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Gesehen: MICHAEL KOHLHAAS

Premiere 26. Mai 2017, Staatstheater Cottbus, Kammerbühne

von Jens Pittasch, Kultur

Jupp, das war´s. Was für eine Knaller-Spielzeit für das Schauspiel des Cottbuser Staatstheaters.
Mit HEXENJADG und MICHAEL KOHLHAAS fand eine äußerst meisterliche Abrundung, was unter dem Motto „Glauben! Lieben! Hoffen!“ im Herbst 2016 zunächst hochklassig unterhaltsam begann und sich als Reigen schauspielerischer Höhepunkte erwies.
Die spannende Dramaturgie dieser Saison endete mit einem Kammerspiel für drei Personen, das gleich mit seinem interessanten Format aus Erzählung, Schattenspiel und Rollentheater sofort für Aufmerksamkeit sorgt, jedoch zunächst nicht erahnen lässt, wie stark man eine Stunde später vom Geschehen ein- und mitgenommen sein wird.
Es geht dem Zuschauer hier ganz wie Michael Kohlhaas, der doch auch an diesem Tag nur seine Pferde zur Messe bringen möchte und noch nicht wissen kann, wie erschreckend sich sein Leben gleich verändern wird und wie er selbst das Leben so vieler radikal verändert.
Den Kohlhaas zu spielen ist einerseits fast eine Pflichtaufgabe für Theater, andererseits ist der Kohlhaas Schulstoff und somit für viele mit der Erinnerung an leidige Pflichten verbunden.
Füllt man das Haus also nicht mit Schülern im Unterricht, ist es oft schwer, für ausreichend Publikum zu sorgen. Ist die Premiere dann noch am langen Himmelfahrts-Wochenende und spielt gegen den „Club der toten Dichter - Charles Bukowski neu vertont“ mit Gastsänger Peter Lohmeyer im Großen Haus, wird es selbst zur ersten Vorstellung schwer.
Daher an alle Schüler und alle Nicht-mehr-Schüler hier mein Aufruf: Schaut Euch an, wie außerordentlich Regisseur Moritz Peters und seine Darsteller Kristin Muthwill, Michael von Bennigsen und Mathias Kopetzki den Klassiker Kohlhaas im historischen Kern, zugleich zeitlos modern und äußerst brisant gegenwärtig gestalten.
Ein von außen betrachtet vielleicht kleines Unrecht führt Kohlhaas in eine Ereignisspirale völlig unbeherrschbaren Ausmaßes. Dabei geht es ihm doch nur um Gerechtigkeit.
In der Cottbuser Inszenierung aber erklärt Kohlhaas per Videobotschaft bald der ganzen Welt den „gerechten Krieg“ und seine Gegner zu Feinden aller Christen. Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn - ganze Städte überzieht er mit seiner schnell wachsenden Kriegerschar mit Mord und Brand.
Was bei Heinrich von Kleist 1810 noch einen Konflikt der Rechtsauffassung zwischen Mittelalter und Aufklärung wiederspiegelt, zwischen dem ehemaligen Recht, ja der Pflicht des Einzelnen, zu Selbstjustiz und auch gleich selbst ausgeführter Strafe - und dem späteren absolutistischen (staatlichen) Rechts- und Strafmonopol, weist Moritz Peters deutlich darauf hin, dass die zugrundeliegenden Mechanismen immer dann funktionieren, wenn (empfundene) Ungerechtigkeit auf die Arroganz der Mächtigen trifft.
Gibt es ein Gewicht für Gerechtigkeit, eines das ein entsprechendes Maß an Unrecht im Namen des Rechts erlaubt? Hat noch Rechte, wer großes Unrecht begangen hat? Wer definiert den einen als Terroristen und den anderen als Verteidiger der Freiheit? Wer hat Terroristen zu Terroristen gemacht, hat sie zuvor als Freiheitskämpfer ausgebildet und bewaffnet, um Regenten und Regime loszuwerden, die zu Feinden aller Christen erklärt wurden? In der heutigen Zeit taucht an dieser Stelle als Antwort stets das gleiche Land auf, dessen Regenten sich zur Weltpolizei berufen sehen und als Gerechtigkeit bezeichnen, was doch die Sicherung wirtschaftlichen Einflusses meint. Es ging und geht um Besitz, Macht, Gier und Maßlosigkeit. Argumente wie Religion, Gerechtigkeit oder Demokratie sind deren Staffage. Unter diesen Umständen verselbstständigt sich auch eine als noch so gerecht empfundene Sache schnell.
„Die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder“, stellte Pierre Vergniaud 1793 auf dem Weg zum Schafott fest, kurz zuvor war er noch einer der Anführer dieser Revolution. Nun hinzurichten nach Urteil des Revolutionstribunals.
Ist das zu verstehen? Dieser Cottbuser Kohlhaas führt sehr klug aus dem Damals ins Heute und bietet zugleich die Möglichkeit des Verstehens. Insofern: Ein Lehrstück!
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