Lebens seit den fünfziger Jahren und fragt eben ganz spezifisch, warum ein Teil der Arbeiterschaft zum Front National „übergelaufen ist“. Aber auch unabhängig von allen politischen und soziologischen Betrachtungen liest sich das Buch sehr gut und flüssig als eine „home-comming story“ (gibt es dafür eine deutsche Übersetzung). Das Buch sorgt seit seinem Erscheinen international für Aufsehen – und hat es ja auch bis in die Blicklicht geschafft. Meine Empfehlung: lesen, oder zumindest mal Filme oder Radiointerviews im Internet suchen.
Didier Eribon: Rückkehr nach Reims, aus dem Französischen von Tobias Haberkorn
Broschur, 240 Seiten, ISBN: 978-3-518-07252-3.

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