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Dada in der Fango

von Daniel Ebert, Kultur

pictures/artikel/IMG_94153862.jpgDadaismus feiert 2017 sein Hundert-und-einjähriges und ist in Form des Dada-Traps oder Cloud Raps, einer vermeintlich sinnfreien Autotune-, Drogen- und Internet-affinen Hip Hop Variante, jung wie selten. Diese überdrehte DIY Hip Hop Variante, die ein junges Publikum anspricht und über Online-Plattformen verbreitet wird, wurde vor allem von Künstlern wie Moneyboy und seiner Glo Up Dinero Gang im deutschsprachigen Raum etabliert – aber auch andere Labels und Künstler verschreiben sich inzwischen dem Trend. „Nein! Nein! Nein!“ Yung Hurns wiederholendes „Nein!“ versetzt ihn und seine Zuhörer seit 2015 in einen gewissen Rauschzustand. Der Künstler selbst vergleicht es, gewohnt überspitzt, mit den Werken von John Cage. Es erinnert aber auch an eine Pop-Version von Joseph Beuys Performance »Ja Ja Ja Ja Ja, Nee Nee Nee Nee Nee« aus dem Jahr 1969 – die auf einer Beobachtung von Gesprächen nach einer Beerdigung basieren soll. Yung Hurn inszeniert sich gerne als Anti-Künstler – in einem Interview mit dem erfolgreichen, rebellischen Künstler Daniel Richter versucht Yung Hurn mit ihm ein möglichst anti-künstlerisches Bild in 10 Minuten zu malen. Ob gewollt oder zufällig, aber damit trifft er den Nerv des Dadaismus als „Anti-Kunst“-Kunst. Dada ist da! Dada war nie weg! Dadaismus bleibt fresh! Bereits 1916 tritt die Dada-Bewegung an, die Wertvorstellungen, Gesellschaft und Kunst zu verändern. Persiflage, Humor und Sinnverfremdung sind ihre Mittel. 1916 das sind die Jahre des ersten Weltkriegs, der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, die dem Nationalsozialismus und Faschismus in Europa als Nährboden dient und im zweiten Weltkrieg eskaliert. Die nationalistischen und kriegseuphorischen Parteien der Zeit formen Begriffe wie „Volk“ ideologisch um und benutzten sie für ihre Propaganda. Man erkennt das Muster teilweise auch heute wieder in der Rhetorik von AfDlern wie Björn Höcke. Die Dadaisten stellen unter anderem ihre sinnverfremdeten Lautgedichte dagegen, um der Sprache ihre ideologische Macht zu nehmen. Damals gehört eine gewisse Kriegseuphorie zur etablierten Meinung. Die Dadaisten stellen sich da dagegen. Ausgehend von der Züricher Bar Cabaret Voltaire von Hugo Ball und Emmy Hennings gründet sich die Bewegung und findet später weltweit Anhänger. Dabei ist das Cabaret Voltaire zuerst einmal eine Programm-Bar, ähnlich der Galerie Fango, mit Musik, Tanz, Literatur und Kunst. Ihr teilweise überspitztes Programm war auch eine Revolte gegen die etablierte Kunst, oder besser gesagt das etablierte Kunst-System, selbst. Über die selbst herausgegebene Zeitschrift Dada vernetzen sich die Dadaisten mit Literaten und Künstlern anderer Länder und verbreiten ihr polemisches Manifest und ihre Kunstbewegung. Seitdem ist Dada nicht mehr aus der Kunst, dem Pop und sogar der Werbung wegzudenken – sind wir nicht alle ein bisschen dada? Zu mindestens der Philosoph, Musiker, Lehrer und Künstler Ernst Majo ist dada und zeigt das mit seiner Kunst zum Spielen und Philosophieren seit dem 08. April im Sandkasten der Galerie Fango, welche, durch die programmatische Nähe zur Programm-Bar Cabaret Voltaire, wohl die beste Wahl für Dada in Cottbus sein dürfte. Es wird auch wieder Zeit für etwas Dada, denn manchmal ist 1916 aktueller als einem lieb zu sein erscheinen mag. Bei allem Dada sollte aber nie vergessen werden, dass ähnlich wie beim Cloud Rap, der Sinn in den Meta-Ebenen und der Attitüde versteckt ist – auch wenn es auf den ersten Blick bloß Gucci-Gucci, Gaga und Dada zu sein scheint.


(Bild: Ebert, auf dem Zettel des Fotos ist vermerkt: Bitte Monika mit der linken hat behutsam festhalten und ihr mit der rechten Hand vorsichtig viermal den Kopf nach links verdrehen)
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