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Lichter, Blicke, Projektionen

Ein Filmtagebuch von Max Becker, Mitarbeiter im Obenkino.

von Max Becker, Film

Spartacus vs. Braveheart
Anfang des Jahres sah ich im schönen Metropolis Kino in Hamburg Spartacus von Stanley Kubrick, seinen großen Schlachtenfilm von 1960. Nur wenige Tage vorher war ich zu Besuch auf der Facebook-Seite von FPÖ-Chef Hans-Christian Strache, der im Info-Bereich unter anderem seinen Lieblingsfilm preisgibt: Braveheart von Mel Gibson. Nun die Frage: Würde auch Spartacus als Lieblingsfilm für Strache taugen? Ich denke, nein, denn ihm fehlt das essentialistische Moment. Was ist damit gemeint? Unzusammenhängend mit meinem Kinobesuch erklärte mir ein Bekannter am Abend danach, was eine essentialistische Sichtweise ausmacht: Die Setzung oder das Ausfindigmachen eines unabänderlichen Kerns im betrachteten Objekt. Ein übliches Betrachtungsobjekt ist dabei ein Volk oder eine Nation. Die Schotten zum Beispiel mit ihrem unbezwingbaren Freiheitsdrang, der den Impetus bei Braveheart darstellt. William Wallace muss sein Volk in die Freiheit führen und die Engländer besiegen, um dem schottischen Wesen gerecht zu werden. Es genügt nicht, dass die Engländer die Schotten schlecht behandeln. Das ist bei Spartacus anders, denn der Sklavenaufstand richtet sich nur gegen die Verhältnisse. Ein Aufstand der Knechte gegen die Herren. Das nennt man wohl Klassenkampf.
Einen weiteren Unterschied bildet die Inszenierung der Schlachten. Es ist eine Weile her, dass ich Braveheart gesehen habe, aber ich erinnere mich an eine sehr lustvolle Inszenierung. Kriegsgeschrei und Blut und Ärsche. Die Entscheidungsschlacht bei Spartacus dagegen wirkt sehr technisch. Man sieht minutenlang aus der Totalen, wie die römische Armee langsam auf die Armee von Spartacus zu marschiert und dabei unmotiviert wirkende Formationsmanöver vollzieht. Die Mienen der Aufständischen zeigen bereits eine gewisse Unsicherheit: Das sind viel zu viele Römer. Und auch bei den Römern sieht man keine Kampfeslust. Die Legionäre machen ihren Job. Dann treffen die Armeen aufeinander, viel langsamer, als ich das jemals in einem anderen Schlachtenfilm gesehen habe. Kurz lässt sich so etwas wie eine Strategie bei Spartacus‘ Armee erahnen und kurz denke ich, wie ich es eben aus anderen Schlachtenfilmen kenne, dass die aufgeht und die Unterdrückten zum Sieg trägt. Kurz flammt auch bei mir Kampfeslust auf. Aber dann gewinnt einfach die größere Armee.

Sehnsucht
Für einen Artikel über die junge Filmbewegung German Mumblecore, den ich letztens geschrieben habe, habe ich mir nochmal ein paar Berliner-Schule-Filme angesehen, denn es ist durchaus interessant, die beiden Bewegungen zu vergleichen. Unvermutete Verwandtschaft fand ich in Valeska Grisebachs Sehnsucht. Der Film ist komplett mit Laien gedreht und teilweise improvisiert, also ähnlich wie die meisten Mumblecore-Filme, die komplett improvisiert und teilweise mit Laien gedreht sind. Trotzdem ist deutlich zu erkennen, warum er der Berliner Schule zugeordnet wird: Keine komödiantischen Elemente und präzise und nüchtern im Stil.
Erzählt wird von einem Bauern in einem kleinen Dorf, solide und freundlich, verheiratet mit einer schönen und lieben Frau. Beim Betriebsausflug mit der freiwilligen Feuerwehr in ein anderes Dorf verliebt er sich in eine andere Frau, auch diese lieb, aber weniger hübsch als die eigene. In ihr Bett wirft ihn einer der schönsten Schnitte, an die ich mich erinnern kann: Er, alleine, betrunken, ekstatisch und ungelenk tanzend auf dem Feuerwehrfest, wo die besagte Frau kellnert, tanzend zu „Feel“ von Robbie Williams. Dann Schnitt: Er erwacht alleine im fremden Bett, das man erst gar nicht als fremdes erkennt. Er könnte auch zurück sein im home, that he lives in. Doch dann sieht man die fremde Frau. Und sein Leben ist aus den Angeln gehoben.
Er versucht in der Folge durchaus redlich, es wieder einzuhängen, aber die Anziehungskraft zur anderen Frau ist zu groß. Das ist umgekehrt nicht anders. Wie zwei physikalische Körper können sie der gegenseitigen Anziehung nicht entkommen. Trotzdem ist der Vorgang voller Leben, sind die Körper gerade keine Idealisierungen. Man sieht das Dorf, das Bäuerische in ihnen, dass sie viel gearbeitet haben. Solche Körper sind selten in Filmen zu sehen. Die meisten Körper sind kontrollierter. Selbstkontrolle und Bearbeitung des eigenen Körpers sind ja auch Teile einer Schauspielausbildung. Das ist nicht wertend gemeint, aber es führt eben zu einer Normierung. Wie dagegen in Sehnsucht das Gesicht von Anett Dornbusch unkontrolliert vor Leidenschaft bebt, das hab ich so noch nie in einem Film gesehen.

Der schöne Tag
Nochmal Berliner Schule und nochmal Sehnsucht und Liebe, aber diesmal bleibt alles unter Kontrolle und ist trotzdem oder gerade deshalb sehr schön in Der schöne Tag von Thomas Arslan. Es ist nicht nur ein schöner Tag, sondern auch ein langer (wie die meisten schönen Tage): Die junge Schauspielerin Deniz trennt sich von ihrem Freund, hat ein Casting, geht ihrem Job als Synchronsprecherin nach. Am Morgen in der U-Bahn-Station treffen sich ihr Blick und der eines fremden, jungen Mannes. Im Verlaufe des Tages begegnet sie ihm ein weiteres Mal auf der Straße und wieder gibt es einen langen Blickkontakt. Und dann am Nachmittag begegnen sie sich noch einmal, als sie in dieselbe U-Bahn steigen. Wieder gucken sie sich lange an, verziehen dabei keine Miene. Dann steigt sie aus und er hinterher, sie setzen sich in eine andere U-Bahn. Weiter beide mit sturer Miene. Im stillen Einverständnis verfolgen sie sich. Dann steigt er aus und ist plötzlich verschwunden. Sie geht in den Park, steht an einem Geländer vor einem Teich. Dann taucht er wieder auf und kommt hinzu. Sie fragt ihn lächelnd: „Hast du dich versteckt?“
Da hab ich gedacht: Ein früheres Lächeln hätte alles kaputt gemacht. Die Spannung zwischen den beiden musste so lange aufrechterhalten werden, bis der richtige Zeitpunkt gekommen war, sie zu lockern. Das hat in zweierlei Hinsicht mit Kontrolle zu tun: Einerseits mussten die beiden ihre Gesichtszüge kontrollieren. Andererseits hätte ein zu frühes Lächeln eine falsche Kontrolle über die Situation suggeriert. Das Lächeln am Teich ist schließlich ganz entspannt. Es ist kein Bruch mit der Spannung, sondern sehr sanft und in gewisser Weise kontrolliert.
Es stellt sich dann im Gespräch heraus, dass der junge Mann eine Freundin hat, und die beiden gehen auseinander, ohne auch hier die Kontrolle verloren zu haben. Am nächsten Tag fängt Deniz ein Gespräch mit einer Frau im Café an. Die Frau ist Uni-Dozentin unterrichtet Geschichte des Alltags, wozu auch die Liebe gehört. Auf sehr sanfte Weise relativiert sie Deniz‘ Liebeskummer und lässt ihm doch seine Gültigkeit. Auf ihrem Tisch meine ich Niklas Luhmanns Buch „Liebe als Passion“ zu erkennen. Auch dieser weiß bekanntlich sehr behutsam über die Liebe zu sprechen. (Zum Beispiel in einem Gespräch über „Liebe als Passion“ mit Alexander Kluge, das es auf Youtube gibt.)
Das Sprechen über Liebe hat wie kein zweiter Eric Rohmer auf Film aufgenommen. Und in der Tat enthält Der schöne Tag (mindestens) zwei Referenzen. Die eine ist diegetisch: Deniz synchronisiert gerade Rohmers Sommer. Die andere ist eine Gemeinsamkeit mit Der Frau des Fliegers. Auch dort begegnen sich eine junge Frau und ein junger Mann in einem öffentlichen Verkehrsmittel, einem Bus und gehen danach zusammen im Park spazieren, an einem Teich.

Iron Man
Der schöne Tag gibt es als Stream und auf DVD bei der Filmgalerie 451, die eine kleine, aber feine und sehr wohl sortierte Auswahl an abseitigen Filmen bereithält. Im anderen Extrem, in der Blockbuster-Rubrik von Netflix habe ich neulich mit meiner Mitbewohnerin gestöbert. Angeguckt haben wir uns Iron Man von Jon Favreau. Ich würde ihn so zusammenfassen: Es geht um einen extrem mächtigen und reichen Mann, der trotzdem noch am liebsten Cheese Burger und Pizza isst, ja darin seine Bodenständigkeit und seine Loyalität zu Amerika beweist. Wortwörtlich den Boden unter den Füßen verliert er mithilfe des in seine Rüstung integrierten Raketenantriebs, bei dessen erstem Test er unkontrolliert gegen die Wand fliegt.
Die Superhelden-Filme der letzten Jahre und insbesondere Iron Man werden gelegentlich als wegweisend für die heutige politische Lage in den USA bezeichnet. Und in der Tat verkörpert Tony Stark, der Milliardär unter der eisernen Rüstung, ähnlich wie Donald Trump gleichzeitig Establishment und Anti-Establishment, den kleinen und den großen Mann, Bodenständigkeit und Abgehobenheit. In gewissem Maße waren diese Widersprüche bestimmt bei jedem vorherigen US-Präsidenten anzutreffen. In Trump scheinen sie sich auf bizarre Weise zu vereinigen und drohen dabei Amerika zu zerreißen.
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