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Pód kšywom nakósnym – Im Land Egal

von The Mack, Kultur

Meist unbemerkt von der Mehrheit der Deutschen lebt neben ihnen ein kleines slawisches Volk, dass viel zu oft auf bunte Trachten und noch viel buntere Ostereier reduziert wird. Dass sie eine eigene Sprache haben, sehen wir wenigstens an den kleinen Buchstaben auf den Ortssschildern.
In dieser kleinen Sprache lässt sich auch schreiben. Der Domowina-Verlag aus Bautzen beweist es mit seiner Anthologie “Pód kšywom nakósnym – Im Land Egal” aus dem vergangenen Jahr. Schon im Titel fällt auf, dass dieser Band etwas Neues ist, die deutsche und die wendische Sprache stehen gleichberechtigt nebeneinander. Die Wenden in der Lausitz sind zweisprachig, sie können frei in beiden Sprachen kommunizieren, sie können in beiden Sprachen Freude an Literatur haben, beim Schreiben und beim Lesen. Erstmals nimmt der sorbische Verlag darauf Bezug. Ein Experiment, aber eine gute Idee.
Schon der Titel zeigt, dass die deutschen und wendischen Texte keine Übersetzungen füreinander sind. Der interessierte deutsche Leser kann an der Hälfte des Buches seine Freude haben, der interessierte Sorbe am ganzen Buch. Immer schön, wenn Zweisprachigkeit sich lohnt.
Die Herausgeberin, Ingrid Hustetowa, nimmt im Vorwort in beiden Sprachen auf die Anthologien, die sie zuvor herausgab, Bezug. Auffällig ist, dass sie die Nachdenklichkeit, die sie früher angedeutet hat, nun gegen Optimismus eingetauscht hat. Es ist etwas passiert bei den Sorben in den letzten 25 Jahren, diesen Eindruck können wir im Vorwort deutlich spüren.
Die Texte der verschiedenen Autoren teilen diesen Optimismus nicht wirklich. Sie sind zum großen Teil nachdenklich, manchmal melancholisch. Oft beschreiben sie den Blick zurück ins wendische Leben, der Blick nach vorn spricht viele Sprachen, kaum noch die wendische.
Der erste Text, der den wendischen Titel gab, beschreibt am Anfang die Kindheit in der Lausitz. Es ist eine genaue Beobachtung, die Beschreibung geht oft in kleine Details. Ja, die alten Häuser entsprechen nicht der Norm, ihre Dächer sind so schief, wie der Titel sagt. Und die Leute sind ein wenig wie ihre Häuser. Es sind diese Details, die dann das lyrische Ich in die Welt begleiten, die es nicht loslassen.
Der Band schließt mit dem deutschen Titelgeber. Das Land Egal ist nicht, wie es im Buchtitel zu vermuten ist, eine Metapher für die Lausitz, auch wenn die derzeitige Politik der Brandenburger Landesregierung diesen Eindruck macht. Das Land Egal ist auch nicht an Orte oder Sprachen gebunden, sondern an Menschen. Menschen, die versuchen, dem Gedanken an ihr Leben zu entfliehen und das Ganze mit Hilfsmitteln wie Alkohol unterstützen. Dieser Text fand recht langsam mein Interesse, dafür am Ende mein vollständiges Interesse. Das Leseerlebnis kam in kleinen Schritten.
Auffällig im gesamten Band war für mich die offenkundige Liebe einiger Autoren zu Fontane. Wir finden viele sehr detailierte Beschreibungen scheinbar nebensächlicher Dinge. Aber wer Fontane mag (ich tu es nicht), wird hier sicher seine Freude haben.
Manche Texte bewegen sich inhaltlich im Kriminal- und Gruselbereich. Das ist gut, wenn Spreewaldkrimis nicht immer mit einer wirren Außensicht von ARD und ZDF verbrochen werden, sondern auch aus dem kleinen Volk heraus entstehen. Der Beginn eines Kriminalromans macht mich neugierig, entweder auf das gesamte Werk oder auf die nächste Anthologie. Begeistert war ich beim Lesen einer grotesken Traumsequenz zweier junger Autoren. Dieser Text war bereits bekannt, erschien er doch schoon in einer anderen Publikation des Verlags. Ein wunderbares Spiel mit dem Absurden. Ich bin immer begeistert, wenn Autoren mich auf wendisch mit skurilen Texten überraschen. Unglücklicherweise entschieden sich die Autoren für eine Fortsetzung. Leider konnte diese das herrliche Spiel mit dem Unerwarteten nicht übernehmen. Auch der deutschsprachige Gruseltext konnte keine entsprechende Stimmung aufbauen.
Interessant sind die Texte, die das Leben der Menschen in der Lausitz beschreiben. Ein Leben oft mit dem Improvisierten, aber meist im Einklang mit der Natur in der Umgebung. Oft können wir beim Lesen spüren, dass die alten Werte sich aufzulösen beginnen. Die Alten, die sie bewahrten, verschwinden aus unserem Leben, wenn auch nicht aus unseren Erinnerungen. Die Jüngeren, die zwar noch geprägt sind durch ihre Erlebnisse und Erfahrungen, führen diese aber nicht mehr weiter. Das Leben ist ein anderes. Sowohl unter den schiefen Dächern als auch im Land Egal. Es sind diese Texte, die real Erlebtes oder Beobachtetes adaptieren, die diesen Band interessant machen.
Einige Texte adaptieren aber das Vorgestellte, das Ausgedachte, das Aber-es-könnte doch sein. Sie lösen beim Lesen nichts aus. Diese Texte waren für mich nur schwer lesbar. Sie erzählen mir keine Geschichte. Die Motivation der Autoren beim Schreiben war nicht spürbar.
Am Ende, auch wenn ich nicht immer begeistert war, fand ich einzelne Autoren, auf deren weitere Entwicklung ich neugierig bin. Es wäre gut, wenn der einzige sorbische Verlag die Mittel hätte, auch Kraft in die Förderung der literarischen Talente zu investieren. Das gilt sowohl für die Autoren, die schon ein paar Jahre schreiben, aber auch für die jungen Generationen, die jetzt mit beiden Sprachen aufwachsen. Die Anthologie zeigt, dass es das Potential bei den Sorben/Wenden gibt. Ich hoffe, dass es nicht totgespart wird.
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