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Gesehen: 8. Philharmonisches Konzert

Lausitz Arena, 8. Juni 2012

von Jens Pittasch, Kultur

Für 1.500 Zuschauer endete die Reihe der Philharmonischen Konzerte der Spielzeit zwar mit einem Höhepunkt in Sachen einiger Dimensionen, leider jedoch nicht akustisch und auch wirklich nicht komfortabel. Masseure und Physiotherapeuten freuten sich wohl über einigen Zulauf, steife Nacken und schmerzende Rücken zu heilen.
In der Lausitz Arena zu spielen, da der Hangar-V nicht mehr zur Verfügung steht, war ein Versuch, den man technisch als gescheitert ansehen sollte. Da das Sportareal bereits für Fortsetzungen im Plan steht, gilt es hier Entscheidungen zu treffen, die wieder einen Kunstgenuss erlauben. Beispielsweise haben wir ja eine Stadthalle - mit guten Sitzen, guter Akustik, zentraler Lage und bester Infrastruktur für zahllose Besucher.
Es ist sehr schade, wenn die Rahmenbedingungen die künstlerischen Eindrücke etwas verdrängen. Während es Orchester und Sänger im Monumentalstück (Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 3 d-Moll) irgendwann schafften, die Musik fühlbar werden zu lassen, fielen wesentliche Teile der Komposition „Esh“ (Feuer) den Umständen des Raumes zum Opfer. Leise Passagen verschwanden einfach und Details, wie der extra engagierte Star-Countertenor Kai Wessel, ebenfalls.
Diese Uraufführung der anwesenden Komponistin Chaya Czernowin bestand aus Tönen zwischen Kratzen und Katzenjammer. Die Streicher rieben Bücher über die Saiten, Kai Wessel gab einzelne Töne und kleine Tonfolgen von sich (was nur wenige, sehr nah - im Innenraum - sitzend, auch hören konnten) - ein Jaulen und Rauschen in acht Minuten. Ein Feuer? Das mag schon sein, auch wenn ich es lieber knistern höre. Ohne Zweifel hat das Stück was, wäre zumindest ein guter Thriller-Soundtrack. Vom Hummelschwarm zum Düsenjet steigert sich der Klang, Konzentration darauf würde sicher auch den Eindruck verbessern, doch in der ungewohnten Weite der Arena ist das einfach nicht möglich. Mit Kehllauten eines Außerirdischen oder Irren kommt nochmals der Countertenor zum Einsatz, dann ist es vorbei.
Das Publikum applaudiert artig und rückt sich für den Hauptteil des Abends zurecht. Später bestätigen uns Gäste auf den seitlichen, langgestreckten Zuschauerrängen, was sich vom Innenraum nur vermuten lässt: Der sich ihnen bietende Anblick ist ein wenig absurd. Auf der weiten Fläche des Dreifelderplatzes (1.250 m²) sitzt ganz am Rand das große Orchester mit den Chören - fast 200 Personen, doch verlieren sie sich nahezu. Davor aufgebaut 6 lange Stuhlreihen, fast leer, da diese Karten offenbar garnicht zum Verkauf angeboten wurden. Musiker und Stühle lassen noch immer weit mehr, als den halben Innenraum frei - der doch jedoch für den ganzen Abend das ist, was die Gäste ansehen. Zumindest wenn sie den Kopf nichtmehr länger zur Seite der Musiker halten können und zudem in den Plastikschalen auch Sitzprobleme bekommen. Von der schnell schlechter werden Luft ganz zu schweigen.
Nur darum drehten sich die Gespräche beim Hinausgehen, nicht um die soeben gehörte Sinfonie, die oft als Mahlers Hauptwerk gilt. Das Werk besticht bereits durch pure Fakten: 1 ½ Stunden Gesamtdauer, allein der erste Teil übertrifft mit 40 Minuten die Länge der meisten kompletten Sinfonien. Auch warf Mahler viele bis dahin geltende Regeln der Komposition über Bord und unterteilte seine Musik nicht in Sätze, sondern Abteilungen, deren zweite dann Sätze enthält.
Da wir jedoch Formalien nicht hören können, nun endlich zur eben dieser Musik.
Die ersten Töne wollen noch klarmachen, dass sie in eine solch große Halle gehören. Sie fordern Raum - doch kurz darauf verschlechtert sich das Verhältnis des musikalischen Volumens zu dem der Sporthalle. Die vielen Musiker, die Chöre - stets wirkt alles eine Nummer zu klein. Wenn das Orchester anhebt, wird es zwar lauter, der Klang jedoch nicht voller. Statt dessen verschieben sich die Tonbereiche entsprechend ihrer empfundenen Lautstärke und verfälschen das Ergebnis. Offenbar ein Opfer der schieren Größe des Raumes wird auch ein Teil der Einsätze, immerhin sitzt man auf knapp 30 Metern Breite.

Bei alledem - und auch wenn nicht jede Blechbläserstelle sitzt - erleben wir doch in der Hauptsache feinfühlig, gewaltig, klug, reich und kunstvoll interpretierte, besondere Musik.
„.. Sinfonie heißt mir eben: mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen.“, meinte Mahler. Und wie wollte man die ganze Welt mit wenigen Worten beschreiben?
Mit seiner Musik gelingt das Gustav Mahler bereits in 90 Minuten.
„Der immer neue und wechselnde Inhalt bestimmt sich seine Form von selbst.“, schreibt er weiter. Wie eben die Welt es auch tut, sie lebt. Zu den Instrumenten gesellt der Komponist die Stimmen vieler Frauen und Kinder. In Cottbus singen mehr als 80 Damen des Staatstheaters und der Singakademie gemeinsam mit 51 Kindern des Dresdner Knabenchores. Als Solistin wurde Alexandra Petersamer gewonnen, die das Wunder vollbringt, ganz allein jeden Kubikzentimeter des Stadions mit großartigem Klang zu füllen, was dem Orchester schwer fiel.
Ganz präzise nun antworten ihr aus diesem zunächst einzelne Musiker, steigern sie sich gemeinsam, bis die Sängerinnen und Knaben einsetzen und sie alle uns mitnehmen in Mahlers Schöpfung einer Welt. In weite, schöne Dimensionen, die er schnell wieder nur den Instrumenten überlässt.
Es ist dann auch der Moment, in dem einen all das einfach mit sich reißt, unhaltbar hinaus ins All, als erlebe man das ganze Universum in wenigen Minuten. Es sind wohl nur die Klänge all der Instrumente überhaupt in der Lage, in uns so unmittelbar ein so vielschichtiges Bild zu erzeugen. Es ist ein direkter Link dutzend-, ja hundertfacher Töne zu Synapsen des Gehirns. Eine Bandbreite, die digital nicht zu beschreiben wäre - Terabyte je Millisekunde ...
Und so endet der Abend für mich in purer Faszination und dem erstaunten Wissen, dass dieses Werk einfach ein Mensch geschrieben hat und es Menschen neu entfalten können, zu jeder Zeit. Vielen Dank für eine kunstvolle Konzertsaison an das Philharmonische Orchester des Staatstheaters Cottbus und Evan Christ.
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