Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

Gesehen: DER LADEN. Erster Abend

Premiere, 9.6.2012, Staatstheater, Großes Haus

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_42347648.jpgWenn man dem folgt, was man so von Besuchern hört über den LADEN, fallen einem zwei grundsätzliche Meinungen auf. - Die eine, eher distanziert, vielleicht sogar mit dem bekundeten Anspruch auf Objektivität, zumindest jedoch ohne große gefühlsmäßige Reaktionen. Da fällt dann gar das Wort „gescheitert“.- Die andere sehr gefühlsbetont, persönlich und berührt, dort heißt es „großartig“, „so sind wir“.
Nun - geht es im Theater um eine formell, objektive Bewertung? Nein. Theater ist ein Erlebnis und spricht alle Sinne an. Dafür hat es viele Mittel der Kunst zur Verfügung und erreicht auf diesem Weg - wenn gewollt (und gekonnt) auch die Vernunft.
Weder kann noch mag ich dem Versuch einer Objektivität verfallen und beschreibe immer ausschließlich mein persönliches Erlebnis Theater. Da passiert im Verlauf eines Stückes viel oder wenig in mir. Passiert wenig, sieht man natürlich dann auch dies und jenes handwerkliche Problem sehr deutlich. Passiert viel, ist es unwichtig, ob irgendein Detail möglicherweise nicht ganz saß.
Über diese Inszenierung nun: „Der Laden. Erster Abend“ - könnten ganz wenige Worte alles sagen: Ein Glanzstück - oder gar das Glanzstück der Spielzeit. Und genau das Stück, das uns in Cottbus, der Lausitz, in Brandenburg fehlte - und das gerade darum aber ganz anders ist, als provinziell.
Nicht zur Provinz also, sondern als Fenster zwischen Heute und Gestern öffnen sich weit die Türen des kleinen Bohsdorfer Ladens (im Original), der als Bossdomer Bühnenabbild auch entsprechend groß und licht geriet.
Tiefgründig, humorvoll und klug haben Mario Holetzeck (Regie), Gundula Martin (Bühne), Susanne Suhr (Kostüme) und Dramaturgin Bettina Jantzen das Motto der Spielzeit (Familie) derart gestaltet, dass hier nun unsere Familie entsteht. Das Leben liebenswert, mit all seinen Veränderungen, die doch immer Entwicklungen sind.
DER LADEN basiert, was hier jeder weiß, auf Erwin Strittmatters Romantrilogie gleichen Namens. Aus drei dicken Büchern eine Theaterfassung für zwei Abende zu machen übernahm Holger Teschke. Kein Lausitzer und damit unverdächtig der Heimattümelei.
Alles beginnt mit der offenen, weißen Bühne. In deren Zentrum liegt einer, der schnell als der erwachsene Esau Matt erkennbar wird. Es ist der Name, den Strittmatter sich selbst gab im stark autobiographischen Werk. Seine eigene Stimme der Kindheit trägt ihm Fragen zu. Vom Heute ins Damals und zurück. Eine Schreibmaschine ist noch da, auf der die Geschichte als Antwort entsteht.
Aus der Stimme in Esaus Kopf werden für uns sichtbare Figuren, die sich die Szene erobern und darin Bossdom gestalten, den Laden der Eltern, den Ort der Kindheit.
Die Gestaltungsidee der Bühne ist genial einfach und doch wunderbar detailreich und liebevoll, wo sie es sein muss. Im gleichen Maß ausgewogen die Kostüme und die wenigen Ausstattungsmittel. - Viel Weite und damit Spiel-Raum bleibt erhalten, kann jedoch auch ganz bildhaft verkürzt oder zum Kästchen (Klassenraum) verengt werden.
Ganz nah am Buch erzählt sind einige Episoden des Ladenlebens und vermitteln ganz unmittelbar das Gefühl für diese Familie und diese Zeit. Die wird ab und zu angehalten und Esau ist selbst der Erzähler, der Fragende und der Schreibende.
Oliver Breite ist unser Esau Matt. Nach der aktuellen Spielzeit als Gast und mehreren, vergangenen Spielzeiten im Ensemble (1993-2001) wird er ab Herbst ein festes Engagement einnehmen.
Damals, 1993, holte ihn Intendant Christoph Schroth aus Schwerin (wo Schroth zuvor Schauspieldirektor war) nach Cottbus. Für Schroth hatte Holger Teschke auch eine „Effie Briest“ Fassung geschrieben. Und für Schroth eröffnete Oliver Breite (damals Oliver Bäßler) die Spielzeit 1993 als Othello.
Nun also schließt sich der Kreis dieser Könner, geführt vom heutigen Schauspieldirektor Mario Holetzeck, der mit diesem LADEN wohl auch wirklich im Theater seine Heimat finden konnte.
Und Oliver Breite sollte er zu halten versuchen, nicht nur sein Esau ist eine Bereicherung, wenngleich wir eine wirkliche Ausnahmeleistung erleben können. Er spielt nicht, er ist diese Person zwischen Erwin und Esau, fantastisch in jeder der Situationen.
Die Bossdomer Familie bilden Mutter Helene Matt (Susann Thiede; ideal besetzt und gespielt) und Vater Heinrich Matt (Amadeus Gollner; gut, doch irgendwie unterfordert überfordert wirkend).
Die Großeltern sind Heidrun Bartholomäus (hinreißend, köstlich) und Michael Becker (ein Original als Original!). Esaus kleine Schwester ist Elisabeth Görz (mit echter Mama auf der Bühne), seine Brüder spielen Johannes und Daniel Wingrich und den Onkel Thomas Harms. Dessen Phile ist humoristisch bis spitzbübig sehr gelungen - und musikalisch!
Eine besondere Rolle im Leben des Esau spielt Hanka (Magd und Kindermädchen) und besonders ist Laura Maria Hänsel als unsere Hanka. Hanka ist das pure Leben, und man möchte sofort Esau sein, wenn sie unbeschwert in seiner Nähe tanzt und neckend seine Neugier anstachelt.
Doch es gibt auch andere Zeiten für den Jungen, vor allem in der Schule mit Lehrer Rumposch. Kai Börner verleiht ihm nicht nur Fülle, sondern eine sehr glaubhafte Gestalt.
In mehreren schönen Rollen zu sehen sind Oliver Seidel, Gunnar Golkowski und Johannes Kienast. Ob Handelsvertreter, Junker, Dorfkind, Lehrer, Bergarbeiter und einige mehr. Alle drei haben großartige Gelegenheiten teils Miniaturen, teils wichtige Charaktere zu zeichnen und sie machen daraus sehr viel.
Nach der Pause, wir sind nun im zweiten Teil des Romans, in Esau Jugend, kommt Johanna Emil Fülle hinzu als verführerische Ilonka, deren langen Beinen und deren Charme Esau komplett verfällt. Ob in der Schule, beim Tanzen, zu Besuch in Bossdom - mit Gesang - oder beim Ausflug über Land, Johanna Emil Fülle bildet den richtigen Kontrast in Esaus bisheriger Welt.
Überhaupt, Teil-2. Bis zur Pause liegt der erste Band des Romans dem Geschehen zugrunde. Fast zwei Stunden vergehen für mich nahezu unbemerkt, da ich weniger Zuschauer war, sondern dabei, im Leben der Leute auf der Bühne.
Nach der Pause hat sich der Raum dort zunächst verkürzt, bietet reine Form und Geometrie.
In Esau wachsen die Fragen. Fragen nach dem Sein, nach dem Sinn, nach Geschehenem. Holger Teschke versuchte auch, Strittmatter hier Worte in den Mund zu legen und Nachdenken über eine Vergangenheit, die dieser selbst in seinem späteren Leben ausgeblendet hat. So wollte es Strittmatter und so blieb es auch hier - glücklicherweise -, denn niemand bemerkte diesen überflüssigen Versuch, der nicht vorher davon wusste.
Selbstverständlich unterscheiden sich Teil 1 und 2, Kindheit und Jugend. Doch bleiben Stück und Personen sich jederzeit in ihrer Weiterentwicklung treu und spannend. So ist die Zeit nicht nur voran geschritten, sondern es ziehen auch Anzeichen herauf, die mehr verändern, als es das Älterwerden bewirkt. Wir sehen und fühlen das mit Esau, seiner Familie und allen Personen, durch Mario Holetzeck passend subtil gezeigt und keiner weiter Erklärung bedürftig. Dann endet dieser Abschnitt. Und mit dem Wissen, dass Vieles sich dramatisch verändern wird, gleich mehrmals, bleibt uns das gespannte Warten auf Teil 3, ab 30. September.


Foto: Marlies Kross
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus