Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

Gesehen: EMILIA GALOTTI

Premiere 1. April 2017, Staatstheater Cottbus, (gesehen am 8.4.)

von Jens Pittasch, Kultur

Für sich gesehen ist es eine tolle Inszenierung, die Jan Jochymski (Regie) seine Darsteller und sein Team da auf die Bühne gebracht haben.
Da ist es auch nicht den Machern des einzelnen Werkes anzulasten, dass nun im wohl vierten Stück nacheinander der Eiserne Vorhang zu Beginn unten ist und mit dessen Wirkung gespielt wird. Der Hinweis, dass sich dieser Effekt, zumindest für regelmäßige Theaterbesucher, dann spätestens beim dritten Mal in Folge abgegriffen hatte, könnte nur von der hauseigenen Dramaturgie kommen.
Zum Geschehen selbst.
Lessings ursprüngliches Trauerspiel stammt aus dem Jahr 1772. Damals brisant war das von ihm gezeigte Aufeinandertreffen des selbstherrlich, anmaßenden Herrschafts- und Lebensstil des Adels einerseits und des aufstrebendem, zunehmend selbstbewussten Bürgertums andererseits. Zugleich weist Lessing auf einen möglichen, neuen Umgang mit Liebe, Gefühlen und Ehe hin. Hier noch mit tragischem Ausgang und damit durchaus bereits eine Brücke ins Heute, wo verfehlte Integration dazu führt, dass Begriffe, wie Ehrenmorde wieder in unseren Alltag gehören.
Sehr weit ins Heute holt Jochymski denn auch seine Emilia Galotti. Ungestümer Beginn, die immer mal wieder aufflammende Musik, Erscheinung und Ausdruck sind gegenwärtig. Der Text der sehr stark gekürzten Fassung dagegen ist, wie meist die Sprache, eine Verdichtung des Originals.
Kürzung, Komprimierung und Modernisierung führen allerdings auch dazu, dass einige wichtige Tiefen der Figuren weggeschliffen wurden. Statt von Lessing angelegter Vielschichtigkeit bleiben Prinz Hettore Gonzaga (Johannes Kienast) fast nur noch Oberflächlichkeit und Eigennutz erhalten. Die manipulative Umtriebigkeit seines Kammerherrn Marinelli wirkt nun aktionistisch unbedacht. Und Emilia Galotti (Lucie Thiede) ist eher kindlich-einfältig, als schwankend zwischen Erziehung, Moral und Gefühl.
Die beste Figur, im Rollenbild und deren Vermittlung, macht Rolf-Jürgen Gebert als deren Vater. Ihm gelingt ein authentisch, nah und wirkungsvolles Bild zwischen bürgerlich-selbstbewusster Abkopplung vom Adelsdünkel und verbleibender, tragischer Anhaftung überkommener Moral.
Bemerkenswert Lisa Schützenberger (Gräfin Orsina), die erneut ihre Fähigkeit zeigt, auch kleineren Rollen Eigenständigkeit, Profil und Größe zu geben. Hier nun allerdings mit der Wirkung, dass sie Hauptrollen mit ihrer Intensität und Präsenz bedrängt.
Michael von Bennigsen nutzt die kurze Zeit bis zum frühen Tod seines Grafen Appiani für eine sehr gelungene Figurenzeichnung. Hofmaler(in) im Stück ist Heidrun Bartholomäus. Ihr(e) Conti fällt allerdings konzeptionell etwas aus dem Rahmen, die Aufgabe dieser Figur funktioniert in der gekürzten Fassung nicht. Ebenso geht es Sigrun Fischer mit ihrer Mutter Galotti.
Das gerade Gesagte hat nun einen negativen Unterton, der doch lediglich Ambivalenz meint.
Der vorgenommenen Modernisierung liegt ein Widerspruch inne, der auch die Darstellung behindert.
Auf der einen Seite das historische Vorbild, auf der anderen die Sichtweise vom Heute. Die vielleicht dann noch nicht konsequent genug ist, um sich auch auf Figuren von heute zu übertragen.
Doch - siehe Beginn - für sich gesehen ist diese Emilia Galotti absolut empfehlenswert.
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus