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Gesehen: SANDGLASTREIBEN

BÜHNE acht, Gastspiel, 28. April 2017

von Ramona Göök, Kultur

„Ich möchte meinen Horizeit erweitern. Nur für eine Weile!“

Die Mondschweine sind wieder da, diesmal mit einem neuen Werk und neuer Begleitung. Das Theaterkunstduo Anita Brokmeier und Isabelle Schulz – die uns schon letztes Jahr mit ihrem Erstlingswerk beeindruckten – präsentierten jetzt ihr zweites gemeinsames Stück „Sandglastreiben“: ein collagen-artiger Blick auf das Thema Zeit und Zeitdruck im Alltag.

Was passiert, wenn Zeit Geld und Geld Erfolg ist, aber die Stunden und Tage immer schneller und schneller rieseln, sodass man in ihrem Strom nur noch erstickt? Wie lebt man in einer Gesellschaft, die Jugend zu solch einem Ideal macht, dass das bloße Weiterleben schon eine Art des Versagens ist?

Brokmeier und Schulz nahmen solche Fragen mit einer beeindruckenden Spannbreite an Perspektiven in Angriff: die gehetzte Mutter, der genervte Chef, die verliebte Putzfrau– und ja, sogar das müde Pferd auf der Weide, das sich über seinen Ruhestand freut. Alle kamen zur Sprache. Die selbstverfassten Texte waren gleichermaßen clever und tiefgründig, und die bunte Mischung an Szenen wurde immer wieder behände durch Elementwiederholungen zusammengezogen.

Das Duo bekam tatkräftige Unterstützung von drei weiteren Spieler*innen (Marcel Frank, Rebecca Hoffmann, Sophie Séja), die sich mit ihnen zu einem beeindruckenden Quintett zusammenschlossen, dessen chorische Verflechtung den Grundbaustein der Inszenierung ausmachte. Ihre Gruppenbewegungen hatten die Exaktheit einer Atomuhr, ihre gemeinsamen Texte flutschten wie aus einem Mund – sie wurden so zu einer abwechselnd bedrohlichen und witzigen Verkörperung des Gesellschaftsdrucks, die in Szenen wie „Die Eltern“ schon durch ihre Blitzschnelligkeit und absolute Sicherheit erstaunte.

Aber die Spieler*innen kamen auch einzeln zur Geltung und ihre sehr unterschiedlichen Energien wurden stets geschickt und pointiert eingesetzt. Dies zeigte sich besonders exemplarisch in einer satirischen Speed-Dating-Szene, wo die radikal verschiedenen Figuren sich in einem absurden Strudel hochschaukelten, der wohl das Komik-Highlight des Stückes ausmachte.

Die Inszenierung war intermedial, die vierte Wand wurde effektiv gebrochen und sowohl das Bühnenbild wie die Kostüme folgten einem ansprechenden Minimalismus, der nicht nur für flinke Umbauten sorgte, sondern gewählte Elemente – einen Tanz im Nebel, einen Schirm unter Sandregen – besonders aufzeigte.

„Was würden Sie mit 15 Minuten anfangen?“

So endet „Sandglastreiben“: mit Fragen, nicht Antworten. Und den belebten Diskussionen des Publikums nach zu urteilen ist sein Anspruch, zum Nachdenken anzuregen, mehr als gelungen.
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