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Gehört + Gesehen: Orchesterüberraschungen im April ... und Oktober

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_42365663.jpgSiebzig Musiker zogen Ende April durch die Stadt und überraschten die Cottbuser mit Filmmusik zum Einkaufsbummel. Dass hatten sich das Philharmonische Orchester und dessen Leiter Evan Christ wirklich gut ausgedacht. Trotz der doch auffälligen Instrumente waren Kunden und Passanten flashmobartig erstaunt, als E.T. über sie hinwegbrauste, oder Harry Potter auf seinem Besen. Mitten zwischen Bücherregalen oder Waschmaschinen fanden Musiker und teils große Instrumente (immerhin waren Kontrabässe und die riesige Harfe mit unterwegs) schnell Platz, hob der Dirigent den Taktstock und mitreißende John-Williams-Filmmusik erklang.
Das Ganze war nun keinesfalls einfach nur ein Spaß. Vielmehr machte das Orchester mit dieser Aktion auf Ereignisse aufmerksam, die zum Einen 100 Jahre zurück liegen und zum Anderen wenige Monate voraus.
Denn 1912 formierte sich am damaligen Stadttheater ein eigenes Orchester und hatte am 6. Oktober die erste Opernpremiere. Wer vor wenigen Jahren aufgepasst hat oder die Geschichte des Theaters kennt, horcht nun sicher auf: Wie 1912? Das Theater wurde doch 1908 gegründet, und vor vier Jahren gab es die tollen Festlichkeiten zum Hundertsten.
Ja, das stimmt. Und auch Opern wurden von Beginn an gespielt. Sogar eine nach der anderen, jeweils einen ganzen Monat am Stück. Nur ohne eigenes Orchester. Statt dessen schmetterte die Regimentskapelle des Infanterieregiments Nr. 52 bzw. des in Cottbus ansässigen Ersatz-Bataillons klassische Klänge. Ob das alles eher recht zackig daherkam, ist nicht überliefert. Auch nach Gründung des Philharmonischen Orchesters blieb die Zusammenarbeit mit den Militärmusikern über lange Jahre erhalten. Denn für viele Produktionen war das Ensemble einfach noch zu klein oder durch Kriegsfolgen reduziert.
Ab 1946 wuchs der Klangkörper dann deutlich an. Und viele Cottbuser erinnern sich gern an Frank Morgenstern, der von 1963 bis 1994 (!) als Musikalischer Oberleiter und Chefdirigent ein überregional anerkanntes Orchester mit 82 Mitwirkenden formte.
Sein Nachfolger wurde Generalmusikdirektor Reinhard Petersen, der bis zu seinem Ruhestand 2008 den maßgeblichen Übergang vom Stadt- zum Staatsorchester gestaltete.
Der neue Mann an der Spitze ist seither GMD Evan Christ. Der qualitätsbewusste, präzise - vor allem aber voller Freude und Dynamik musizierende Amerikaner bewirkte wahre Sprünge in der Klangkultur und musikalischen Programmatik, die sich weit über Cottbus hinaus herumgesprochen haben.
Nun also wird unser Philharmonisches Orchester 100.
Feiern müssen die Musiker das wohl schon in der Sommerpause. Denn danach kracht es im Arbeitspensum der Festwoche und der neuen Spielzeit gewaltig. Feiern werden dann die Cottbuser und die vermutlich zahlreichen Gäste. Wer danach noch Fragen zur Bedeutung des Philharmonischen Orchesters oder des Staatstheaters hat, dem ist wohl nicht zu helfen. Schon jetzt Toi, Toi, Toi und jede Menge Kondition für ein Festprogramm, das man auch nur einmal in einhundert Jahren realisieren kann.
Am Anfang steht noch ein „normales“ Festkonzert am 1. Oktober. Allerdings auch dieses bereits mit einem natürlich sorgsam gewählten, großartigen und anspruchsvollem Programm. Strawinski im Doppel (Greeting Prelude, Sacre du Printemps) umrahmt eine Uraufführung des weltweit gerühmten Österreichers Bernhard Lang, die „Monadologie XIX“.
Festredner und Moderator des Abends ist Jörg Thadeusz.
Nur zwei Tage darauf gibt es einer Opernpremiere, Antonin Dvoráks „Rusalka“. Und zwei weitere Tage später die Premiere des Balletts „Romeo und Julia“ von Ralf Rossa und Sergej Prokofjew.
Innerhalb von nur fünf Tagen zeigt das Philharmonische Orchester somit in Konzert, Oper und Ballett Vielfalt und Können ... bevor an den beiden Tag darauf eine Steigerung folgt, die man kaum glauben mag: Ludwig von Beethoven - ALLE NEUN (9) SINFONIEN!
Alle. Nacheinander. Am 6. und 7. Oktober.
Doch auch damit geben sich GMD Evan Christ und seine 74 Philharmonisten noch nicht zufrieden. Sie garnieren das mit der Uraufführung eines weiteren Auftragswerkes, „Perturbazione nel settore trombe“ von Salvatore Sciarrino.
Dann, ab November beginnt das reguläre, umfassende Konzertprogramm der Spielzeit 2012/13 mit weiteren sechs Philharmonischen Konzerten, Familien-, Sonder- und Kammerkonzerten (diese nun auch im dkw), einer weiteren Ausgabe der Filmmusiken, gemeinsamen Arbeiten mit Chören und Gastspielen. Als erneute Großveranstaltung hierin, am 4. Mai 2013, das 7. Philharmonische Konzert mit zirka 400 (!) Mitwirkenden in der Lausitz Arena.

Übrigens gibt es wichtige Einspielungen unseres Ensembles auch auf CD.
Bereits verfügbar sind die Filmmusiken von John Williams. Und im Herbst erscheint die Jubiläumsbox-CD mit allen Uraufführungen 2009-2012, mit dem Festkonzert zum 90-jährigen Bestehen des Orchesters unter Leitung von GMD Petersen und mit dem Abschlusskonzert der Brandenburgischen Sommerkonzerte 2010 unter GMD Evan Christ.

Viel bliebe noch zu berichten zur 100. Orchester-Festspielzeit. Von der Achse Paris-Monte Carlo-Cottbus, von großartigen Gästen, von politisch kritischen Aufführungen und vielem mehr. Doch dann nähme ich zuviel vorweg. Kommen Sie und hören, sehen und erleben das besser selbst.


Foto: Jens Pittasch
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