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Meine Ästhetik ist eine des Machens

Ein Gespräch mit dem Cottbuser Bildhauer Hans-Georg Wagner

von Bernd Müller, Kultur

Herr Wagner, bis zum 19. November ist ihre Ausstellung „Zwischen/Schritte“ im Dieselkraftwerk Cottbus zu sehen. Es wurde angekündigt, Sie zeigen Holz-, Bronze- und Papierarbeiten. Bronzearbeiten sind nun aber doch nicht zu sehen. Wie kommt das, und was bedeutet „Zwischen/Schritte“?
Zunächst mal: Bronzearbeiten, das ist offensichtlich, sind nicht zu sehen in der Ausstellung. Die Kuratorin, Frau Kremeier, hat letztendlich darauf verzichtet, zugunsten einer Konzentration auf meine Holzarbeiten, die Skulpturen und die Reliefs, und die von letzteren in Zwischenstadien abgenommenen Drucke. So verweist der Titel sicherlich auf diese Shojielemente, diese Holzschnitte, die hier frei im Raum schwebend und Räume schaffend eingesetzt werden. Doch das ist es nicht allein, was diesen Titel für mich als glücklich gewählt erscheinen lässt. Er verweist auch ganz praktisch darauf, dass man sich, um die besondere Dimension dieser Arbeiten, ihren Zauber zu erleben, wirklich zwischen sie begeben muss, der Betrachter wird somit gleichsam Teil der Installation. Darüber hinaus ist auch der Grundgedanke meiner künstlerischen Arbeit ja der des In –Bewegung-Bleibens, des Fortschreitens auf einem Lebensweg der Einsicht und Erkenntnis, oder wie immer man das sehen will. Und so sind auch die glücklichsten Resultate natürlich in Hinblick auf diesen Weg immer „nur“ Zwischenschritte.

Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen menschliche Körper, nicht in naturalistischer, sondern in schematischer Darstellung. Wieso?

Ich denke über Mensch-Sein nach und darüber, was das bedeuten könnte in dieser Zeit. Und meine Visionen sind daher menschlicher Natur. In der Kunst war mir persönlich Anderes immer zu langweilig, zu wenig Herausforderung. Die Spannungsverhältnisse von Figuren und Figurengruppen, die Distanzen und Verwerfungen, die Verhältnisse zu- oder gegeneinander zu studieren und dafür eine intelligente Form auf der Fläche und im Raum zu finden, das ist eine Aufgabe, die nie zu Ende geht, immer spannend bleibt. Das ergibt dann auch eine Form, die man schematisch oder abstrahiert nennen kann, da es mir ja nicht darum geht, ein Abbild konkreter Menschen zu machen, sondern Figuren zu erfinden.

Sie haben einen interessanten Lebenslauf: Nach der Schule haben Sie eine Tischlerlehre gemacht, dann gingen Sie zum Design-Studium, und kurz vor der Wende wurden Sie freiberuflicher Künstler – bis zum heutigen Tag. Ab wann wussten Sie, dass das Ihr Weg ist?
Die Tischlerlehre, die stößt allen Fragenden immer zuerst auf. Für mich war sie ja zunächst, als damals 16jähriger, die Möglichkeit, aus einem mich nicht fordernden Schulsystem auszubrechen und das zu tun, was ich wirklich wollte: Mit dem Material Holz arbeiten. Gleichzeitig habe ich übrigens auch angefangen, regelmäßig bei einem Künstler der Stadt zu zeichnen und zu malen. Rückblickend kann ich sagen, dass mein Instinkt und später auch die Erkenntnis, mich immer auf die Wege geschickt haben, welche die Intelligenz der Hand fordern, ein ganzheitlicherer Ansatz. Meine Ästhetik ist eine des Machens. Handtätigkeit und Denkarbeit haben mehr gemeinsam, als gemeinhin vermutet wird. Früheren Generationen war das offensichtlich geläufiger, denn nicht zufällig sind viele Denkworte im Deutschen von Handtätigkeiten abgeleitet, denken Sie nur an „vorstellen“, oder „begreifen“. Insofern war der Weg, ohne dass ich ihn natürlich kannte, sicher schon sehr früh in mir angelegt.

Wie ging es dann an der Design-Schule weiter?
Die Fachschule für angewandte Kunst, wie sie damals hieß, war ein Glück für mich. Ich habe dort sehr viel gelernt, und die Bedingungen, die Atmosphäre dort war sehr anregend. Schneeberg war weit genug weg von Berlin und im Ausstrahlungsbereich der sehr freigeistigen Chemnitzer Künstlerszene. Wir waren damals rund 60 Studenten und auf uns kam etwa genauso viel Lehrpersonal. Dazu zählten zum Beispiel die Professoren Clauss Dietel und Hans Brockhage. Dietel wurde übrigens vor zwei Jahren den höchsten Designpreis der Bundesrepublik verliehen, und Brockhage war nicht nur in Osten ein Mythos. Beide wollten langlebiges und zukunftsweisendes schaffen, und haben uns in dieser Art geprägt. Das Schönste an der Schule war aber, dass der größte Teil der Ausbildung in der Werkstatt stattfand. Entwurf, Experiment und Übung, das waren , in Anlehnung an das Bauhaus, die Grundsätze der Schule.

Nach der Design-Schule wurden Sie dann freiberuflicher Künstler.
Man könnte auch sagen, ich bin da so reingestolpert: In der DDR war es so, dass die künstlerischen Hochschulen für jeden ihrer Absolventen einen Arbeitsplatz nachweisen mussten. Ich hatte das Problem, dass ich von keinem Betrieb aus delegiert war. Man hat mir dann an der Schule eine Assistentenstelle angeboten, die ich aber ablehnte. Ich hatte genug von Schule, außerdem schon Familie. Also wurde mir eine Arbeitserlaubnis als freier Künstler ausgestellt, die auf zwei Jahre befristet war, diese später noch einmal verlängert und dann kam glücklicherweise die Wende.

Holz ist das Material, mit dem Sie am meisten arbeiten. Wieso?
Ich bin für dieses Material geboren. So, wie andere für ein anderes Material. In meinen Augen ist es formgewordene Lebenserfahrung; es dokumentiert, was passiert ist, Jahr für Jahr. Spaltet man es durch den Kern, kann man das Leben des Baumes bis ins erste Jahr zurückverfolgen. Was ich als Künstler mache ist, es genau anzuschauen und behutsam eigene Erfahrungen hinzufügen. Holz ist kein totes Material, sondern mein Partner bei der Arbeit. Deshalb gehe ich sehr offen, mit keinem vorgefertigten Plan ans Werk.

Wenn Sie an die Arbeit für ein neues Kunstwerk gehen, machen Sie sich vorher also keinen Plan?
Das ist unterschiedlich. Reliefarbeit erfordert natürlich eine Zeichnung, die aber direkt auf der Holzfläche entsteht, und dann bei der Bearbeitung auch wieder verschwindet. Ein Grund übrigens dafür, dass ich 2009 begann, von Zwischenstadien diese Drucke abzureiben, welche den Kern der aktuellen Ausstellung bilden. Wenn ich einen Stamm spalte, dann vertraue ich darauf, dass verborgene Formen ans Licht treten, die mich zu einer Gestaltung herausfordern. Das dauert manchmal Jahre, doch ich warte geduldig auf die Eingebung, die genau zu dem Stück passt. Aufzwingen kann man dem Holz in beiden Fällen nichts, was nicht zu ihm passt. Dann wehrt es sich. Ich muss also sehr offen sein für Überraschungen. Im Grunde ist das aber genau das, was mich sehr nah am Lebendigen sein lässt mit meiner Kunst- Wer weiß schon, was der morgige Tag bringt. Auch da hilft nur Offenheit.

Herr Wagner, Sie sind in Cottbus nicht nur als Künstler bekannt, Sie betreiben auch eine kleine Galerie.
Seit 2008 gibt es in meiner Ateliergalerie die Reihe Bildhauerkunst beim Filmfestival. Dort zeige ich figürliche Bildhauerkunst namhafter Kollegen, die sonst hier in Cottbus nicht zu sehen sind. Für mich auch eine Möglichkeit, mit anderen künstlerischen Positionen sozusagen hautnah in Kontakt zu treten. In diesem Jahr werde ich vom 15. Oktober bis zum 26. November Bilder von Andreas Pampa und Plastiken von Andreas Schluttig ausstellen.

Vielen Dank für das Gespräch.
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