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Wo der Hammer hängt!

30 Jahre „SANDOW“, Volksbühne Berlin, 28. Mai 2012

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_42348588.jpgWann war das eigentlich, vor 30 Jahren? 1982 - ach ja:
Da war ich gerade in Wismar um höhere Bildung zu erfahren und kam statt dessen endgültig mit den Leuten zusammen, die nicht nur unzufrieden über fehlende Bananen faselnd ihre Westfernsehantennen neu ausrichteten, sondern an die, die wirkliche andere Meinungen hatten, begründen, vertreten konnten und das auch taten. Die dortige Studentengemeinde war aktiv und deutlich, suchte geradezu die Auseinandersetzung mit den Genossen Studenten - oft erfolgreich - wir haben einige der Partei „abgeworben“. Es gab enge Partnerschaften nach Kiel und Rostock, es ging fast garnicht um Kirche, sondern um Politik, Leben, Freiheit und Kultur - mit viel Musik, gern auch ausgelassen. In Rostock war einer unbequem-aufrührerischer Jugendpfarrer, der heute Bundespräsident ist - und mit einer Band, die in dem Umfeld entstand, zog es mich bald nach Berlin.
In Sandow - da wo ich her kam und auch heute wieder wohne - kamen zur gleichen Zeit einige Musiker zusammen und nannten sich einfach, wie ihr Stadtviertel SANDOW.
Auch in Cottbus war die Zeit nicht stehengeblieben, wenngleich das verhältnismäßig wohlversorgte „Zentrum der Berg- und Energiearbeiter“ der Wende ruhig entgegen ging. Eine „Szene der Anderen“ hatte sich aber schon seit einiger Zeit entwickelt. Die hatten kulturell den Club „Südstadt“, das „Forum K“ oder den Club am Amtsteich für sich erschlossen, wir folkstanzten im Eliaspark oder jazzten in Peitz. Andere hatten eine ganz eigene Definition „freier Wirtschaft“ entwickelt und Gürtelmanufakturen in Plattenbauwohnungen eingerichtet, ließen „importierte“ Bilder über Pionierlogos auf Shirts bügeln oder eigene „Modekollektionen“ schneidern. Erst nach Schnittmustern aus Omas geschmuggelten Westkatalogen, später eigene - meist sehr ungewöhnliche Entwürfe.

Eigene Wege gegangen war auch die Musik, schon seit Ulbrichts „Yeah, Yeah, Yeah“ Attacke (bei ihm „Je-Je-Je, und wie das alles heißt“). Dass die Verpflichtung Deutsch zu singen sich bald darauf zu einer ganz eigenen Macht entwickeln würde, war die gerecht, konsequente Folge des eigentlich beabsichtigten Versuches, in der „größten DDR der Welt“ auch den Musikern abgeschottete Wege vorzuschreiben.
Wie sich das alles in Cottbus zutrug, in „wilden und rauhen Punkzeiten der Wendezeit, Exzesse, Liebe und Rebellion“ (Pressetext SANDOW) kann man in einem Hörspiel nacherleben, wir stellten die CD im Maiheft vor (“Im Feuer”, Kai-Uwe Kohlschmidt).
In Berlin - zur Geburtstagsfeier - gab es das Werk zunächst vollständig im Theatersaal.
Also zurückgelehnt und Augen zu, rein konditionell etwas anstrengend und inhaltlich auch nicht für jeden fassbar - zu insiderisch dafür in weiten Passagen.
Danach aber kam fast der Abrissbagger ins betuchte Gebäude, in Form des Sandower-Hammers. Das Bandlogo, von Hans Scheuerecker geschaffen, hing vorher ruhig bestrahlt über der leeren Bühne, auf deren Rückseite nun sehenswerte Animationen zur urgewaltigen Musik der Band flatterten. SANDOW und einige Gäste riefen 30 Jahre Bandgeschichte in fast 2 Stunden krachend in Erinnerung.
Schon wieder könnte ich zitieren, Musiker von heute singen: „Wie soll man rebellieren? ... unsere Eltern waren schon eher hier.“ Bei SANDOW damals hieß es unter anderem: „Wir können bis an unsere Grenzen gehen. Hast du schon mal drüber hinweggesehen?“ und „Wohin soll denn die Reise geh´n, ich weiß es nicht und ich will´s nicht wissen.“ - Subtil doppeldeutig musste man zensurtauglich verstecken, was zu sagen war - eindeutig war es für die Hörer.
Vollkommen aufgewühlt bot sich als Abschluss die Gelegenheit zum Heraustrommeln all dessen, was Vergangenheit, Gegenwart und die Zeit dazwischen soeben wachgerüttelt hatten. Das Wissen, um das was war, wurde und hätte werden können. Vieles, was verloren ging in überstürzt geldgeiler Wende.
Bei Endruh Unruhs („Einstürzende Neubauten“) Drumclub im Foyer entfesselten die Konzertbesucher, auf Felle und Becken einschlagend, ein passendes Schlagzeug-Inferno.

Als Abschluss nun ein Blick voraus, „Kraftklub“ singen (s.o.) von der Unmöglichkeit, heute noch zu rebellieren. Ja - wenn jeder alles darf, sind alle nur noch Narren. Daher werden wir für eine punk-musikalische Begegnung von Eltern und Jugendlichen sorgen, die sich gewaschen hat: mit SANDOW zu den KONTURKONZERTEN 2013.
Gemeinsam zeigen die dann all den Schlafenden, wo nach wie vor der Hammer hängt.


Foto: Peter Gruchot
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