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Gesehen: ALLE MEINE SÖHNE

Premiere, 7.4.2012, Staatstheater, Großes Haus

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_42365139.jpgAuf der Bühne steht ein amerikanisches Vorstadthaus, neben der Garage der dick-rundliche Ami-Nachkriegsschlitten, der gepflegte Einheitsrasen ragt in großer Schräge bis fast ans Publikum. Auch sonst ist äußerlich alles perfekt, Chris Keller (Oliver Seidel) mit Elvis-Tolle, doch auf seriös. Sein Vater - Joe, erfolgreicher Fabrikant (Rolf-Jürgen Gebert) - gibt sich im Erscheinungsbild eh kaum eine Blöße, die Mutter (Kate, Sigrun Fischer) sieht so aus, wie der Ort, an den sie gehört, die Küche. Also funktionell mit etwas (Locken-)Pracht. Wäre da nicht dieser abgebrochene Ast vom Apfelbaum, kurz erinnert er mich an „Adams Äpfel“, sähen wir eine heile Welt (Bühne und Kostüme: Okarina Peter, Timo Dentler).
Auch ohne Ast wissen wir jedoch, wie es steht um Sein und Schein. Nicht nur in Amerika, doch da auch gerne mal besonders. In Familie Keller liegt der Hund in der Vergangenheit begraben und mag unterm Edelgrasvorgarten doch keine Ruhe geben.
Spätestens, als Kate, von Sigrun Fischer glaubhaft interessant gezeichnet, zwischen dem Jetzt und ihren Erinnerungen pendelt, hier nicht angekommen, dort nicht abgeschlossen, wird klar, dass zumindest ein großer Bruch sich durch die Wirklichkeit zieht.
Was bei der Mutter sichtbar wird, zum Teil jedenfalls und noch und immer wieder unterdrückt, wird von den Anderen abgetan als Marotte, wenn nicht gar Verrücktheit.
Kates Festhalten an Larrys, des anderen Sohnes, Überleben, ihr Nichtwahrhaben des Geschehenen - verhindert die Weiterentwicklung, besonders für Chris.
Dabei weiß Kate Keller sehr gut, was um sie herum passiert. Gibt es also noch mehr Gründe, dass sie so starr bei ihrer Version der Wirklichkeit bleibt?
Die Mutter weiß auch sofort, weshalb Ann (Johanna Emil Fülle) aufgetaucht ist, Larrys ehemalige Freundin und Tochter des Firmenmitbegründers Steeve Deever. Der allerdings sitzt seit Jahren im Knast, soll er doch verantwortlich sein, dass die Air Force im Krieg fehlerhafte Ersatzteile erhielt und 21 Piloten abstürzten. Der mit angeklagte Joe kam frei, er war genau am Tag der Auslieferung nicht im Werk.
Als die Nachbarn ins Spiel kommen, ein ganz besonderes Pärchen (was auch das Erscheinungsbild meint), Sue (Johanna-Julia Spitzer) und Dr. Jim Bayliss (Gunnar Golkowski), erfahren wir, dass diese Version - außer den Kellers - keiner glaubt.
Und nun ist Ann gekommen. Auch bei ihr spüren wir, sie hat noch mit etwas abzuschließen und etwas zu verarbeiten. Die Schuld des Vaters? Nein. So richtig berührt sie dessen Schicksal nicht. Was aber ist es dann? Im Moment hat sie nur ein Ziel: Chris heiraten. Denn den liebte sie schon, als es noch keiner wusste, nicht einmal Chris selbst. Der seinerseits hatte zwar neidisch nach der Freundin des jüngeren Bruders geschaut. Doch nach Larrys Tod und Steeves Verurteilung wurden die Wege der Familien getrennt - bis jetzt.
Ohnehin sieht Chris zwar sorglos aus und scheint auf geradem Weg die Erfolgsfährte seines Vaters fortzusetzen, auch ist er vollkommen überzeugt von dessen Unschuld, und doch hemmt ihn mehr, als nur die Uneinsichtigkeit seiner Mutter.
Anny gegenüber öffnet er sich schließlich: Im Krieg verantwortlich für eine ganze Kompanie verlor er jeden Mann. So trägt er, mit 30 bereits, eine Last, die niemals aufgearbeitet wurde und im Heute des Machers und Kriegsgewinnlers Joe ebensowenig einen Platz finden kann, wie allgemein vom Krieg keiner mehr reden will. Dabei meinte Chris doch etwas gelernt zu haben aus dieser Erfahrung. Über den Wert des Lebens. Über das Sein an sich. Über Verantwortung. Doch dann, wieder zu Hause, ging es nur ums Funktionieren in der Fabrik.
Ob Ann und er gemeinsam weiterkommen und ihre Vergangenheit zurücklassen können?
Die Mutter sträubt sich mit aller Kraft. Und als sich Annies Bruder ankündigt, bekommt auch Joe Keller Zweifel über die Absichten der Deever-Geschwister.
In der Tat kommt George (Amadeus Gollner), heute Anwalt, um seine Schwester zu holen und Joes Lügen zu enthüllen. Doch „Georgy“ war immer das schwächste Glied der Kette, der Beeinflussbare und den Kellers verfallen. Es fällt Kate und Joe zunächst nicht schwer, seine Wut gegen ihn selbst zu richten, ihn selbst ins Unrecht zu setzen, so dass er dabei ist, seinen Vater erneut zu verleugnen. - Es geht nur um einen winzig kleinen Moment - dann wäre die heile Welt gerettet. -
Besonders Rolf-Jürgen Gebert und Johanna Emil Fülle ließen mich staunen in dieser Inszenierung von Harald Fuhrmann. War ich zur Pause noch voller Zweifel, kommen beide im Verlauf des Abends zu einer Zeichnung ihrer Personen, die ich von ihnen so noch nie sah. Alle gemeinsam erreichen eine Eskalation der Ereignisse, die immer wieder von Sigrun Fischers Mutter vorangetrieben und schließlich zum Ausbruch gebracht wird.
In nur einer kurzen Szene hat auch Gunnar Golkowski die Chance, wirkliches Können zu zeigen, während Johanna-Julia Spitzers Sue aus reinen Spielgründen etwas unvollständig bleiben muss. Amadeus Gollner tritt spät in Erscheinung und hat nur wenig Gelegenheit, die ganze Geschichte seines George im Zusammentreffen mit der Gegenwart zu verdeutlichen. Etwas scheint er die entscheidenden Noten hierbei noch zu suchen, wobei ich das bisher gefundene sehr überzeugend fand.
Etwas schwerer fiel es Oliver Seidel, ganz wie seinem Chris im Stück, sich im immer stärker lastenden Druck der Ereignisse durchzusetzen. Doch mag es auch gut sein, dass genau dies so gewollt war, dass es eben nicht um Lautheit, sondern die stille Verzweiflung ging.
Alle und alles steigert sich zum Schluss hin enorm. Die Dramatik der sich offenbarenden Umstände verlangen allen viel ab, auch den Zuschauern. So wird es besonders, ganz besonders, was anfangs - wohl bewusst - Fragen hinterließ.
Eine sehr geschickte, bildhafte Ausdrucksform nimmt der Wandel im Bühnenbild. Es ist eher Bühnenzauber mit an sich ganz einfachen Mitteln, was Okarina Peter und Timo Dentler da erdacht haben. Eine Materialisierung der veränderten, zerfallenden Perspektiven - und dessen, was bleibt.
Harald Fuhrmann bringt mit „Alle meine Söhne“ das Stück mit einigen der bisher besten schauspielerischen Leistungen (nicht nur dieser Spielzeit) auf unsere Bühne.
Die Fragestellungen, Interpretationen, Anregungen und Antworten gehen weit über das offensichtliche Thema des „American Way of Live“ hinaus. Miller schrieb ein psychologisch hart angesetztes Enthüllungsdrama zu Moral, Politik und Menschlichkeit. „Ihr könnt bessere Menschen werden.“, lässt er am Ende sagen. Oder ist es eine Frage?


Foto: Marlies Kross
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