Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

Am Todespunkt

Birgit Lahann: „Am Todespunkt. 18 berühmte Dichter und Maler, die sich das Leben nahmen“

von Claudia Weigler, Buch

„Es gibt ein berühmtes Fest im alten Rom, auf dem sich Petronius Arbiter von seinen Freunden verabschiedet. Der Autor von ‚Satyricon‘ hatte in einem Pamphlet die gereimten Ergüsse von Nero verspottet. Dabei wusste er genau: Beleidige keinen Größeren als du selbst bist! Doch bevor der Kaiser den Befehl zum Suizid gibt – die Methode hat sich bei Diktatoren bis ins Dritte Reich erhalten – kommt Petronius Arbiter ihm zuvor. Inmitten seiner Freunde, die er zum Bankett geladen hat, lässt er sich von einem Arzt in der Badewanne die Pulsadern öffnen, und während sein Leben langsam ausläuft, schreibt er die letzten satirischen Verse auf den Tyrannen.“ (aus dem Vorwort von „Am Todespunkt“.)
Noch bevor Petronius Arbiter sich die persönliche Schmach gibt, dem Befehl zum Selbstmord zu gehorchen, geht er einen Schritt, der wohl letztendlich eine noch größere Schmach für Kaiser Nero bedeutete. Kein „typischer“ Suizid ist der befohlene, aber eine durchaus existierende Form, wenn man unter der Herrschaft eines willkürlich Regierenden lebt.
Das vorgestellte Buch ist nicht neu auf dem Büchermarkt, soll jedoch auf Grund der Güte hier in diesem Rahmen Erwähnung finden. Die Autorin zeichnet darin die Schicksale von achtzehn Dichtern und Malern nach, die den Freitod wählten. Unter ihnen weltbekannte, wie Vincent van Gogh, Ernest Hemingway oder Virginia Woolf, aber auch weniger berühmte wie Inge Müller, Brigitte Schwaiger oder Sergej Jessenin.
Mit seiner poetisch-narrativen Art und Weise, ist es eines dieser Bücher, dass man nur schwer aus der Hand legen kann. Futter für das Bedürfnis nach Ästhetik, sozusagen. Und es ist leider viel zu schnell ausgelesen, da es nur 243 Seiten umfasst.
Im Vorwort erfahren wir, dass nur ungefähr 30 Prozent der Selbstmörder_Innen einen Abschiedsbrief schreiben und dass viele von ihnen ihre privaten vier Wände in einem penibel aufgeräumten Zustand hinterlassen. Wir lesen außerdem von den unterschiedlichen Umgangsweisen von Künstlern mit dem (Frei)Tod. Dass er für die einen ein mit Angst besetztes Thema ist, für andere der einzig natürliche Tod und ein Privileg des Humanen (Jean Améry), bzw. die Vorstellung der Exitstrategie überaus beruhigend (Wolfgang Herrndorf). Der Schriftsteller Jean Améry war es auch, der einst schrieb: Selbstmörder ist man lange bevor man sich umbringt. In den Augen Thomas Manns war der Selbstmord zwei seiner Schwestern und Söhne schlichtweg unsolidarisch gegenüber der Familie. Viele Schriftsteller_Innen verarbeite(te)n Todessehnsüchte in ihren Werken, für Charles Bukowski wiederum war das Wort (also sein Schaffen) der Zaubertrank, der uns davor bewahrt, uns umzubringen.
Die von der Autorin ausgesuchten, hier und da eingestreuten Zitate, erkennbar an der Kursivschrift, passen vortrefflich zwischen die selbst verfassten Zeilen und lassen diese achtzehn Kurzbiographien plastisch und gleichzeitig poetisch erscheinen. „Warum begeht man Selbstmord? fragt Klaus Mann (…). Weil man die nächste halbe Stunde, die nächsten fünf Minuten nicht mehr erleben will, nicht mehr erleben kann. Plötzlich ist man am toten Punkt, am Todespunkt. Die Grenze ist erreicht – kein Schritt weiter! Wo ist der Gashahn? Her mit dem Phanodorm! Schmeckt es bitter? Was tut’s? Das Leben hat nicht eben süß geschmeckt.“
Zum Buch:
Birgit Lahann: „Am Todespunkt. 18 berühmte Dichter und Maler, die sich das Leben nahmen“,
Bonn: Dietz-Verlag, 2014
ISBN: 978-3-8012-0460-0
Preis: 22,00 €

Bei Amazon bestellen

Hinweis: kultur-cottbus.de benutzt Amazon Affiliate Links. Eine Bestellung über einen solchen Link bringt euch keine Nachteile, der Blattwerk e.V. wird aber mit einen geringen Prozentsatz am Umsatz beteiligt.
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter