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Gesehen: 6. Philharmonisches Konzert

Staatstheater Cottbus, 1. April 2012

von Jens Pittasch, Kultur

Am Beginn einer Oper steht meist eine Ouvertüre. Am Beginn eines Philharmonischen Konzertes meist nicht. Diesmal schon, und das ist kein Aprilscherz.
Nach Späßen war auch Dmitri Schostakowitsch noch nicht wieder zumute, als er das Werk 1954 schuf (Festliche Ouvertüre op. 96). Zwar war Stalin im Vorjahr gestorben, doch weiterhin bewegte man sich (nicht nur, jedoch besonders als Künstler) auf dem schmalen, schizophrenen Grat zwischen Arbeitslager und Orden. Vielleicht in Erwartung eines Aufbruches und positiver Veränderungen entstand somit dieses Vorspiel, noch ohne Stück. Was wir hören ist jedenfalls sehr freudig, schwungvoll und voller Vorfreude. Für uns, Anfang April, wie ein Wirbelwind des Frühlings, meisterlich in den Saal geweht vom Philharmonischen Orchester des Staatstheaters Cottbus unter Leitung von Marc Niemann. Die Musik ergäbe auch gut die Begleitung einer Olympia-Eröffnung. Was für ein Auftakt dieses Konzertabends, das Publikum ist zu Recht von Beginn an begeistert.
Zwei junge Männer treten auf: Erik Schumann und Dimitri Maslennikow sind die Solisten in Johannes Brahms Konzert für Violine, Violoncello und Orchester a-Moll op. 102.
Nur einen kurzen Einsatz bekommt das Orchester, bevor Dimitri Maslennikow mit seinem Cello einsetzt. Eine kleine Ensemblestelle später wird aus dem Solo ein Duett mit Erik Schumanns Violine. Und gemeinsam mit dem Orchester spielen sie einen musikalischen Dreikampf, als ob sie nach den olympischen Fanfaren von Schostakowitsch gleich alle Wettbewerbe gewinnen wollten.
Geheimnissvoll verbunden scheinen Schumann und Maslennikow, stehen zwar auch ganz sichtbar in Kontakt, ihr Spiel jedoch beruht wohl auf einer ständigen Weiterentwicklung ihrer musikalischen, gemeinsamen Gedanken. Marc Niemann versteht diese ganz wunderbar und überträgt die Stimmungen in allen Nuancen auf seine Musiker.
Ohnehin - nein, dieses Konzert ist keine Sportart, kein Dreikampf. Sondern ein vollkommen bezaubernder Dreiklang. Eine Sinfonie als Lobgesang auf Schöpferkraft und Kreativität. Eine Energiedusche aus Schönheit, voll Lust auf Leben, auf aktives und bewusstes Leben - mit Schumann und Maslennikow als mit besonderem Talent gesegneten Motivatoren.
Das beweisen die Solisten auch in ihrer Zugabe - Händel mal ganz anders!
Nach der Pause gelangen wir an die Stelle der Uraufführung eines Auftragswerkes. Nach den „gerüttelten Bruchstücken chinesischer und zentralasiatischer Melodien“ beim 5. Philharmonischen Konzert ging es erneut in den Fernen Osten. „A Chant From The East“ heißt die zur Aufführung in Cottbus von Hiroyuki Itoh geschaffene Komposition.
Deren Töne erinnern mich an Matthus' "Cosima" - Itoh deutet etwas an, weckt Erwartungen und bietet eine spannungsvolle Einführung - dann ist es leider auch schon vorbei und lässt uns mit der Frage zurück, wie es wohl weitergeht in diesem Traum. Gestört wurde der von Besuchern, die meinen, ihre Eindrücke zu ungewöhnlicher Musik sogleich laut mit ihren Nachbar austauschen zu müssen. Sehr schade, sehr unhöflich.
Mit Schostakowitsch begann der Abend. Seine Sinfonie Nr. 6 h-Moll op. 54 bildet den Abschluss. Entstanden war das Werk lange vor der einführenden Ouvertüre, 1939. Und es war eine der Arbeiten, die den Komponisten nah an die vorhin genannte Alternative Straflager brachten. Um überhaupt tätig sein zu können, hatte Schostakowitsch immer wieder Legenden in die Welt gesetzt, an welchen - natürlich systemkonformen - Themen er gerade arbeite. Wenn dann aber die Öffentlichkeit eine vokal-instrumentale Lenin-Würdigung erwartet und statt dessen die dramatisch, wehmütig, sehnsuchtsvollen Klänge der 6. Sinfonie hört, ist Ablehnung programmiert. Das Ganze versäumte Schostakowitsch auch nicht in ungewöhnlich, dreisätziger Form zu schreiben, um dem Aufschrei noch einen Grund zu liefern.
Musikalisch zieht uns der Komponist mitten hinein in seine Zerissenheit. Kaum ist eine schwierige Blechbläseraufgabe verklungen, spielen Flöte und Harfe eine kurze, besondere Rolle in Zart- und Feinheit, bevor sich alles wieder aufbäumt. Doch ebenfalls nur für einen Moment und verzweifelt, um gleich darauf zu resignieren.
Neue Hoffnung bringt erneut die Flöte. Das Thema greift kurz um sich. Hellen und lauten Rufen folgt die nächste Beruhigung, nicht mehr ängstlich nun, sondern mit einem neuen Plan, auf den man sich als Zuhörer einlassen sollte. Denn tut man das, gerät man in den Bann einer großen Zauberei.
Entsprechend verwandelt ist der zweite Satz. Er wirbelt durch den Raum und die Gedanken, reißt stürmisch mit, überrascht verschmitzt und schöpft aus dem Vollen - wie aus dem raffinierten Detail.
Schon tanzen wir mit dem dritten Satz in einen kraftvoll, unwiderstehlichen Sog, kaum hält es einen auf dem Sitz, was auch für einige Musiker gilt, die mit ihren Instrumenten geradezu temperamentvolle Tänze im Sitzen vollführen.
Wie wechselvoll der April für uns auch werden mag, ein schöner Frühsommer wird folgen.
Für Schostakowitsch kam die schwerste Zeit erst noch und wurde nie wirklich besser. Seine späten Werke blicken schmerzvoll in Abgründe und die öffentlichen Höhepunkte seines Lebens waren eher groteske Inszenierungen, als verstandene Würdigung.
Wir tun gut daran, häufiger zu bedenken, was wir heute haben.
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