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Gesehen: „EINgeRAHMT“ & „AUSGELENKT“

Piccolo Theater, Spiel(T)räume, 6. Mai 2012

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_42361890.jpgEinmal im Jahr zeigen alle Gruppen des Piccolo-Theaters ihre Arbeit öffentlich. Spiel(T)räume nennen sich diese Tage mit Aufführungen von früh bis spät. Sie alle zu besuchen, von allen zu berichten, wäre schön - vor allem auch für die Kinder und Jugendlichen, leider aber ist das für uns nicht zu schaffen. Entstehen doch diese Theaterseiten nebenberuflich, ehrenamtlich und unentgeltlich in unserer Freizeit.
So suchten wir uns den Nachmittag des 6. Mai heraus, nicht zuletzt deshalb, weil die zu dieser Zeit auftretenden Gruppen ihre Vorstellungen am besten beworben haben. Klappern gehört zum Handwerk und das mit den Mitteln der Zeit, in diesem Falle Facebook.

„EINgeRAHMT“ heißt das Stück der Piccoteens-2. Das Ankündigungsfoto zeigt Hände an einem Bilderrahmen. Nicht ganz ohne Vorurteile erwartete ich, was die Gruppe unter Leitung von Romy Brand aus diesem nicht gerade unbekannten theaterpädagogischen Ansatz macht. Und ich nehme vorweg, dass ich sehr positiv überrascht wurde und meine Bedenken tatsächlich bereits Sekunden nach Beginn von den szenischen Ideen, den gefundenen Ansätzen und besonders der spielerischen Umsetzung hinweggefegt wurden.
„Fall nicht wieder aus dem Rahmen!“, führen die im Munde, die schön angepasste, gleichgeschaltete Menschen wollen. Zugegeben, ich bin an diesem Punkt besonders empfindlich, da mich die Gleichmacherei und geforderte Duckmäuserei des vorherigen ostdeutschen Staates maßlos angewidert hat. Danach waren plötzlich viele Punks und schon immer für Freiheit: Haha!
Sie hatten mich also schon mit ihrer Art, das Thema aufzugreifen, die jungen Schauspieler.
Rahmen, Mauern vs. Freiheit. Nicht drin sein mögen, in den Mauern. Umbrüche und Aufbrüche erleben und mitgestalten.
Doch Rahmen können auch schöne Bilder beinhalten, schützen und zeigen. Das sieht der Eine. Oder sie können an jeder Seite zu schnell Grenzen bieten. Das sieht der Andere.
Ein Rahmen kann auch Sicherheit sein. Nicht jeder ist gegen ein vorgefertigtes Leben, wie eben viele Eltern derer, die da spielen noch wissen. Und nicht wenige trauern dieser Zeit nach, in der sie nicht für sich selbst verantwortlich sein brauchten. (Eigen)Verantwortung und Selbstständigkeit haben sie nicht gebraucht und nie mehr erlernt.
Umso wichtiger ist es, das heute zu lernen. Genau dafür bietet das Piccolo Theater Rahmen und Freiheit zugleich. Es ist wirklich bemerkenswert, welche aktuellen Bilder die Piccoteens uns in ihren Rahmen zeigen und wie sie mit diesen Situationen umgehen. Es ist das tollste Alter, in dem sie sind, und es ist großartig, wie sie ihre Energien nutzen und welche Darstellungskraft sie zeigen.
Nach jeder Szene bekräftigt viel Applaus, dass sie auch den Nerv der Zuschauer genau treffen, und in dieser Art der Interaktion werden Esther Kerstan, Alina Schanz, Howard Castell, Marlon Bischoff, Josefine Schaarschmidt, Vanessa Hierse, Florentine Fröde, Valentin Galle und Ronja Bönsch noch freier - im Rahmen eines sehr gelungenen und sehenswerten Stückes - und ganz sicher auch in ihrem Leben.

Etwas später am Abend heißt es „Ausgelenkt“. Und damit bin ich auch schon beim einzigen, ganz kleinen Fragezeichen dieser Theaterarbeit unter Leitung von Hauke Grewe.
Denn der Titel erschließt sich mir nicht ganz. Was im Übrigen unwichtig ist, denn das Stück macht das um so besser.
Es soll um ein Klassentreffen gehen, 20 Jahre nach Schulende. Eher ungewöhnlich für Jugendliche, deren eigener Schulabschluss noch bevorsteht. Doch gleich nach Beginn notiere ich bereits: `Tolle Idee, eine Rückschau mit jungen Leuten, für die das eine Vorschau ist.´ - es ist großartig, in jeder Hinsicht.
Alles beginnt, sehr ästhetisch zu erleben, in einer Choreographie, die auch gut eine Orgie darstellen könnte. Die Musik dringt durch uns und die Darsteller, aus deren Gesten und Tanz vielleicht die nun mögliche Freiheit und Sehnsucht nach dem Leben spricht.
Wo sie angekommen sind, viele Jahre später, verdichtet sich auch in der Frage: „Was hast Du zu Ende gebracht?“ Und die Frage macht bereits eine Erwartung deutlich, bei der sich mir die Haare sträuben: zu Ende! - Oh ja. Natürlich kennt man diesen Vorwurf: „Du fängst alles an und machst nichts zu Ende.“ - Getroffen im völligen Verkennen der Worte „Ausprobieren“, „Kennenlernen“, „Entdecken“ - „Leben“. Warum muss man da an ein Ende kommen?
Die Piccoteens-3 sind Anna-Martha Thomas, Anna-Tabea Roschka, Clara Fuhrmann, Jari Schaller, Josepha Lamprich, Lisa Klaue, Luise Grosse, Nora Wendt, Paula Greschke, Sophie Fittkau und Wilhelm Will. Elf Darsteller, deren vielfältige Charaktere besonders Eltern interessante Einblicke auf sich selbst geben können. Sie spielen sich selbst in zwanzig Jahren - dann also, wenn meist genau das eingetreten ist, was man natürlich nie wollte: Werden, wie die eigenen Eltern.
Oder sind nicht eigentlich alle geblieben, wie sie waren - es sich damals aber nicht eingestehen wollten? Was wurde aus den Träumen? Was ist passiert nach dem Beenden der Schulzeit, wohin ist das Aufbegehren, wann begann das Funktionieren - und was wurde zu Ende gebracht?
Es ist ein mitreißendes Stück, das die junge Theatergruppe rings um diese Fragen, die wirklichen Existenzfragen, entwickelt hat. Eine ganz eigene Würdigung verdient der dramaturgisch kluge Aufbau aus Heute und Damals - wobei das eine zugleich das andere ist und das andere erst in Zukunft sein wird. Ob sie schauspielerisch (mit sehr hohem Textpensum!) oder in den musikalisch-tänzerischen Szenen agieren, hier wächst erneut eine Piccolo Generation heran, auf deren weiteren Stücke wir uns freuen können und die in 20 Jahren vielleicht einiges erreicht haben werden, jedoch noch lange nicht am Ende sind.


Foto: Maria Schneider
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