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Gesehen: PICASSO!

Premiere 11. Februar 2017, Staatstheater Cottbus, gesehen am 4.3.

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_93194341.jpgGerade erst im Dezember brachte das Cottbuser Ballett einen faszinierenden „Peter Pan“ auf die Bühne. Ist dieser gedacht für Leute ab 5 (doch in jedem Alter ein Erlebnis) legt die klein-feine Truppe unter Leiter Dirk Neumann bereits zwei Monate darauf mit einem kompletten Abend für Erwachsene nach. Wohl angesteckt vom Pan sind auch hier Kinder zu Gast - und erleben, gänzlich gebannt, eine Ballettaufführung der Extraklasse. Wobei sich die vom Geschehen gefesselte Atemlosigkeit durch das gesamte Publikum zieht; doch sich die, wohl angesichts der erlebten Intensität, besorgten Blicke von Eltern auf ihren teils jungen Nachwuchs trotzdem als unnötig erweisen. Kinder verstehen verschiedene Ausdrucksweisen unbelastet und in großer Offenheit, spätestens ab 9-10 ist das hier erlebte eine wertvolle Bereicherung.
Es ist zum Verstehen auch nicht nötig, Picasso oder sein Schaffen zu kennen. Das zweigeteilte, zunächst chronologisch künstlerische, Lebensperioden aufgreifende, - dann ein Werk in den Mittelpunkt stellende Ballett wirkt in jeder Phase äußerst unmittelbar und geradezu spannend in Bewegung, Bild und Musik.
Ganz offenbar ist Picasso auf einer sehr persönlichen Suche nach Form und Ausdruck, fühlt sich anders, als die Vielen, begegnet dabei so manchen Gestalten und Getränken - der sprichwörtliche „Blues“ als Lebensgefühl hat wohl nicht umsonst seinen Namen, sowenig, wie das Blausein im Deutschen - Leben und Werk des jungen Picasso sind in Blaugrau getaucht.
Bald darauf zerspringt die Nebelkugel, oder zerschlägt Picasso sie selbst? Jedenfalls taucht er auf aus der Trübnis, Leichtigkeit gewinnt Raum jedoch nicht die Oberhand, wird gefangen in seltsamen Farben und Formen.
All das zu Tanzen klingt nach einer aufregenden Herausforderung. Und eben diese gelingt Lode Devos (Choreografie) äußerst erfolgreich. Vor einem Jahr bereits hat er für das Cottbuser Theater ein besonderes Leben in eine Tanzform gebracht, die teils fiktive, teils autobiografische Geschichte des Dorian Gray (Oscar Wilde). Mit „Picasso“ gelingt eine Fortsetzung, die einen dritten Teil gleich nach der Pause mitbringt und nach einem vierten verlangt.
Bereits auf der Bühne (Lode Devos, Hans-Holger Schmidt) ist nun alles anders, die Freiheit ist Mauern mit schmalen Schlitzen gewichen. Die wunderbaren, zuvor die Schaffenszeiten begleitenden, Kostüme von Anne-Frederique Hoingne, haben jede Buntheit verloren.
Guernica sollte jedem (gerade heute wieder) ein Begriff sein. Eine Stadt in Spanien, durch einen Luftangriff der deutschen Legion Condor zerstört. In einem Bürgerkrieg, der zu einem Stellvertreterkrieg ausartete und auf Seiten der Bürger nur Verlierer kannte. Bereits hier ist es hoch anzuerkennen, diesen Stoff, bei Picasso im gleichnamigen Bild festgehalten, gewählt zu haben, ist doch seine Brisanz bedauerlicherweise heute kein bisschen geringer, als 1937.
Und so tanzen sie denn dort nicht Geschichte, sondern die Gegenwart von Aleppo und Homs, von Gaza und Mogadischu. Dieser Teil des Abends sollte Schulstoff werden, unbedingt.
Entnahm man dem ersten Abschnitt verstehend und fühlend die Entwicklung eines Lebens, geht „Guernica“ vollends und auf direktem Wege unter die Haut. Zwar sieht und hört man, die Wirkung fühlt sich jedoch geradezu injiziert an, es gibt kein Entkommen. Für die nicht, die auf der Bühne dargestellt werden, für die nicht, die im Saal sitzen.
Und besinnt man sich dann doch darauf, ja im Theater zu sein, gerade unser Cottbuser Ballett zu sehen, wird überdeutlich, was für eine herausragende Compagnie Dirk Neumann aufgebaut hat, dass wir die Ehre und den Genuss haben, Leistungen zu sehen, die ganz zu Recht international hoch anerkannt werden.
Und taucht man dann beim Applaus, Schritt für Schritt, wieder auf aus dem sehr bewegenden Geschehen, kommt man doch auch zu dem Schluss, dass, wo Kunst ist, immer auch Freiheit und Zukunft sind.


Foto: Marlies Kross
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