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Dienstreise in den Gulag

Andrej Reder: Dienstreise. Leben und Leiden meiner Eltern in der Sowjetunion 1935 bis 1955

von Bernardo Cantz, Buch

Das Leben im realexistierenden Sozialismus war nicht nur Zuckerschlecken. Es gab eine Zeit, die eng mit dem sowjetischen Staatsmann Joseph Stalin verbunden war, auf die das in besonderer Weise zutraf. Viele überzeugte Sozialisten und Kommunisten aus aller Herren Länder, hatten unter den Repressalien zu leiden, die mit der „Großen Säuberung“ in den Jahren 1937/38 begannen und die mit Stalins Tod endeten.

Inzwischen gibt es eine reichhaltige Literatur zu dem Thema und viele Berichte von denen, die in sowjetischen Lagern zu jener Zeit einsaßen. Andrej Reders „Dienstreise. Leben und Leiden meiner Eltern in der Sowjetunion 1935 bis 1955“ erzählt, wie der Titel es schon verrät, die Geschichte seiner Eltern. Sein Vater wurde 1938 in der Sowjetunion verhaftet, gestand, für die Gestapo zu spionieren, widerrief sein Geständnis wenig später und verbrachte schließlich 17 Jahre in Zwangsarbeitslagern.

Reder, geboren in Moskau, hatte nichts von dem Martyrium seiner Eltern mitbekommen. Erst nachdem sein Vater verstorben war, entdeckte er zahlreiche Briefe, die sein Vater über die Jahre aufbewahrt hatte. Reder wollte wissen, wieso sein Vater inhaftiert wurde, und begann auch in russischen Archiven zu recherchieren. „Dienstreise“ ist ein sehr persönliches Buch über Menschen mit hohen Idealen, dem Glauben an eine gerechte Welt, an den Kommunismus, die auch nach den bitteren Jahren, diesen Idealen treu geblieben sind. Es ist ein Buch, das nicht einfach verurteilt, sondern nach Erklärungen für das Geschehene sucht.

Seine Eltern waren beide überzeugte Kommunisten. Sie kamen zur Bewegung wie viele andere junge Menschen. In einem Brief heißt es: „Für die meisten stand im Vordergrund, wie die Reichen und Mächtigen immer offensichtlicher und maßloser prassten und ihren Reichtum mehrten, während sie selbst von Kindheit an unter unwürdigen Bedingungen schuften mussten und oft keine Lehrstelle, später keine Arbeit bekamen. […] Wir wollten – oftmals noch unbewusst -, dass es anders, gerechter, besser und schöner zugehen soll.“ Die kommunistische Bewegung zog sie an, weil sich viele Jugendverbände zwar fortschrittlich gebärdeten, aber nur redeten. „Da waren die Kommunisten anders. Die wollten etwas verändern und taten etwas dafür.“

Nachdem die Nazis an die Macht kamen, gingen die Eltern auf Geheiß der Partei in die Sowjetunion ins Exil. Richtig fußfassen konnten sie dort aus verschiedenen Gründen nie. Dann kam die Verhaftung des Vaters. Es waren übereifrige Ermittlungsbeamte, wegen deren er ins Arbeitslager kam. Trotz des Erlebten hielt er am Sozialismus fest und wehrte sich dagegen, dass man in der Aufarbeitung die Zeit des Realsozialismus auf politische Verfolgung reduzierte. Das hätte weder mit seinem Leben noch mit der Geschichte etwas zu tun.
Andrej Reder (2015):
Dienstreise. Leben und Leiden meiner Eltern in der Sowjetunion 1935 bis 1955

Berlin: Verlag Neues Leben, 256 Seiten
Preis: 18,99€
ISBN 978-3-355-01824-1
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