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TheaterBlick: Alice - eine sinnliche Erfahrung

Alice im Wunderland, Ballet am Staatstheater Cottbus

von Michael Apel, Kultur

„Wenn kein Sinn darin ist, dann erspart uns das viel Mühe, weil wir nämlich keinen zu suchen brauchen“, heißt es im Programmheft (Dramaturgie: Bernhard Lenort) des Staatstheaters Cottbus zu seiner neuen Ballettpremiere „Alice im Wunderland“ nach der gleichnamigen Geschichte von Lewis Carroll.

Manch einem mag dies wie ein Trost erscheinen, da auf den ersten Blick die Begegnungen, welche Alice bei ihrem Besuch im Wunderland widerfahren, zufällig und oftmals in der Reihenfolge belanglos erscheinen. Ein weißes Kaninchen, eine rauchende Raupe, Märzhase, diverse männliche Spielkarten, Hutmacher und Haselmaus, sowie ein ängstlicher Igel und bunte Blumen verbreiten schon einen beliebigen Eindruck, bieten aber so eine breite Interpretationsfläche für Tanz und Choreographie. Ballettchef Dirk Neumann hat mit dem Engagement von Torsten Händler, einem Meisterchoreografen des Handlungsballetts, eine gute Wahl getroffen und dem Cottbuser Ballett und seinem Publikum eine weitere große Ballettinszenierung im Großen Haus am Schillerplatz beschert.

Auch Torsten Händler ist zu klug, um der Versuchung zu unterliegen, der Geschichte von Alice einen tieferen Sinn zu geben, was ihn aber nicht davon abhält, für sich einzelne sinnvolle und sinnliche Geschichten und Episoden zu erzählen, welche in ihrer Summe sehr wohl Etappen eines Mädchens auf dem Wege in die Erwachsenenwelt darstellen können. Der Choreograf findet mit den Tänzerinnen und Tänzern dabei poetische und zum Teil lustige Lösungen, die kreativ die düsteren Momente der Handlung konterkarieren und bleibt dabei immer in seiner Formsprache auf einem hohen choreografischen Niveau. Mit dem Cottbuser Ballettensemble und seinen Gästen verfügt er dabei aber auch über exzellente Partner.

Stefan Kulhawec interpretiert so nicht nur vollendet den verträumten und liebenden Herzbube und beweist zum wiederholten Male seine Zuverlässigkeit und Präsenz als Partner im Pas de deux, sondern er brilliert auch gemeinsam mit Alexander Teutscher im Duett von Diddeldei und Diddeldum in einer herrlich komischen Nummer. Thomas Edward Hart bewegt sich nicht nur gekonnt hängend als rauchende Raupe, er überzeugt auch gemeinsam mit Raffaele Scicchitano und Alexander Teutscher als Spielkarte. Hutmacher Niko König, Märzhase Pedro Gomez und Haselmaus Inmaculada Marin López tanzen eindringlich und beängstigend mit Alice und Andrea Simeone verblüfft mit subtiler Bewegungssprache auf hochhackigen Schuhen, während Denis Ruddock als Henker einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Ganz besonders ist jedoch die Interpretation des weißen Kaninchens von Jhonatan Arias Gómez, der neu in das Cottbuser Ensemble gekommen ist. Wie er es meistert, bei der anspruchsvollen Choreographie punktgenau die Momente der szenischen Interpretation zu fixieren und dabei ständig zwischen Neugier und Angst, Frechheit und Vorsicht variiert, macht große Lust auf weitere Produktionen mit ihm. Mandy Krügel, Inspizientin und ehemalige Tänzerin des Theaters tanzt Alice als alte Frau und interpretiert die Rolle mit großer Ausstrahlung und fügt sich dabei eindrucksvoll in die Gruppenszenen ein. Die Kinder der Ballettschule Werhun überzeugen durch ihre Präzision im Zusammenspiel mit den „Großen“. Hervorzuheben hier besonders die konsequente Interpretation beider Besetzungen des ängstlichen Igels.

Das Hauptaugenmerk des Abends liegt jedoch auf der Rolle der Alice, die alle Szenen des Abends miterlebt und gestaltet und nicht ein einziges Mal die Bühne verlässt. Das Cottbuser Ballettensemble hat das große Glück gleich zwei Tänzerinnen in seinen Reihen zu wissen, die das technische und interpretatorische Format haben diese anspruchsvolle Aufgabe zu erfüllen.

Venira Welijan tanzte die Premiere mit einer technischen Brillanz und gab ihrer Figur dabei dennoch jene große Neugier und Naivität, die jeden Zuschauer förmlich mitfiebern lässt. Das Pas de deux mit dem Herzkönig wird zum Höhepunkt einer ersten, vorsichtigen Liebe. Gemma Pearce als zweite Besetzung legt die Rolle etwas älter an. Ihre Alice, hat wohl schon einige, auch schlechte Erfahrungen hinter sich, ihre Begegnungen mit den anderen Figuren sind daher etwas skeptischer, was stellenweise zusätzliche Interpretationen freisetzt. Auch von ihr wird die Rolle hervorragend getanzt. Beide Tänzerinnen sind dem schwierigen Part jederzeit technisch und interpretatorisch gewachsen.

Bühnenbild und Kostüme (Leonie Mohr und Hannes Hartmann) beginnen eindrucksvoll. Wenn jedoch drei große, aufgeregt bemalte Wände den Raum einengen, verlieren die Figuren etwas an Wirkung und wird die Beleuchtung unnötig eingeschränkt. Die Musikcollage von Steffan Claußner schafft der Choreografie geeignete Szenen, wirkt aber stellenweise ein wenig zu technisch.

Das Staatstheater Cottbus hat mit der Ballettproduktion „Alice im Wunderland“ einen gelungenen Abend geschaffen, und die Eltern tanz- und theaterbegeisterter Kinder sollten sich auf keinen Fall scheuen, ihre Sprösslinge mit in die Vorstellung zu nehmen.

pictures/artikel/IMG_42380298.jpgFoto: ALICE IM WUNDERLAND, Im Vordergrund: Gemma Pearce (Alice) © Marlies Kross
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