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Gemeinsam verwaltetes Eigentum ist möglich

Nachruf auf Elinor Ostrom

von Conrad Kunze, Politik

Elinor Ostrom ist am 12. Juni im Alter von 78 Jahren gestorben. Für ihr Lebenswerk zum Gemeineigentum erhielt sie im Jahr 2009 den Wirtschaftsnobelpreis.

Ostrom hat sich nie als revolutionäre Denkerin im engeren Sinne des Wortes verstanden. Und doch war es ihr Verdienst, einen heute schon revolutionär anmutenden Gedanken ins 21. Jahrhundert und vor der Mottenkiste zu retten: von der Möglichkeit einer Welt jenseits des Privateigentums.
Auf der Höhe des neoliberalen Dogmas von der Allheilkraft der Privatisierung, als diese sich anschickte auch die ökologischen Gemeingüter wie Wassers, Erdatmosphäre und Gensequenzen einzuzäunen, zog Ostrom diesem den theoretischen Boden unter den Füßen weg.
An zahlreichen Beispielen konnte Ostrom beweisen, dass gemeinschaftlicher Besitz Bewässerungssysteme oder Fischbestände besser bewahrt als staatlicher oder privater. Garrett Hardins Aufsatz von 1968 über die „Tragedy of the Commons“ war widerlegt und der Raum für diese Richtung des Denkens wieder geöffnet. Dass Ostrom für diese Häresie den Nobelpreis erhielt ist ein erstaunlicher Glücksfall.
Weniger erstaunt waren die Ethnologen. Nach dem Fall des Sozialismus haben viele Studien in Osteuropa gezeigt, was hierzulande jeder denkende Mensch schon verstanden hatte: Privateigentum als eine Möglichkeit menschlichen Zusammenlebens ist so wenig Allheilmittel, wie es das staats-sozialistische gewesen war.
Beide, Ethnologen und Ostroms „Bloomingtoner Schule“, sind sich einig, dass Besitz und Eigentum hochkomplexe soziale Kategorien sind, welche sich bei weitem nicht in den Vereinfachungen „privat“, „staatlich“ oder „gemein“ erschöpfen. Die Frage ist vielmehr, was daraus folgt. Welche Lebensform verbindet sich mit einem bestimmten Eigentumssystem? Welcher Glaube steckt dahinter?
Da heute selbst die VWL selbst nicht mehr so Recht an die Unendlichkeit des „Wirtschaftswachtstums“ glauben mag, da sich der Planet als ineffizienter Verlierer erweist, da die Natur als kommunistischer Delinquent entlarvt ist, stellt sich die Frage mehr als je zuvor. Welches System von Rechten und Pflichten kann Eigentum/Besitz so gestalten, dass sie dem „guten Leben“ dienen.
Wie weit das Bewusstsein darum verschüttet ist, zeigt der Verlust der Differenz zwischen Besitz und Eigentum. Zwei Wörter die durchaus nicht Dasselbe meinen. So scheitert, wie man hört, das cottbuser Hausprojekt Zelle regelmäßig am Versuch das Haus zu kaufen. Man möchte als „Eigentümer“ nicht zu „den Kapitalisten“ gehören.
Ostroms Verdienst besteht weniger im Finden dieser Wahrheiten als in der Übersetzung. Erst nach ihrem zweiten großen Werk „Understanding institutional diversity“ erhielt sie den Nobelpreis. Dabei sagt sie das Gleiche wie in „Governing the commons“ nur mit vielen Statistiken und im VWL-Sprech. Kein besonders lesbares aber dafür nobelpreiswürdiges Buch.
Als eine, die sich in der dominanten Sprache auszudrücken verstand, ohne sich von ihr vereinnahmen zu lassen, wird sie der Welt fehlen. Ihr geistiges Erbe lebt in den Ideen der „Commons“ und der „Post-Wachstums-Gesellschaft“ fort. Ohne diese Worte zu wählen, hat Ostrom es deutlich gesagt: eine andere Welt ist möglich.
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