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Gesehen: DAS SCHAUSPIEL SETZT ZEICHEN

WINTERSONNENWENDE * VERBRENNUNGEN * MAMMA MEDEA

von Jens Pittasch, Kultur

Rumms. Das sitzt. Drei Premieren, die es in sich haben und Zeichen setzen. Schauspiel in Reinform und in höchster Güte. Klar, so bekommt man (leider, leider) nicht die Zuschauerquoten von Schwänken und Liederabenden - dafür aber ist das Theater zum Weitersagen, mit Eigenständigkeit und Bedeutung. In seiner Abschiedsspielzeit legt Schauspieldirektor Mario Holetzeck, besonders auch mit seiner eigenen Arbeit „Mamma Medea“, die Latte für den Nachfolger ganz nach oben. Wie befreit, von welchen inneren und äußeren Zwängen und Erwartungen auch immer, wirkt die Arbeit des ganzen Ensembles - laufen alle auf zu lange nicht gesehenen Leistungen.

Da ist die „Wintersonnenende“ aus der Feder des ziemlich gehypten Gegenwartsdramatikers Roland Schimmelpfennig. Zu spielen, was gerade überall läuft, kann schnell schiefgehen. Katka Schroth (Regie) aber macht zweierlei ganz anders: Den radikalen Schimmelpfenning nochmals radikal reduzieren und die Zuschauer voyeuristisch nah heran holen. Letzteres im von Cary Gayler gestalteten Bühnenraum, einer umlaufenden Arena mit steil ansteigenden Sitzreihen, einem Anatomiesaal ähnlicher, als einem Theater - wahlweise auch einem 3D-Mühle-Spielfeld in dem Zuschauer und Akteure gleichermaßen unentrinnbar verbunden sind.
Schimmelpfennig fordert eine sehr besondere Spielweise. Rollen sind oft nicht fest zugewiesen, Szenisches wird von den Figuren selbst gesprochen, Situationen werden kommentiert. Dann gibt es Passagen, deren Deutung sich nahezu verbietet, die einfach da sind - wenn die fünf Darsteller beispielsweise zu tollwütigen Labormäusen zu mutieren scheinen, die sich selbst obduzieren.
„Fundamental“, „Extrem“ wären wohl die Charakteristiken zum Stück in der hauptstädtischen Kunstrezeption über diese wahrhaft abgefahrene Schauspiel-Performance.
Wie ist die Steigerung von „intensiv“? Blicke in die Gesichter der Besucher (auch dies ein Reiz der Arena) schwanken irgendwo zwischen ungläubigem Staunen, Bewunderung und dem Glück und dem Schreck, dabei zu sein. „Wintersonnenwende“ hat zwar nominell eine Handlung, häufiger aber scheint es, dass hier nichts wirklich einen Sinn hat - und das gerade ist er wohl. Hier passiert Kunst um ihrer selbst willen. Und das darf sie und das muss sie. Sowas können wir einfach so, wir Menschen - glücklicherweise. Und ebensolch künstlerisch-freier Irrsinn hilft an den neuen irrsinnig dummen Trump-Tagen gegen raumgreifende Dummheit. Überschwemmt mit Eindrücken durch eindrucksvoll-extremes Spiel und räumt dieses Theater, schlicht durch´s Überlaufen der Emotionen, den Kopf wieder frei für die Realität.
„Sigrun: Theater ist ´als ob´!“, ruft (ein überragender) Kai Börner als sie dann das Publikum mit (Wasser-)Schnäpsen betrunken machen wollen und selbst allzu überdreht torkeln. Der kleine Weckruf erinnert daran: Wir sind selbst im Theater. Und das kann jetzt jeder lesen, wie er mag.
Großartig spielen: Kai Börner (Albert), Alexander Höchst (Rudolph), Heidrun Bartholomäus (Corinna), Max Hemmersdorfer (Konrad) und Sigrun Fischer (Bettina).
(gesehen am 28.1., Premiere)

Das gleiche Bühnenbild gibt einem Stück den engen Rahmen, dessen Handlungsorte und Handlungszeiten sehr weit sind: „Verbrennungen“.
Alles beginnt im Frankreich der Gegenwart. Oder endet es dort, um neu zu beginnen?
Figuren und Schauplätze werden eingeführt, haben ihre Rolle in ihrer Zeit - und verschwinden. Schritt für Schritt werden Zusammenhänge klar und ergeben sich Entwicklungen und Wendungen, die nicht nur den eigenen Kindern der im Frankreich der Gegenwart Gestorbenen Angst machen, je deutlicher sie werden. Schließlich ist klar, ihre Mutter war „Die Frau, die singt.“, so auch der Titel der international hoch beachteten Filmversion des Dramas „Incendies“ von Wajdi Mouawad. Dort findet alles an den realen Orten statt, wurde alles aufwändig in die jeweilige Zeit versetzt und alle Personen treten auch auf. - In der Cottbuser Inszenierung von Catharina Fillers gibt es das Anatomische Theater als minimalistischen Spielraum, fünf Darsteller und einige Texteinblendungen.
Kennt man den eindrucksvollen Film, ertappt man sich dabei, Filmszenen wiederfinden zu wollen oder sieht man unwillkürlich Filmbilder, wie dem Theatergeschehen übergeblendet. So gibt es zwei sicher sehr gegensätzliche Eindrücke des Bühnenstücks, von Erstsehern und Filmkennern. Und obwohl nun zu Zweiten gehörig, tritt im Verlauf des Stückes doch dessen ganz eigenständige Stärke immer weiter in den Vordergrund.
Kristin Muthwill ist Nawal Marwan, Die Frau, die singt. Ariadne Pabst, Johannes Kienast, Henning Strübbe und Thomas Harms spielen all die anderen - vor und zurück in Zeiten und Orten und mit nicht mehr, als sich und mal einem Kleidungsstück, um die Verwandlung zu erläutern. Jedem für sich und allen gemeinsam gelingt dabei Großes - Ariadne Pabst wirklich Besonderes.
(gesehen am 11.2., Premiere am 21.1.)

Viel Raum zum Spiel gibt es am Großen Haus bei „Mamma Medea“.
Wobei sich hinter dieser Formulierung bereits eine der Genialitäten der Inszenierung versteckt, die Bühne. Zu Beginn ist der Eiserne Vorhang unten. Und auch als er sich hebt, gibt er doch nur den Blick auf die nächste Wand frei, die nun - in einer Art umgekehrter Grube nach Edgar Allan Poe - nach hinten fährt und die Bühne öffnet. Sofort aber weiß man, diese Wand kann die Freiheit auch wieder nehmen. Sogar stückweise. Denn die Mauer ist segmentiert und erzeugt schlicht durch die variable Tiefe ihrer Elemente Orte und Stimmungen nach Wunsch und Bedarf (Bühne Gundula Martin).
Ansonsten ist dort, wie bei „Verbrennungen“ und „Wintersonnenende“, nichts. Leere Weiße und die Darsteller darin. Das Licht, das sie in Szene setzt, mal technisch offensichtlich, mal indirekt; beteiligt am Geschehen, wie die Bühne.
Fast immer ergänzt Musik die Handlung in brillanter Art und Weise. Im Orchestergraben auf halber Höhe bieten Dan Baron, Martin Klenk, Heiko Liebmann, Dietrich Petzold und Lu Schulz Arrangements von Hans Petith in preiswürdiger Qualität. Man wünscht sich ein kleines Konzert mit ihnen.
Hier im Stück gelingt es, dass die Klänge stets als besondere Betonung funktionieren, zwar einen deutlichen, eigenen Charakter haben, sich jedoch nicht in den Vordergrund spielen.
Denn dort agieren Darsteller, wie wir einige von ihnen noch nicht erlebt haben. Dort springen Energien und Spannungen zwischen den Personen und über ins Publikum, dass man teils das Atmen vergisst.
Was für eine großartige Führung der Figuren, was für eine Nutzung des Raumes, was für ein pures, energetisches Theater. Lisa Schützenberger (Medea) und Gunnar Golkowski (Jason) spielen sich in einen Fluss, den kaum etwas aufhalten kann. Michael Becker (König Aietes) und Henning Strübbe (Apsyrtos, sein Sohn) sind eindrucksvoll gefangen in der Pflicht - und einem Rest von Liebe.
Michael von Bennigsen, Lucie Thiede, Johannes Kienast, Susann Thiede und Kinder der Statisterie bilden das markante Umfeld des Geschehens, von dem schnell klar ist, dass es kein gutes sein wird.
Richtig gut und äußerst empfehlenswert jedoch ist diese Inszenierung. Es ist die letzte Premiere für Mario Holetzeck, der das Staatstheater nach der laufenden Spielzeit verlässt. Und es ist seine beste Arbeit, mit der er eine Wegmarke setzt, die in Erinnerung bleiben wird. Es ist gerade so, als ob er genau jetzt im Kern und der wahren Kraft der Kunstform Schauspiel angekommen ist, wo er geht.
Und man hat das Gefühl, dass die Leistung seiner geradezu entfesselten Schauspieler eine Hommage an ihren Chef der letzten acht Jahre ist. Großartig und zu Recht bedacht mit einem Applaus, der sehr viel stärker ausfällt, als angesichts zu weniger Gäste zu erwarten.

Freuen wir uns auf die weiteren Stücke dieser Spielzeit und die Mitnahme der hier gezeigten Qualitäten in die Arbeit mit Jo Fabian.
Zuvor aber: Ins Theater gehen!
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