Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

Gesehen: Der Laden

eine zweite Rezension zum ersten Teil

von Christin Raubuch, Kultur

„Wer bin ich eigentlich?“ Diese elementare Frage stellt sich Esau Matt, der literarische Alter Ego des Schriftstellers Erwin Strittmatter, an einem Mittwochabend im Staatstheater Cottbus. Unter der Regie des Schauspieldirektors Mario Holetzeck und der Dramaturgin Bettina Jantzen erhält das zahlreich erschienene Publikum detaillierten Einblick in das turbulente Leben des Protagonisten Esau Matt. Im ersten der zwei Theaterabende der Romantrilogie „ Der Laden“ (nach der Theaterfassung von Holger Teschke) reflektiert der in die Jahre gekommene Esau sein Leben im Laden der Eltern bis zu seiner Jugend im aufkommenden nationalsozialistischem Deutschland. Auf dieser gedanklichen Reise durch seine Biografie, begleitet der Zuschauer den Schauspieler Oliver Breite in der Rolle eines sympathischen, nachdenklichen, komplexen und dichterischen Geistes. Die ursprüngliche Chronologie des Romans zerfällt im Stück in vielschichtige Handlungsstränge und zeitlich ungeordnete Erinnerungen der Hauptfigur. Eine vollkommen weiße Bühne dient immer wieder als Raum für Matts Reflektionen, Fragen und Dichtungen. Das herausragende Bühnenbild schafft es dabei immer wieder die einzelnen Erinnerungen in diesen leeren Gedankenraum einbrechen zu lassen. Mit den geschichtlichen Umbrüchen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konfrontiert, entwickelt sich aus dem Back- und Colonialwarenladen ein heiterer Schauplatz für die verschiedensten Figuren. Da wäre zum Beispiel der Großvater und Kreditgeber der Familie, der trotzig seine sorbischen Weisheiten gegenüber den deutschen Eigenheiten verteidigt und dabei das größte Vorbild des kleinen Jungen ist. Oder die chaotische Geschäftsfrau und Mutter, die nachts gern von einem schillernden aufregenden Leben fantasiert und tagsüber übermüdet versucht den Laden zu führen. Sogar ein lebendiges weißes Pferd, ein röhrendes Motorrad oder ein veraltetes Grammophon beleben die Bühne. Und stehen dabei stellvertretend für Dinge aus der großen weiten Welt, fernab vom Laden im Dorf Bossdom, mit denen Familie Matt auf unterschiedlichste Weise umzugehen versucht.
Im zweiten Akt erzählt der herangewachsene jugendliche Esau von seiner gescheiterten ersten großen Liebe und der erfahrenen Tyrannei durch den nationalistischen Lehrer Apfelkorn. Bruchstückhaft beleuchtet er dabei seine Zeit im Gymnasium in Grodk (Spremberg) und der Zuschauer erlebt den Kampf um seine Identität und die innere Zerrissenheit, die ihn immer wieder dazu führt zu fragen - „Wer bin ich eigentlich?“.
Eine der größten Stärken des Stückes ist wahrscheinlich die aufwendig und punktgenaue Organisation zwischen Schauspiel, Bühnenbild, Licht und Musik. Durch den komplexen Aufbau der Inszenierung wird das allgemeine Verständnis von Vergangenheit und Gegenwart gesprengt und verdeutlicht, daß Erinnerungen und Gedanken nie klar und ungetrübt sind. Die Sinnkrise des Esau Matt ist, durch diese Inszenierung auf sehr belustigende aber auch erschreckende Weise nachvollziehbar gemacht worden. Diese Leistung wurde vom Saal mit vielen Lachern im Stück und begeisterten Applaus am Ende honoriert.
Im Herbst 2012 zeigt „Der Laden“ (zweiter Theaterabend) dann den dunkler werdenden Weg des alternden Esau Matt. Zusätzlich wird es in dieser Zeit auch einige Veranstaltungen geben, die sich kritisch mit der politischen Vergangenheit Erwin Strittmatters im II. Weltkrieg und vor allem in der DDR auseinandersetzen.
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus