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Gesehen: DAS WIRTSHAUS IM SPESSART

Premiere 14. Januar 2017, Staatstheater Cottbus, Theaterscheune

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_86468013.jpgUnser Staatstheater befindet sich offenbar auf Kurs, in der aktuellen Spielzeit alle Auslastungszahlen zu sprengen. Nach den äußerst breitenwirksamen, schönen Stücken „Glauben Lieben Hoffnung“ und „Die Spanische Fliege“, dem mörderisch-komischen „Ritter Blaubart“ und dem exzellent-spannenden Ballett „Peter Pan“ ist mit „Das Wirtshaus im Spessart“ ohne Zweifel ein weiterer Kassenschlager im Programm.
Und neben dem Offensichtlichen - dem, was viele Besucher aus der filmischen Vorlage von Kurt Hoffmann (1958) kennen und lieben, bietet diese Cottbuser Bühnenvariante eine Menge Eigenes und Besonderes.
Da wäre zunächst einmal die Bühne selbst, die der Theaterscheune. Die Möglichkeiten dort - nun sagen wir: überschaubar. Trotzdem gelingt Martin Schüler (Regie), Hans-Holger Schmidt (Bühne) und AnnaLisa Canton (Choreographie) auf kleinstem Raum und fast ohne technische Unterstützung Erstaunliches. Gar komplette Kutschen mit großem Gespann kommen zum Einsatz. Mal sind wir im Wald, mal im Wirtshaus oder gar im Schloss - und das alles in schneller Folge. Auch das Philharmonische Orchester ist mit von der Partie, kostümiert und unter Leitung von Christian Möbius nicht ganz in gewohnter Personalstärke, dafür aber mitten im Geschehen und teils in dieses eingebunden. Großes Theater also in kleinster Spielstätte.
Und das gilt in jeder Hinsicht, besonders auf Seite der Darsteller. Auch da gibt es Besonderes bereits in der Besetzung.
Anne Schierack gestaltet die Hauptrolle der Franziska, Comtesse von Sandau. Von 2002 bis 2010 war die Sängerin, die vielen inzwischen auch als sehr aktive Kulturmanagerin, Veranstalterin und Mitwirkende verschiedenster künstlerischer Formate bekannt ist, festes Ensemblemitglied des Staatstheaters. Als Gast kehrt Anne Schierack nun auf dessen kleinste Bühne in großer Rolle zurück.
Nur ganz ab und zu einmal steht ihr dabei das eigene Können im Weg, wenn sie zögert oder unsicher scheint, im Umschalten zwischen leichtem Fach und klassischem Gesang.
Da hat es Hauke Tesch als deren Verlobter, Baron von Sperling, einfacher. Als Spielleiter Oper und Regisseur steht er sonst vor der Bühne oder nimmt am Schreibtisch Platz. Dass er auch ganz wunderbar spielen kann, zeigt er mit seinem ´Baron von der traurigen Gestalt´. Und klassisch akkurates Singen gehört nicht zur Rolle.
Ebenfalls seit einiger Zeit nicht auf, sondern neben der Bühne steht Martin Eitner. Nach vielen Jahren als Sänger und Schauspieler an der Theaternative-C in großer Vielfalt aktiv, wechselte er als Inspizient/Bühnenmanager ans Staatstheater. Im dunkel-gefährlichen Spessart nun bildet er, gemeinsam mit Thomas Pöschel (Opernchor), das etwas weniger gefährliche Räuberduo Knoll & Funzel. Mit Thorsten Coers und Hans Anacker sind zwei weitere Sänger des Opernchores in Solorollen zu erleben, besonders Thorsten Coers zeigt sich dabei klar zu weiteren Aufgaben mit Anspruch berufen. Sein Graf von Sandau, Franziskas Vater, ist außerordentlich überzeugend.
Hätte Dirk Kleinke nicht als Sänger die Chance, in viele Rollen zu schlüpfen, wäre er als Priester mit Comedy-Potenzial wohl beruflich idealbesetzt. Allerdings könnte er da nicht so oft singen, was wiederum jammerschade wäre. Denn das kann er zumindest ebenso gut, wie wunderbaren Charakteren Gestalt geben. Diesmal zu erleben als Pfarrer Haug.
Ein stimmlich und in seiner Erscheinung wirklich sehr imposanter Räuberhauptmann ist Christian Henneberg. Kein Wunder, dass die Comtesse ihn ihrem Sperling vorzieht. Erlebt man Henneberg als Robin Hood vom Spessart, fragt man sich unwillkürlich, warum er nicht viel häufiger in Rollen mit Größe zu sehen ist.
Ulrich Schneider, der Korporal, ist die Nummer-2 der Räuberhierarchie, wäre jedoch diesen Hauptmann nur allzu gern wieder los, der ihn auf eher seltsame Weise um seine Position brachte. Als Räuber ist er in der Tat überzeugender, kein Wunder - ist der andere doch möglicherweise auch gar nicht wirklich räuberisch böse.
Erneut in einer Paraderolle, eigentlich in Rollen, ist Heiko Walter. Parucchio ist der Erzähler des Stückes und Heiko Walter zwischendurch auch Obrist (Militär und Räuberjäger) und selbst Räuber. Diese „komödiantischen Moderatoren“ liegen Heiko Walter ohne Frage am besten, er liebt es und er kann es, in schneller Folge die Darstellungsart zu wechseln und deren Möglichkeiten jeweils weit auszureizen.
Ebenfalls immer ein Trumpf für Vielfalt ist Hardy Brachmann. Er und Hans Anacker sind die Handwerksburschen Felix und Peter, die zur guten Auflösung der Geschichte wichtige Beiträge leisten. Hardy Brachmann gerät dabei ungewollt an einen Geheimauftrag.
Drei Frauen sind noch wichtig im teils fließenden Gemenge zwischen Räubern und Gendarmen. Carola Fischer ist die resolut-listige Wirtin des Gasthauses. Debra Stanley die teils dienstbereite, teils verliebte Zofe der Franziska. Im Wege steht sie dabei ab und zu Liudmila Lokaichuk als raffiniertes Räuberliebchen Bettina.
Andere Räuber sind Alexander Trauth und Damen und Herren des Opernchores. Wieselflink schlüpfen einige von ihnen auch in Rollen als Diener und Soldaten.

Musikalisch großartig begleitet von erwähntem Orchester in kleiner Formation gestaltet dieses Ensemble ein Stück, das als Musikalische Räuberpistole genau die richtige Bezeichnung trägt. Und sie tun das auf dem sehr hohen künstlerischen Niveau und Können, das unser Staatstheater glücklicherweise zu bieten hat.


Foto: Marlies Kross
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