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Gesehen: „DIE VERWANDLUNG“

Piccolo Theater, Jugendklub, Premiere, 14. April, gesehen am 25.4.

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_42362228.jpg„Du bist aber gewachsen.“, sagt Oma. Wachsen, größer werden - warum ist das mit Veränderungen verbunden, die man nicht will, während man andere herbei sehnt?
Bei Kafka gehen diese Veränderungen so weit, dass sein Titelheld eines Morgens nicht mehr aufstehen kann. Viel zu viele Beine behindern sich selbst, jedes will seinen eigenen Weg gehen oder auch einfach liegenbleiben. Ja, liegenbleiben. Wozu denn aufstehen? Um sich doch gleich nur wieder für irgendwas falsch Gemachtes bei irgendwem zu entschuldigen?
Am Boden wälzen sich 14 Darsteller des Theaterjugendklubs um dem Albtraum zu entkommen - und erwachen im noch größeren.
Franz Kafka schrieb seine Groteske ums Normale des Funktionierens mit knapp 30 (1912). Dass er bald darauf schwer krank und nur 40 werden würde passt zur Leidensgeschichte, die er Gregor Samsa in „Die Verwandlung“ durchleben lässt.
Der erwacht morgens und sieht sich zu einem ekligen Ungeziefer verwandelt. Soviel schlimmer, als seiner täglich stupiden Arbeit nachzugehen empfindet er das bald gar nicht mehr. Allerdings ergeben sich gewisse Schwierigkeiten im Zusammenleben mit den Menschen in seiner Umgebung.
Mit 30 war Kafka Beamter in der „Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen“. Selbst unglücklich damit, war diese Tätigkeit auch noch voller Einblicke in weitaus unglücklichere Umstände anderer, hatte er doch berufliche Unfälle zu begutachten und war immer neu erschrocken über die Bedingungen in den Betrieben und das Leben der Arbeiter.
Hatte er dafür dem strengen Vater gehorcht, immer gelernt und studiert? Sollte das nun das Leben sein? Gregor Samsa als Käfer gerät immer weiter ins Abseits und geht schließlich elend zu Grunde. Ein Umstand, über den seine Familie schließlich erleichtert ist.
„Die Verwandlung“ ist ein idealer Stoff für einen Theaterjugendklub. Und das Piccolo-Team machte es richtig, das eigene Stück ganz frei an Kafkas Text zu binden. Spielleiter Matthias Heine und Dramaturgin Maria Bock nehmen ihre Darsteller genau da, wo sie sind: jung, voller Fragen, mit viel Euphorie, mit ersten schlechten Erfahrungen, mit Problemen der Akzeptanz gegenüber Eltern und Älteren, wie auch der Positionierung bei Freunden und Mitschülern. Täglich befinden sich besonders diejenigen, die mehr, als funktionieren wollen vor der Frage: Wann bin ich zu andersartig, um noch dazuzugehören?
Wie sie mit den eigenen Problemen umgehen und angelehnt an Kafkas Metapher Ihre „Verwandlung“ auf die Bühne bringen - mit welchen spielerischen, choreographischen, szenischen und musikalischen Mitteln, ist heftig, deutlich, mitreißend, ehrlich und sehr, sehr gut. Das Regieteam lässt die Darsteller Ideen umsetzen, die immer alles auf den Punkt hin unterstützen, nie ablenken, nie nur Beschäftigung der Gruppe sind - und die eben wegen der 14 Mitspieler immer deren individuelle Figur, mit einer eigenen Interpretation ins Spiel bringen.
Florian Donath, Martin Krüger, Ruth-Maria Thomas, Nica Handke, Leander Linz, Anna-Luisa Heim, Manan Schaumkessel, Inga Swensson, Ariane Zeißler, Laura Völkel, Laura-Kristin Rochor, Maurice Seifert, Paul-Felix Neumann und Mailin Miltz stehen stellvertretend für eine Jugend voll Potenzial, und das Piccolo bietet Ihnen eine besonders schöne Art, sich zu entdecken und zu entwickeln. Wenn es uns irgendwann einmal gelingt, diese Kraft und Energie über die Zeit des Größer-Werdens zu retten, sind wir den wichtigen Schritt weiter. Soweit allerdings unser Wissen über uns selbst zurückreicht, probiert es Generation um Generation - bis sie selbst älter geworden ist.


Foto: Michael Helbig
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