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Eine Kneipenpilgerreise durch andersartige Kultur

von Von Anika Goldhahn, Kultur

pictures/artikel/IMG_42362998.jpgOch, nö! Schon wieder eine Kneipennacht? – waren meine ersten Gedanken, als ich von der „Achse des Bösen“ hörte, eine Kneipennacht mit Anderskultur-Faktor. Ich weiß ja nicht, wie es euch dabei ergeht, aber wenn ich „Kneipennacht“ höre, dann sehe ich vor meinem inneren Auge langweilige Coverbands, die ALLE „Sweet home Alabama“ und „Knocking on heavens door“ spielen, gegeben falls auch noch Schlager. Da reicht doch eine Band, oder?
Gut, am 12. Mai wurde mir also eine „Anderskultur Kneipennacht“ versprochen. Ich war skeptisch, aber neugierig genug, um mich auf eine Pilgerreise quer durch die Stadt vom quasiMONO bis zum La Casa einzulassen. Die Route führte mich gegen 20.15 Uhr am Bebel vorbei. Dort waren aber noch alle Stühle auf den Tischen, ein Schild am Eingang schrie mich laut an: „Einlass erst ab 22 Uhr.“ Da war ich wohl zu früh dran. Also weiter in die Galerie Fango. Aber auch bei diesem Etappenziel fühlte ich mich ein wenig einsam. Ich, ein DJ und ganz viele Bilder. Da war ich wohl der erste auf der Party. Oder hatte ich mich im Tag geirrt? Eine Kneipennacht ohne Gäste? Langsam begann ich mich über die vielen Studenten und anderen potentiellen Konsumenten solch einer Veranstaltung zu ärgern. Hatte hier niemand mehr Lust auf Kultur?
Dann, im Comicaze, fand ich doch noch eine Band auf der Bühne – versteckt. Die hießen auch noch UnderCover – und spielten, wie der Name schon verrät: Coversongs. „Sweet Home Alabama“ habe ich allerdings nicht gehört. Dafür coole Rock’n’Roll-Klassiker. Am meisten begeisterte mich jedoch der eine Sänger, der gut auch als Bela B. mit britischem Akzent durchgehen könnte. Als ich die Kneipe betrat, rannte mir ein Mann, sichtlich angespannt, entgegen. „Endlich, noch ein Gast. Die Band hat mir nicht erlaubt auf die Toilette zu gehen, weil bei ihnen die Regel gilt, dass sich mehr Menschen im Zuschauerraum befinden sollten, als auf der Bühne.“ Auf der Bühne waren vier Musiker, und mit mir minus dem Mann auf der Toilette waren wir genug – nämlich fünf.
Das änderte sich schnell. Binnen weniger Minuten füllte sich das Comicaze. Anscheinend war ich wohl doch einfach zur früh auf der Party. Und zum ersten Mal hörte ich die Frage, die mir an dem Abend noch oft begegnen würde: „Und wo spielt jetzt eigentlich FBI?“ Es wurde vorher bekannt gegeben, dass die Punkband FBI (Freibierideologen) an der Anderskultur Kneipennacht teilnehmen würde. Nur wo, davon hatte anscheinend keiner eine Ahnung. Jedes Etappenziel auf dieser nächtlichen Kneipenpilgerreise war eine Überraschung. Niemand wusste, was einen im nächsten Lokal erwartete.
Das Akkordeon Salon Orchester in der Marie war dann wirklich eine Überraschung. Gewöhnungsbedürftig und Geschmackssache allemal. Die schräge Akkordeonmusik, begleitet von diversen Blasinstrumenten, und die verrückten Texte über Köter, die an Autoreifen „pissen“, ließen manchen Zuschauer zum jubelnden Kind werden. Andere reagierten jedoch mit hochgezogenen Augenbrauen oder drehten auf dem Absatz wieder um. Und immer wieder hörte ich die Frage: „Weißt du, wo FBI spielt?“
Als ich dann gegen 23 Uhr auch das vorletzte Etappenziel Scandale erreichte, wurde mir so einiges klar. Plötzlich wusste ich: Ich war nicht zu früh auf der Party, ich war wohl immer auf der falschen gewesen. Vor mir hatten schon hunderte andere Kneipenpilger das Scandale ausfindig gemacht, und zwar nicht die Erleuchtung, aber zumindest die FBI-Punker gefunden. Hier steppte der Bär! Oder eher der Hase, denn der Sänger der Band stand schwitzend mit rosa Hasenohren auf der Bühne. Was er da sang, konnte ich nicht verstehen, denn die Masse war lauter als er. Da waren sie nun: eingefleischte Punker mit grünen Haaren, 50-jährige Rocker, aber auch Muttis und niedliche, aber zumindest schon volljährige Schulmädchen. Das Scandale platzte aus allen Nähten, die Luft war erstickend und alle hatten eine Menge Spaß.
Erkenntnis des Tages: Unterschätze die Cottbuser nicht. Nur weil auf deiner Party nichts los ist, heißt das nicht, dass ganz Cottbus langweilig ist. Irgendwo steppt immer der rosa Osterhase. Und: Die Cottbuser wollen anscheinend Kultur mal anders. Dann gleich Punk? Ich find’s gut!
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