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Gesehen: Die Spielverderber

Abschluss der 12. Klasse der Freien Waldorfschule Cottbus, Piccolo Theater, 7. Juni 2012

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_42347260.jpgSo, mal Lindenberg aus´m Hotel Atlantic leiser drehen. Zwei CDs voller Erinnerungen.
Als ich so 18-19 war, und auch schon in den Jahren davor, war er der Einzige, der uns Ost-Jugendliche nicht aufgegeben hatte. „Warum lässt Du mich nicht singen, im Arbeiter- und Bauernstaat?“ ... „Wir woll´n doch einfach nur - zusammen sein.“ ...
Gefühlte Erdbevölkerungen Jugendlicher sind inzwischen, Jahr für Jahr, in die - für uns nun offene - Welt hinausgezogen. Am 7. Juni war es mal wieder soweit für einen Abschied. Allerdings einen, der einen starken Erinnerungswert bei uns lässt.
Die 12. Klasse der Freien Waldorfschule Cottbus schloss Schuljahr und Schulzeit mit einer Aufführung(sreihe) im Piccolo-Theater. Und was sie da zeigten, war ein Erlebnis.
Von Michael Ende kennt wohl jeder „Die unendliche Geschichte“. Die meisten aus der von ihm nicht autorisierten Verfilmung. „Momo“ kennt man und auch „Jim Knopf“, und es ist schon viel weniger klar, dass die Bücher von Michael Ende stammen. Nach Jim und Lokomotivführer Lukas und vor Momo entstand 1967 sein Theaterstück „Die Spielverderber“, im Untertitel „Das Erbe der Narren“.
Wie würde man selbst reagieren, wenn Post kommt, die einem ankündigt reich geerbt zu haben - nur dass einem der Name des Verschiedenen vollkommen unbekannt ist?
Den Notar anrufen und den Irrtum aufklären? Oder war es doch der möglicherweise verschollene reiche Onkel aus Amerika? Der Inhalt des Testaments ist geheimnisvoll. Also erst einmal hinfahren!
Viele Personen sitzen bereits auf der dunklen Bühne, als die Zuschauer den Saal betreten. Ein nicht unüblicher Stückbeginn - gerade im Schülertheater. Da oft gesehen, steht vor der Erwartung an das Folgende zunächst ein Fragezeichen.
Klar wird, die da sind, wissen nicht, weshalb sie da sind. Das heißt, sie wissen es schon und doch auch nicht, denn keiner kennt den Erblasser. Keiner der sehr unterschiedlichen Gäste im recht geheimnisvollen Haus. Neben einer reichen Ausstattung treffen sie dort auf ein Faktotum, offenbar den guten Geist des verstorbenen Herren, dessen eigener blasser Geist gelegentlich durch die Szenerie wandelt.
Schnell ändert sich das Fragezeichen, mit einem erfreuten Lächeln, zu vielen Ausrufezeichen. Denn Taula Brunner, Maria Proksch, Elisabeth Kleo, Liesa Klöpper, Florian Gäbel, Johann Heyn, Talitha Lüdke, Toni Rentsch, Christiano Paiva, Ailin Renan Morais, Lotta Brand, Anna Proksch, Sarah Frister und Antje Kubanke gestalten sehr einzigartige und sehr nachvollziehbare Charaktere. Ihr Spiel ist gekennzeichnet von einem guten Stück bereits gewonnener Lebenserfahrung, von gewonnenen eigenen Haltungen, Wünschen, Erkenntnissen und vom nun bevorstehenden Sprung in die Zukunft nach der Schulzeit.
So bieten die verschiedenen Figuren und das Verwirrspiel um Egoismus, Intrige, Neid, Zusammenhalt, Schwäche, vermeintlicher Stärke, Zynismus, Regeln und deren Übertreten eine wunderbare Plattform - die man kaum besser nutzen kann, als es diese (nun ehemaligen) Schüler unter Spielleitung von Michael Kiekebusch und Teo Vadersen tun.
Ganz und gar haben sie offenbar die Handlung in sich aufgenommen und für sich erschlossen. So sehen wir ein spannendes Spiel, obwohl - oder gerade weil - die Gründe allen Geschehens im Verborgenen bleiben - die Abgründe dafür immer deutlicher werden.

Um das alles zu erspielen haben sie auf der Bühne übrigens nur zwei leiterartige Gestelle und gelungene Kostüme, sonst kaum Ausstattungsmittel - jedoch viel räumliche Leere. Die füllen sie nicht durch ihre Anzahl, sondern mit Bildern in unseren Köpfen. Oft wirken in den eindrücklichsten Szenen nur ein, zwei Darsteller.
Immer mehr beeindruckt mich die Reife, die die jungen Schauspieler zeigen. Mehrere von ihnen sind mir seit vielen Jahren bekannt. Sie konnten Filmerfahrung sammeln, sie belebten lange Cottbuser Scandale-Nächte, trieben in der Spree und hatten auch an anderer Stelle einen Platz in unserer Stadt gefunden. Nun ziehen die meisten hinaus: weitere Ausbildung, soziale Jahre, kulturelle Ideen - ganz gegen das bekannte Waldorf-Vorurteil, können sie weitaus mehr, als ihre Namen tanzen. Und so muss uns wohl nicht Bange sein und ihnen selbst auch nicht. Viel Glück, und gern sehen wir Euch hier auch wieder.


Foto: Silvio Samsik
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