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Gesehen: ANATEVKA

Premiere, 17.3.2012, Staatstheater, Großes Haus

von Christiane Freitag, Kultur

pictures/artikel/IMG_42374682.jpgGrau ist das neue Bunt. Zumindest in Theaterinszenierungen. Als sich der Vorhang hebt und zeigt sich erneut ein Bühnenbild in verschiedensten Grautönen (Bühne: Cordelia Matthes). Der Raum wird sogleich ausgefüllt von Tevje (KS Jürgen Trekel) gefolgt von einer wahren Masse an Menschen – allesamt in grau (Kostüme: Nicole Lorenz). Nun ja, Anatevka spielt im vom Zaren regierten Russland Anfang des 20. Jahrhunderts, da scheint das Grau zumindest ein wenig gerechtfertigt. Doch nichts bleibt Grau, obwohl sich keine Farbe ändert.
Der Milchmann Tevje ist die Hauptfigur des Musicals. Er lebt im Schtetl, dem jüdischen Viertel des Ortes Anatevka und ist Vater von fünf Töchtern, davon drei im heiratsfähigen Alter. Ihm als Vater und Familienoberhaupt obliegt die Verantwortung seine Töchter in vertrauensvolle und am besten reiche Hände zu verehelichen – mit Hilfe von Heiratsvermittlerin Jente (Carola Fischer). So will es die Tradition, wie der Chor der Dorfbewohner (Damen und Herren des Opernchores, Damen und Herren des Extrachores) im ersten Bild eindrucksvoll besingt. Ein Mann für die älteste Tochter Zeitel (Debra Stanley) scheint bereits gewählt – es ist er deutlich ältere ortsansässige Fleischer Lazar Wolf (Michael Becker). Tradition ist nun zwar Tradition, aber die Liebe ist auch die Liebe, und so hat Zeitel bereits selbst ihren Traummann gefunden. Es ist der ärmliche aber liebenswürde Schneider Mottel (Hardy Brachmann). Nachdem Mottel bei Tevje um Zeitels Hand anhält und die beiden ihn beknien, sagt er schließlich der Hochzeit zu, er hat ja noch zwei andere Töchter, deren Heirat er bestimmen kann. Doch auch diese beiden machen ihm einen Strich durch die Rechnung und suchen sich ihren Prinzen selbst: Hodel (Marlene Lichtenber) ihren Perchik (Roland Schroll) und Chava (Laura Maria Hänsel) sich ihren russisch-christlichen Fedja (Kai Börner), woraufhin Chava vom Vater verstoßen wird. Dieser Bruch mit den Traditionen ist das Omen für weitere bevorstehende Umbrüche im Schtetl. Denn im damaligen Russland verstärken sich antijüdische Bewegungen. Alle jüdischen Dorfbewohner werden aus ihren Häusern vertrieben, sind gezwungen ihr bisheriges Leben aufzugeben und irgendwo anders neu zu beginnen.
Das Mehrspartenprojekt „Anatevka“ inszenierte und choreografierte der Italiener Giorgio Madia (Regie- und Choreografische Assistenz: Annalisa Canton). Diese Arbeit ist nach „Chopin imaginäre“ und „Harlekin“ die dritte Produktion, die unter seiner Leitung und seinen Ideen steht. Und die Handschrift eines ursprünglichen Tänzers ist kaum zu übersehen. Denn sie verleiht Anatevka den nötigen Schwung, den es beim unterschwelligen Anspielen auf die ewigen Anfeindungen gegenüber Juden braucht, um nicht bedrückend zu wirken. Dass die Darsteller oder das Orchester diesem Schwung an manchen Stellen fast nicht folgen können, fällt nicht weiter ins Gewicht. Bis in die Fuß- und Fingerspitzen ist jedes kleinste Detail durchchoreografiert, was vor allem bei den großen Volksszenen für Eindruck sorgt: ob kleingruppige Tanzeinlagen oder großgruppige Reihentänze. Giorgio Madias Ideen sorgen für Aktion und Trubel auf der Bühne, so dass das Grau ganz einfach bunt getanzt wird. Jetzt ergibt auch die graue Farbe einen Sinn und überhaupt wirkt die Bühne ganz wunderbar mit ihrem windschiefen Dörfchen, den Räumen der Katen und gibt Platz für große Feste und kleine Begegnungen. Mit nur drei Häuschen auf einer drehbaren Scheibe überzeugt sie in ihrer Einfachheit, ebenso wie in ihrer Wandelbarkeit. Mal ist sie Lokal, mal Wohnzimmer oder Küche von Tevjes Familie und wieder ein anderes Mal ist sie Spielort des abgedrehten Traumes, mit dem Tevje seiner Frau Golde (Heidrun Bartholomäus) versucht zu erklären, das Zeitel Mottel anstatt Lazar Wolf heiraten wird. Inspirierte wurde Giorgio Madia für das Bühnenbild übrigens bei einer Zugfahrt durchs winterliche Polen.
Getragen wird „Anatevka“ durch den Protagonisten Tevje, der gleichzeitig auch als Erzähler fungiert. KS Jürgen Trekel überzeugt dabei souverän und in jeder Hinsicht. Ob es nun seine witzig-eloquenten Wortgefechte mit seiner Frau sind oder er sie und sich nach 25 Jahren sehr gefühlvoll und nachdenklich fragt, ob es denn Liebe ist, das beide verbindet.
In seinen Zwiegesprächen mit Gott und immer mit einem kleinen Augenzwinkern klagt er über sein Leid und betet um Schutz für seine Familie. Trotz Knieverletzung ersingt und erspielt sich Jürgen Trekel als Tevje alle Sympathien der Zuschauer und verleiht „Anatevka“ eine ganz eigene und besonderer Note.
Eine Herausforderung besonderer Art ist die Musik für das Philharmonische Orchester unter Leitung von Marc Niemann. Von zärtlich bis zum großen Fest reichen die Stimmungen, großartig erklingen die Melodien zwischen Klezmer, Musical und Klassik. In vielen höchst turbulenten Szenen gilt es Chöre, Soli und Instrumentalisten beisammen zu halten, um gleich danach nur den Fiedler auf dem Dach anzuspielen. All das gelingt mitreißend auf höchstem Niveau.
Die Inszenierung weist 25 Solorollen auf. Eine große, gelungene Leistung ist das erreichte Zusammenspiel von Schauspielern und Sängern, die sonst selten gemeinsam auf der Bühne stehen. Das Handwerk der einen ist das Sprechen, das der anderen der Gesang. Doch in ihren Rollen sind sie Geschwister, Freunde und Verwandte, gemeinsame Texte und Lieder greifen direkt ineinander. Alle Darsteller, Sänger und vor allem auch die Tänzer verdienen weitere und durchweg lobende Erwähnungen. Allein dies würde den Rahmen sprengen, der hier zur Verfügungen steht. So muss eine, mit größtem Dank verbundene, Nennung versuchen, der Leistung aller gerecht zu werden. Kleine, große immer persönlich und wunderbar gezeichnete Charaktere sangen und spielten: Heidrun Bartholomäus (Golde), Debra Stanley (Zeitel), Marlene Lichtenberg (Hodel), Laura Maria Hänsel (Chava), Lisa Grunwald (Sprintze), Celina Paulick (Bielke), Carola Fischer (Jente), Hardy Brachmann (Mottel), Gesine Forberger (Schandel und Fruma Sara), Roland Schroll (Perchik), Michael Becker (Lazar Wolf), Thorsten Coers (Motschach), Thomas Pöschel (Rabbi), Ingo Witzke (Mendel), Dirk Kleinke (Awram), Matthias Bleidorn (Nachum), Christina Teubel (Oma Zeitel), Andreas Jäpel (Jussel), Berndt Stichler (Wachtmeister), Kai Börner (Fedja), Martin Eitner (Sascha), Jens Klaus Wilde (Ein Russe), Florian Mayer (Fiedler). Es tanzte das Ballett des Staatstheaters, verstärkt vom Extraballett.
Mit Anatevka hat das Brandenburgische Staatstheater ein Stück im Repertoire dieser Spielzeit, das in ganzer Linie Spaß macht und Freude bereitet Anatevka ist durch und durch gelungen und überzeugt mit der Idee an sich, die alle gemeinsam tragen.


Foto: Marlies Kross
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