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Prinz Pi auf „Rebell ohne Grund“-Tour

Interview

von Sarah Döring, Kultur

pictures/artikel/IMG_42372661.jpgEs ist ein krasser Tag, dieser 30. März 2012, denn er steht ganz unter dem Vorzeichen des Interviews, das ich an diesem Abend führen soll. Als ich das erste Mal mit seiner Musik in Berührung komme, heißt er noch Prinz Porno. Man stelle sich vor: die 2000er haben gerade begonnen. Fünf Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren sitzen in einem roten Skoda Favorit. Die Lautstärke des Kassettenradios ist voll aufgedreht. Es läuft deutscher Hip Hop aus Berlin. Es läuft Prinz Porno, besser: sein Tape „Radiumreaktion“ (2001) in Dauerschleife. Vor allem die Songs „H Eiskalt“, „Hightech Rapclick“ und „20.000 Meilen“ haben es angetan. Wie gut, dass sie auf der Kassette genau gegenüberliegen, man das Tape also immer wieder nach dem einen Song umdrehen, und gleich wieder den nächsten Lieblingssong anhören kann. Manuelles Repeating sozusagen. „Gehirnrap für Zombies“, titelt das Kassettencover...
In wie weit die damals selbst verpasste Gehirnwäsche gegriffen hat? Keine Ahnung. Aber elf Jahre und zehn Alben später bekomme ich Gelegenheit mit Prinz Porno, der sich mittlerweile Prinz Pi nennt, zu sprechen. Gerade frisch aus den Staaten zurückgekehrt (und das heißt tatsächlich: wenige Stunden zuvor), ist er bereit mir vor seinem Cottbuser Konzert einige Fragen zu beantworten. Da zu seiner Musik und Biografie eigentlich alle Infos im Internet abrufbar sind und seine Webseite auch ausführlich erklärt, warum er seinen Namen geändert hat und wie er die Welt sieht, bleibt für alle typischen Fragen irgendwie nicht mehr so viel Raum. Wir bewegen uns also in diesem Interview letztlich irgendwo zwischen Hintergrundinfos mit Songtextbezug, allgemeiner Weltanschauung, sozialkritischer Performance und Zukunftvision.

Als dein Album „Radiumreaktion“ herauskam warst du gerade Anfang 20. Nun, elf Jahre später, bist du mit dem Album „Rebell ohne Grund“ auf Tour. Wie würdest du deine musikalische Veränderung beschreiben?
Prinz Pi: Am Anfang war ich gerade mit der Schule fertig, die Situation war ganz anders. Der Sound war schrottig. Und das hat sich auf jeden Fall verändert, der Anspruch an den Sound. Es soll immer besser klingen, sich entwickeln. Die Fans wollen manchmal, dass es immer gleich klingt. Nimm Manowar, die klingen eigentlich immer gleich. Die Alben sind austauschbar. Im Gegensatz dazu Outkast: Die haben es geschafft ihr Outkast-Ding zu behalten und sich trotzdem weiter zu entwickeln. Und das will ich auch. Früher war das ja alles Hobby. Heute mach ich das professioneller und so ist auch der Anspruch gestiegen. [kurze Pause] Früher ging es in der Musik noch mehr um die Selbstdarstellung, das hat sich geändert. Aber manche Themen bleiben auch gleich...Probleme mit Frauen oder Beziehungen hat man ja eigentlich immer. [grinst]

Ja, mir ist aufgefallen, dass Frauen und vor allem ihr Geruch ziemlich oft eine Rolle in deinen Texten spielt.
Prinz Pi: Ja, Geruch ist wichtig. Nimm zum Beispiel die verschiedenen Länder, viele haben ihren eigenen Geruch. Und wenn man den wieder riecht, dann kommt eine Erinnerung dazu. Der Geruchssinn ist eigentlich mein wichtigster Sinn glaub ich. Ich bin ein olfaktorischer Typ.

Apropos verschiedene Länder. Deine Konzerte finden ja vor allem in Deutschland statt. Wie sieht es mit Auslandsauftritten aus?
Prinz Pi: Wir spielen vor allem in Deutschland, aber auch in der Schweiz und Österreich. Es ist halt so, deutsche Musik funktioniert nur in Deutschland. Die ganze Welt spricht Englisch, also ist man mit englischer Musik eher international erfolgreich. Belgische Musik funktioniert zum Beispiel auch nur in Belgien und chinesische ja eigentlich auch nur in China.

Warst du früher schon mal in Cottbus? Wie findest du es hier?
Prinz Pi: Ja, ich war schon in Cottbus. Generell spielen wir aber mehr im Westen und Süden von Deutschland. Da sind auch mehr Fans als im Osten. Vielleicht ist die Musikrichtung hier nicht so beliebt, oder es gibt weniger junge Leute. In München und Stuttgart sind die Konzerte zum Teil größer, als in Berlin, obwohl da viel weniger Leute wohnen. Es ist vielleicht auch ein Problem, dass die jungen Leute hier eher weg gehen, weil sie keine Perspektiven sehen, um hier zu bleiben.

Deine Texte sind ja durchaus auch sozialkritisch. Was gefällt dir denn an Deutschland?
Prinz Pi: Man kann sich auf vieles verlassen. Zum Beispiel sind Baustellen weg, wenn sie fertig sein sollen. Die Züge fahren pünktlich oder zumindest weiß man, wenn sie nicht pünktlich sind. Es gibt eine relativ starke Mittelschicht und die Parteien sind alle relativ gemäßigt, soweit ich das beurteilen kann. Sieht man sich Amerika dagegen an, da gibt es ja eigentlich nur zwei erfolgreiche Parteien und die gibt es auch schon ziemlich lang und so viel ändert sich da auch nicht. Wir haben dagegen ein ziemlich breites Spektrum in dem auch neue Parteien relativ erfolgreich sind, wie z.B. die Piraten. Das finde ich gut. Allerdings fallen mir schon jetzt viel mehr Dinge ein, die mir hier nicht gefallen.

Und was nervt dich?
Prinz Pi: Was mich schon ein bisschen nervt ist, dass Ehrgeiz nicht gefördert wird. Du machst zum Beispiel einen Job, der nicht wirklich gut bezahlt wird, und man genauso viel raus hätte, wenn man Arbeitslosengeld beziehen würde. Das ist kein Anreiz, um sich anzustrengen. Außerdem haben wir das komplizierteste und ungerechteste Steuersystem. Die die ganz unten stehen, die kommen noch ganz gut weg, wenn man das so sagen kann. Die Mittelschicht muss abgeben und die, die ganz oben sind, die können ihr Geld viel zu leicht verstecken. Überhaupt hat man in Deutschland wenig Möglichkeiten mit Ehrgeiz und Bildung Klassen zu überspringen. In Amerika geht das leichter und findet prozentual auch mehr statt. Das Bildungssystem in Deutschland hat einfach Probleme. In den Schulen sollen alle die gleichen Chancen haben, wobei man vergisst, dass nicht alle die gleichen Fähigkeiten haben. Anstatt in einer Schule zu versuchen, es allen Recht zu machen, sollte wieder mehr in Schulen mit unterschiedlichen Ausrichtungen und Förderungen investiert werden, wo dann gute Ergebnisse zählen, egal, ob Hauptschulabschluss oder Abitur.
Was mich noch nervt ist die Zukunftsangst der Leute hier: Ich bekomme keinen Job, die Wirtschaft geht den Bach runter... und das ganze blabla. Die Leute hier sind einfach pessimistisch. In den USA verschuldet man sich dagegen bereitwillig und blickt trotzdem positiv in die Zukunft.

Man merkt, dass du gerade aus den USA zurück bist...
Prinz Pi: Ja, aber das ich immer mit Amerika vergleiche, liegt vor allem daran, dass das nun mal die Nation ist, mit der sich ja irgendwie alle vergleichen und auch vergleichen müssen, weil es eben ein starkes Land ist.

Wieder zurück nach Deutschland und zur Musik. Wie hat sich der deutsche Hip Hop deiner Meinung nach verändert in den letzten zehn Jahren? Wie siehst du die Szene heute?
Prinz Pi: Es gibt mehr Vielfalt und unheimlich viele Facetten, das ist toll. Im Hip Hop mischen sich die Stile. Es gibt Einflüsse aus allen Bereichen. Pop, Indie, Reggae, Ragga...

Wie ist das bei deinen Beats? Bastelst du die selbst?
Prinz Pi: Ich hab halt meine Vorstellungen und kann die auch ausführen. Ich kann schon Klavierspielen und alles. Früher habe ich noch mehr selbst gemacht. Mittlerweile finde ich es besser die Sachen zusammen entstehen zu lassen, anderen Einflüssen Raum zu geben. Und andere können es manchmal einfach besser.

Ich hab gesehen, dass du nebenbei auch andere Projekte, wie z. B die Neopunk-Ausstellung, gemacht hast. Was planst du als Nächstes?
Prinz Pi: Ich arbeite an einem neuen Album. Momentan steht die Musik im Vordergrund, weshalb andere Projekt erst mal nicht geplant sind.

Ich bedanke mich für das Gespräch und wir verabschieden uns. Das Konzert verzögert sich etwas, man wartet noch auf mehr Publikum. Die größtenteils jungen Fans lassen sich vom Support „Herr von Grau“ willig anheizen. Die Stimmung ist gut, die Hip Hop typische Arm-Wipp-Geste sitzt. Prinz Pi tritt auf und obwohl er vom Jetlag noch ziemlich mitgenommen ist, steht er routiniert und professionell auf der Bühne, quatscht und spielt mit dem Publikum. Jetzt alle nach links, alle nach rechts und die Arme hoch und springen... Das volle Programm. Ein bisschen wirkt er wie ein Dirigent. Hinter ihm steht ein Orgelähnlicher Aufbau. Ein durchdachter, durchaus theatralischer Auftritt. Man merkt, dass er Kommunikationsdesign studiert und Ahnung hat, von dem, was er wie und warum tut. Und, es funktioniert. Auch ich bin irgendwann mittendrin, lasse mich mitreißen, fange an zu schwitzen. Ich bemerke wie viel Hip Hop in den letzten zehn Jahren an mir vorbei gegangen ist. Seine Songs haben sich verändert, wo früher noch oft von „ich fi*** deine Crew“ die Rede ist, schlägt er jetzt eher nachdenkliche Töne an, verarbeitet mehr. Seine Texte sind durchdacht, mal sozialkritisch, immer lebensnah. Ich lerne: Hip Hop lebt, auch wenn die Szene nicht mehr meine ist.


Foto: Frank Douwes von Flickr/ Creative Commons License
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