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60 Jahre Ostermärsche

von Bernd Müller, Politik

Auch in diesem Jahr gibt es zu Ostern wieder die traditionellen Ostermärsche. Ihre Geschichte reicht weit in die Vergangenheit zurück. Sie waren bislang Bestandteil der westdeutschen Friedensbewegung, aber auch in den neuen Bundesländern gibt es sie inzwischen. In Cottbus werden am Ostermontag wieder zahlreiche Menschen auf die Straße gehen.
Die Ostermarschbewegung nahm ihren Anfang in Großbritannien. Im Februar 1958 trat die „Kampagne für nukleare Abrüstung“ (CDN) erstmals an die Öffentlichkeit. Die von dem Philosophen Bertrand Russel geführte Kampagne wurde schnell zur größten politischen Massenbewegung in Großbritannien der Nachkriegszeit. Zu ihrem Höhepunkt wurden die alljährlich zu Ostern durchgeführten viertägigen Protestmärsche von London nach Aldermaston, dem 83 Kilometer weit entfernt liegenden Atomforschungszentrum. Ab 1959 führte die Route von Aldermaston nach London zum Trafalgar Square. Diese Demonstration begründete die Traditionslinie, die sich sehr schnell auf dem europäischen Festland fortsetzte. Die Forderung nach einseitigem Verzicht Großbritanniens auf Nuklearwaffen wurde zur Grundforderung.pictures/artikel/IMG_21201458.jpgOstermarsch 1960 von Hamburg nach Bergen-Hohne (die anderen Sternmarsch-Gruppen kamen von Bremen, Braunschweig und Hannover) Foto: Konrad Tempel


Trotz schlechten Wetters waren an dem Ostersonntag 1958 Tausende gekommen. Innerhalb kürzester Zeit war aus einer kleinen Kampagne gegen nukleare Aufrüstung eine Massenbewegung geworden. Die Initiative fand breite Unterstützung von Parlamentsabgeordneten der Labour-Party, von Kommunisten, Kirchenleuten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Die Londoner TIMES beschrieb damals die Demonstration: „Gruppen von wohlgesinnten Zuschauern hatten sich hier und da versammelt und spendeten jedem Vater Beifall, der ein Kind auf den Schultern oder einen Kinderwagen schiebend mitmarschierte oder jeder jungen Mutter, die ein Kind an der Hand mitzog. Man sah auch Leute im mittleren Alter, Männer im Sonntagsanzug und Frauen im besten Kostüm. Alte Jungfern in Wanderkluft. Und Rentner, denen das Marschieren Mühe machte. Vor allem aber sah man Studenten, die selbst der Atom-Angst noch Lustiges abzugewinnen schienen. Junge Mädchen in Bluejeans, Doublecoat und derben Schuhen zogen lachend vorbei. An der einen Hand hielten sie ein Schreckensbanner, an der anderen einen jungen Mann, manchmal mit Bart.“
In der Bundesrepublik fand der erste Ostermarsch 1960 statt. Die Initiative dazu ging von einer kleinen Gruppe religiös motivierter Pazifisten aus, die sich innerhalb der Hamburger Gruppe des „Verbands der Kriegsdienstverweigerer“ (VK) zu einem „Aktionskreis für Gewaltlosigkeit“ zusammengeschlossen hatten. Mit einem drei bis vier Tage dauernden Sternmarsch über Ostern nach Bergen-Hohe, wollten die Aktivisten gegen das Treiben der US-Army protestieren. Diese erprobte auf dem Übungsgelände die „Honest John“-Raketen, die mit Atomsprengköpfen bestückt werden konnten.
Auch in Deutschland wurde schnell eine Massenbewegung aus den Ostermärschen. Von 1960 bis 1968 stieg die Zahl der Teilnehmer von 1.000 auf rund 300.000; die Zahl der Unterschriften unter die jährlichen Ostermarsch-Aufrufe stieg von 230 auf 15.000 (darunter 1.416 Geistliche und Theologen, 1.507 Pädagogen, 1.378 Gewerkschaftsfunktionäre, 1.008 Vertreter von Jugend- und Studentenorganisationen, 891 Künstler, 577 Schriftsteller und Publizisten sowie 486 Hochschullehrer und Wissenschaftler.
Neu war der Protest gegen Atomwaffen in Deutschland freilich nicht. Ende der 1950er Jahre gab es in der BRD auch schon Kampagnen gegen die atomare Bewaffnung der Bundesrepublik. Die von der SPD und dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) ins Leben gerufene Kampagne „Kampf dem Atomtod“ hatte im Frühjahr 1958 erreicht, dass in Bremen, Hamburg und mehreren hessischen Kommunen eine Volksbefragung über die geplante Ausrüstung der Bundeswehr mit Nuklearraketen durchgeführt werden sollte. Das Bundesverfassungsgericht hatte sie im Sommer desselben Jahres allerdings erst ausgesetzt und dann verboten. Später stellte sich dann auch die SPD gegen diese Kampagne. Beispielsweise ihre Ablehnung jeglicher Atomwaffen war ein Hindernis auf dem Weg in die Regierung.
Auch auf der internationalen Bühne hatte sich einiges geändert. Die von Konrad Adenauer (CDU) vertretene Konfrontationspolitik gegenüber der Sowjetunion passte der USA nicht mehr ins Konzept, da diese stärker auf Ausgleich mit den Sowjets setzte. Lorenz Knorr schreibt in seiner 1983 erschienenen Geschichte der Friedensbewegung: „Während weltpolitisch, vor allem zwischen UdSSR und USA, eine Tendenz zur Entspannung trotz partieller Rückschläge und vieler Hemmnisse immer nachhaltiger zu wirken begann, drängte die Bonner Regierung in die entgegengesetzte Richtung; sie wollte sich weder mit dem europäischen Status quo noch mit normalisierten Staatsbeziehungen und ersten Rüstungsbegrenzungs- oder Abrüstungsmaßnahmen abfinden“.
Die SPD passte sich dagegen den neuen Vorgaben an: Auf der einen Seite ließ sie einen Großteil ihrer friedenspolitischen Forderungen fallen. Auf dem Hannoveraner Parteitag 1960 befürwortete sie nun auch die allgemeine Wehrpflicht, deren Ablehnung zuvor noch als letzte Bastion des sozialdemokratischen Pazifismus und Antimilitarismus galt. Gleichzeitig begann sie die von den USA favorisierte Entspannungspolitik zu propagieren. Damit lag sie im Gegensatz zur Adenauer-Regierung ganz auf der Linie der Führungsmacht im Kriegsbündnis NATO. Der Weg über eine Große Koalition ins Kanzleramt war damit geebnet.
Viele Sozialdemokraten und Gewerkschafter, die jahrelang für Frieden gekämpft hatten, trugen den neuen Kurs ihrer Partei allerdings nicht mit und engagierten sich weiter in der Friedensbewegung und letztlich auch bei den Ostermärschen. Dafür wurden sie von ihrer Parteiführung unter Herbert Wehner massiv angefeindet, aber nicht von ihrem Engagement für den Frieden abgehalten.
Das Erfolgsgeheimnis des Ostermarsches bestand nach Meinung des Politikwissenschaftlers Christoph Butterwegge darin, politisch offen zu sein. Die Initiatoren stellten weder die kapitalistische Marktwirtschaft noch die bürgerlich-parlamentarische Demokratie in Frage. Die Bewegung stieß „sehr bald auf verkrustete Machtstrukturen, bürokratische Gegenmaßnahmen und obrigkeitsstaatliche Traditionen“. Und so wurde der Ostermarsch zum Nährboden zur Geburtshelferin und Ziehmutter der „Außenparlamentarischen Opposition“ (APO), die Ende der 1960er und Anfang der 70er Jahre einen politischen Klimawandel in der BRD bewirkte.
In dieser Tradition stehen auch die heutigen Friedensmarschierer. Ihre Kernforderungen sind weiterhin Frieden und Abrüstung. In einer Zeit, in der die Bundesregierung immer stärker darauf dringt, Kriege zu führen, potenzielle Gegner auch militärisch abzuschrecken und Waffen in alle Krisengebiete zu verkaufen, lohnt es sich, auf diese Traditionen zu besinnen. Aus diesem Grund hatten sich 2016 verschiedene Organisationen, Initiativen und Personen aus Cottbus zusammengefunden und die „Friedenskoordination Cottbus“ gegründet. Sie veranstaltet nunmehr zum dritten Mal einen Ostermarsch in Cottbus. Am Ostermontag startet er um 14 Uhr auf dem Stadthallenvorplatz.pictures/artikel/IMG_21201524.jpgOstermarsch Cottbus 2017, © Uwe Titscher
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