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Gesehen: TURANDOT

Premiere 30. April 2017, Staatstheater Cottbus

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_97182177.jpgWow, war mein erster Eindruck. Was für ein imposanter Auftritt nach dem Öffnen des aufwendig gestalteten Drachentores.
Gleich der zweite dann: Das Volk wuselt so sehr auf der Bühne umher, wie das Orchester laut ist. Erstes Ohrenzuhalten hier und dort im Saal, es sollten mehrere folgen.
Allein die Chöre sind dem instrumentalen Klang zu jeder Zeit gewachsen, und wie - einfach toll! Der große Pluspunkt Nummer Eins dieser Inszenierung von Martin Schüler.
Sein Chorleiter Christian Möbius liefert, mit seiner Singgemeinschaft aus Opernchor, Extrachor, Kinder- und Jugendchor des Staatstheaters und diese noch verstärkt um weitere Chorsolisten, den größten Beitrag, der diese „Turandot“ empfehlenswert macht.
Den Pluspunkt Nummer Zwei trägt ein alter Bekannter bei, den man nun, mit 83 Jahren, auch ruhig so nennen darf: Max Ruda. Seinem strahlend gekleideten Kaiser gibt er Stimme und Ausdruck mit höchstem Gefühl für Rolle und Situation. Ein Alter Meister gibt sich, nein uns, die Ehre der Rückkehr auf die Bühne, die von 1978 bis zur seiner Pensionierung 2000 die seine war. Von einem Ruhestand war auch danach nicht zu sprechen. Mit anspruchsvollen Soloprogrammen ist Max Ruda seither landauf-landab unterwegs und erreichte dabei nochmals eine neue Stärke und Reife, die er nun seinem Kaiser von China mitgibt - und sich dabei wohlwollend aus der sonst vorherrschenden Flut der Bilder, Menschen und Klänge abhebt, die das Geschehen bestimmen.
Das Ganze ist durchaus spektakulär, man sieht und hört, was das Opernensemble kann, wenn es sich im Genre wohlfühlt (im Vergleich zu „Mahagonny“), doch das so wohl zu vermittelnde quirlige China wird einem dann schnell zu viel.
So sind es eher die ruhigen Passagen, die sich abheben: Pluspunkt Drei liegt bei Debra Stanley. Ihre Sklavin Liù ist nicht nur rollenbedingt weitaus sympathischer als die Hauptfigur Turandot, sondern auch gesanglich und darstellerisch eine Klasse für sich. Einmal mehr zeigt sich, wofür das Cottbuser Staatstheater ebenfalls steht: Es gibt Talenten Raum für großartige Entwicklungen. Dass diese danach oft an große Bühnen weiterziehen, ist schade für uns, doch eine Auszeichnung für diesen besonderen Aspekt in Martin Schülers Arbeit als Intendant.
Bleibt Pluspunkt Vier, bestehend aus gleich drei Figuren: Ping, Pang und Pong - alle Minister am Hofe, gesungen und vor allem wunderbar erfrischend gespielt von Heiko Walter, Hardy Brachmann und Dirk Kleinke.
Eine absolut sichere Bank ist stets Andreas Jäpel, so auch hier. Seinen Mandarin gestaltet er perfekt situationsgerecht und souverän.
Nicht ganz so gelingt Ulrich Schneider sein entthronter Tatarenkönig Timur. Mit dem Handicap der Blindheit geschlagen lenkt die Konzentration auf dieses Rollendetail offenbar zu sehr ab und gerät teils zur Parodie.
Für die Hauptrollen wurden recht hochkarätige Gäste gewonnen.
Soojin Moon als Turandot erlebten die Cottbuser bereits 2014/15 als Tosca. Ganz zweifelsfrei eine gute Wahl, nicht nur, da sie - als Koreanerin - für europäische Augen natürlich als chinesische Prinzessin durchgeht. Besonders stimmlich überzeugt Moon, in der Darstellung dagegen ist sie sehr asiatisch unemotional. So stahl ihr diesmal, im besten Sinne, Debra Stanley die Show.
Aus Florida stammt Martin Shalita als Calaf, der unbekannte Prinz, der die Turandot herausfordert und nicht als 27. Opfer ihrer drei zu lösenden Rätsel enden will. Stattdessen hat Martin Schüler Großes mit ihm vor, wofür ihm die Tatsache Raum gibt, dass Puccini seine Oper nicht beendet hat. Nicht nur kennt Calaf, dank intriganter Unterstützung der Minister, die drei Antworten. Anstatt Turandot nur zu besiegen, lässt er sie in dieser Cottbuser Fassung links liegen und schwingt sich zum Alleinherrscher im Stil des Duce auf. Doch die Gestaltung dieser Figur durch den promovierten Gesangssolisten ist unklar mit Tendenz zu Peinlichkeiten. Wo Moon Emotionen fehlen, ufern sie bei Shalita aus. Mal tänzelt er mit geradezu gierigen Grimassen um die Turandot, mal gibt er einen allzu schmierigen Verschwörer.
Ebenfalls sein Part, die Arie „Nessun dorma“, wegen der einige das Stück überhaupt erst besuchen.
Nun, die gelang Martin Shalita gesanglich wirklich wunderbar - allein lenkte nun umherirrendes Volk davon ab, das auch angemessen zu genießen.
Zusammenfassung: Oper ambivalent, mit einigen Ecken und mehreren Pluspunkten.


Foto: Marlies Kross
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