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Gesehen: AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY

Premiere 11. März 2017, Staatstheater Cottbus

von Jens Pittasch, Kultur

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Brecht und Weill. Es ist sicher nicht falsch zu sagen: Die Ergebnisses ihres Zusammenwirkens bilden eine eigene Kunstform, zumindest jeweils höchst eigenständige Werke voll musikalisch-textlicher Synergien, ganz eigener Energie und meist eigenwilligem Ausdruck.
Natürlich ist die erste Assoziation „Die Dreigroschenoper“, doch „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ steht in der Bekanntheit kaum nach, wenn auch oft reduziert auf Auskopplungen, wie den „Alabama Song“ und den in legendären Interpretationen; der „Doors“ beispielsweise oder von David Bowie („Show me the way to the next whisky bar …. Oh, moon of Alabama“). In so manchem Plattenregal finden sich auch Aufnahmen aus älterer Zeit, es gibt also einige Eindrücke, die Erwartungen wecken.
Um Brecht und Weill zu machen, reicht es nicht aus, ein Ensemble zu haben, das seine Vielfältigkeit - und besonders seine Spielfreude - schon oft unter Beweis gestellt hat. Es reicht nicht, ein Orchester zu haben, das in den letzten Jahren zu einer Klasse gefunden hat, der kaum eine Herausforderung zu groß ist. Und es reicht nicht, die Idee zu haben, alles in den Resten eines Karussells spielen zu lassen und das fleißig zu drehen.
Brecht/Weill brauchen vor allem Identifikation und ein noch viel weiteres Heraustreten aus dem Gewohnten, als bei vielen anderen Autoren und Komponisten. Wollte Brecht doch nicht weniger, als Theater ganz neu wirken zu lassen und garnierte Weill dessen dramaturgisch-szenischen Ideen mit pointiert-musikalischer Schärfe.
Nur sehr, sehr wenig davon findet seinen Weg in die Cottbuser Inszenierung von Matthias Oldag. Wo ein Mangel an guter Führung der Figuren noch durch die Popularität der Musik ausgeglichen wurde (bei seiner „Carmen“ 2013), findet bei „Mahagonny“ fast nur noch bemühte Plakativität statt, die der Brecht-Weill-Parodie näher ist als einer Interpretation.
Was es auch braucht bei Brecht und Weill ist zu verstehen, was da gesungen und gesprochen wird. Dass das dieser Inszenierung fehlen würde ist wohl bereits im Entstehungsprozess aufgefallen, so dass übertitelt wird. Allerdings nicht konsequent, so dass wichtige Passagen untergehen. Was aber auch mit eingeblendeten Texten passiert, denn man kann nicht zugleich oben lesen und unten aufmerksam zuschauen. Das menschliche Gehör ist zudem auch nicht in der Lage Stimmen zu verstehen, wenn diese von der Musik überdeckt werden. Besonders dann, wenn die Klangfarben von Musik und Gesang derart nah beieinander sind, wie bei Weillscher Bläserverwendung.
So ist zwar, für sich gesehen, die Umsetzung der Komposition durch das Philharmonische Orchester durchaus gelungen, doch weder an den erforderlichen Punkten ausreichend jazzig, noch ironisch - und eben meist viel zu laut.
Allen und allem hängt viel zu sehr die klassische Gewohnheit an, erweist sich das gesamte Ensemble einfach als ungeeignet für diese Art der Kunst.
Und so entstehen Patzer, wie man sie sonst von ihnen nicht kennt (Choreinsätze), fallen Sänger in Pathos und sonstig quälend aufgesetzten Gestus und machen die durchaus vorhandenen, gelungenen Phasen das Ganze, im dann bestehenden Kontrast, leider nicht besser.
Positiv abheben kann sich Dirk Kleinke, der allen Versuchungen widersteht, nach Interpretationen
zu suchen, wo Anleitung wohl fehlt und statt dessen eine eigenständige, starke Leistung liefert.
Ganz zum Schluss dann fängt sich die Inszenierung, biegt ein auf eine Kurve, die erahnen lässt, wie es sein könnte; wird schärfer, deutlicher, gewinnt Profil und Ausdruck.
Für die Premiere leider zu spät, doch möglich, dass sich da noch etwas einspielt.


Foto: Marlies Kross
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