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Gesehen: HEXENJAGD

Premiere 20. Mai 2017, Staatstheater Cottbus

von Jens Pittasch, Kultur

Was hier beschrieben wird, ist wirklich geschehen.
Fundamentalisten, christliche wohlbemerkt, hatten in Salem (Massachusetts) eine Theokratie errichtet, heute bekannt als Gottesstaat. Jugendliche Mädchen, im Wunsch nach zumindest etwas Freiheit und Selbstbestimmtheit, verliehen ihrem Drang durch nacktes Tanzen im Wald Ausdruck - und kehrten, hierbei ertappt, die absolutistisch, fanatisch begrenzte Denkweise der staatlich-religiösen Führer gegen diese und die gesamte Gesellschaft selbst. Sie erfanden einen Wahn und nannten sich verhext, bevor sie selbst der Hexerei bezichtigt werden konnten, was meist am Galgen endete.
Man schätzt, dass ihre als Selbstschutz begonnenen und zur gnadenlosen Rache mutierten Beschuldigungen bis zu 300 Bewohner ins Gefängnis brachten, 24 starben bevor der Gouverneur des Staates ein neues Gericht einberufen und Begnadigungen aussprechen konnte. Das war 1692. Wie wir wissen, hat sich an der zugrundeliegenden Funktionsweise derartiger Eskalationen nichts geändert.
Entsprechend verzichtet Andreas Nathusius (Regie) in seiner Cottbuser Inszenierung auch fast gänzlich auf eine zeitliche Einordnung. Greift auch nicht die Verfolgungen der McCarthy-Ära auf, die Autor Arthur Miller wohl im Sinn hatte, als er sein Stück quasi als Gleichnis von Hexenjagd damals und Kommunistenjagd in den 1950-igern schrieb.
In Cottbus beginnt alles mit einem visuell-klanglich, emotional-erregenden Videoauftakt (Konrad Kästner), der Dramatik ankündigt, die sich zwar nicht gleich zu Beginn, dann jedoch steil ansteigend einstellt.
Anfangs scheinen einige Darsteller noch auf einer Metaebene zu agieren, irgendwie neben, nicht in ihren Rollen - dokumentarisch fast. Anders bei Alexander Höchst (Reverend John Hale) dessen unmittelbare Präsenz umso mehr auffällt und fast schon abgesetzt wirkt. Auch Sigrun Fischer (Elisabeth Proctor) agiert von Beginn an und sich immer weiter steigernd in beindruckender Form.
Beider Energie erfasst dann wohl Mitspieler um Mitspieler, wodurch der handlungsseitig ohnehin immer stärkere Spannungsbogen eine zusätzliche Wirkung erhält und einem näher und näher, fast schon bedrängend nah kommt.
Schließlich tritt der seltene Effekt ein, dass man nicht mehr das einem doch sehr gut bekannte Ensemble sieht, sondern wirklich pures, faszinierendes Geschehen, Figuren und deren (meist) Leiden, Handlung und deren zunehmende Ausweglosigkeit - eine außergewöhnliche Leistung.
Die scheinbar so einfach, schlichte Gestaltung der Bühne (Annette Breuer) leistet mit ihrem Spiel der Perspektiven einen wichtigen Beitrag, sich in eben diese - fast schon in verschiedene Dimensionen - hinein zu versetzen.
Es ist ein wichtiges Stück. Man mag sagen, gerade wieder heute - und muss doch aber konstatieren: leider wieder heute, und immer wieder in der Geschichte zuvor. Und wohl auch zukünftig, solange der Anfälligkeit der Massen für Demagogie, Populismus und scheinbar religiös motivierten Fanatismus nicht endlich Wissen, Bildung, Information und Freiheit - und noch mehr Wissen, noch mehr Bildung und noch mehr Information und die Fähigkeit zur freien und kritischen Reflektion entgegen gesetzt werden.
Es ist ein wichtiges Stück - in einer bemerkenswerten Umsetzung.
Vielen Dank an Alexander Höchst, Sigrun Fischer, Gunnar Golkowski, Lisa Schützenberger, Michael Becker, Rolf-Jürgen Gebert, Heidrun Bartholomäus, Henning Strübbe, Ariadne Pabst, Maja Lehrer, Lucie Thiede, Thomas Harms, Susann Thiede, Oliver Seidel, Dirk Witthuhn und Thomas Mietk.
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