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Lesebühne: Anfangen

von Matthias Heine, Kultur

Anfangen

Luise sitzt vor dem leeren Word-Dokument, wie das Kaninchen vor der Schlange. Sie starrt auf das Ende der ersten Zeile. Erschlagen von ihrer Unendlichkeit. Vierundzwanzig Stunden bleiben ihr. Naja, sechsunddreißig. Eigentlich genug Zeit, um eine anständige Geschichte aufzuschreiben. Im dritten Jahr sitzt sie nun schon auf der Lesebühnencouch zusammen mit drei Jungs. Als einzige Frau! Und auch als einzige, die nicht wie ein Pointen-Katapult funktioniert. Die Jungs beeindruckt das wenig... Die sind gnadenlose Witzmaschinengewehre und schießen dem Publikum die Kalauer über die Rampe, als gäb‘s keine dritte Runde. Das Publikum verspeist sie dankbar, eilig, kaut sie, schluckte sie runter und wartet gierig auf den nächsten Gassenhauer...

Anfangen

Luise hatte sich auf den Hof gesetzt. Den Rechner auf dem Schoß, den Blick in die Baumkrone einer Mordslinde gerichtet. Eine Linde so groß wie zwei Heißluftballons. Jetzt musste ihr bloß noch irgendetwas einfallen. „Bielefeld.“, dachte sie.
Vor drei Jahren hatte ihr Bruder Florin angefangen in der Bielefelder Kunsthalle zu arbeiten. Als Museumspädagoge. Sie liebte ihren Bruder und hatte ihn oft in Bielefeld besucht. Langsam aber schämte sich die gegenwärtige Luise vor der vergangenen Luise. Sie knetete ihren linken Unterschenkel und tippte mit rechts in Kleinbuchstaben:

nach drei jahren engstem kontakt mit der stadt bielefeld und ihren menschen finde ich den witz über dieselbe und dieselben überflüssig und empfehle ehrlichen herzens allen witzereißern auf diesen zu verzichten. es gibt ihn nämlich nicht...

Anfangen

Luise hatte sich gerade auf den Hof gesetzt, als sie einen lauten Knall vernahm. Sie konnte der ersten Kugel noch intuitiv ausweichen. Den zweiten lauten Knall hörte dann bloß noch eine Elster und stürzte sich erschrocken vom Ast einer Linde, die so groß war wie drei Heißluftballons. Sie breitete die Flügel aus und segelte über Luisens toten Körper, saftigen, grünen Rasen und zwei aufgeschlagene Reisepässe, einen Russischen und einen Britischen hinweg…

Anfangen

Die Kaffeemaschine rattert. Um fünf Uhr fährt Luise aus dem Schlaf. Etwas hatte sie erreicht in dieser Dunkelheit. Im Badezimmer putzt sie sich die Zähne. Sie mag keinen Kaffee trinken mit so einem Nachtmaul. Da trinkt man den Stinkemund immer mit. Luise nimmt sich die Tasse, süßt den Kaffee, setzt sich an den Tisch und hält sich die Ohren zu. Das hilft... Manchmal schreibt es sich ganz gut, gleich nach dem Aufstehen. Augen und Ohren zu halten und so in sich hineinhören.

Was kam da in der Nacht zu ihr. Was will so gern auf das Papier? Sie öffnet das linke Auge. Neben ihr liegt das Telefon. Da darf sie jetzt nicht rein schauen.
Das killt alles Kreative. Nur schnell das FB Profil... und jetzt noch Insta...

Anfangen

Nur ein einziges Mal sagte Ismael sagt zu seinem Kapitän:
„Kommst du gerade oder haust du Ahab…?“

Anfangen

Als Luise erwacht, hat sie eine Idee. Schreib doch was über das Anfangen, sagt die innere Luise zu Äußeren. Es müssen ja nicht immer ganze, also vollendete Geschichten sein. Es kann doch auch mal eine Geschichte über das Anfangen geben. Eine ganze Geschichte über die unzähligen Texte, die die immer wieder gelöscht werden, bevor wirklich so etwas, wie ein erster Satz stehen bleibt.

Das Publikum ist doch sicher daran interessiert? Warum nicht bei der einhundertsten Lesebühne einen Text über das Schreiben schreiben. Im Erwachsenentheater machen die das doch auch: Das Zeigen zeigen und zeigen das man das Zeigen zeigt, damit es noch ein bisschen ironischer ist…

„Huch, wer hat denn die vierte Wand weggeräumt...“, hahaha.
„In der Pause dürfen sie sich gern ein Eis im UCI holen...“, hihihi.
„Wer nicht mitdenkt, fliegt raus…“ Achso?
Das Publikum immer ein bisschen von der Seite anmachen. Aber nicht zu dolle, weil am Schluss, will man ja schon noch den Applaus und sich verbeugen.
Das, ja! Das muss! Tradition ist Tradition!

Luise hat sich also entschlossen. Sie wird über das Schreiben schreiben. Über das Anfangen. Warum nicht? Es gibt nur etwas zu gewinnen. Einen Kunstpreis oder eben nicht. Nachher sind so oder so wieder nur 1,50 € pro Nase in der Spendenbox...

Anfangen

Als Luise Mommsen aus unruhigen Träumen erwachte fand sie sich in ihrem Bett zu einem ungeheuren...

Anfangen

Luise hat den Kaffee getrunken und nun schon eine Ewigkeit auf das gähnend leere Worddokument geschaut. Sie beschließt eine Pause einzulegen. Pausen sind gut und richtig gegen heranschleichende Überlastungsdepressionen. Luise geht zurück in ihre Wohnung, legt sich auf der Couch auf den Rücken und schaut an die Decke.

Auf dem Sofa wird Luise plötzlich warm und wärmer, besonders dort wo Venus keinen geraden Strich mehr zu zeichnen vermag... Alle anderen Planeten drängen sich plötzlich laut zeternd vor ihrem Fenster, um wenigsten den allerkleinsten Blick hineinwerfen zu können. Nur der Mond balancierte ganz oben und still auf den Ringen des Saturns und schweigt bis Luise wieder leicht ist...

Anfangen

Robert legte die Taschenlampe beiseite. Endlich hatte er eine Idee. Die Idee war kühn. Im Prinzip undurchführbar und er hatte sie so noch nie gedacht. Zuerst müsste er sich waschen, sicher… aber dann: Einen frischen Bogen Papier herausgezogen, die Hand an den Griffel und los ginge es. Wenn das funktioniert wäre er einem Lebensziel sicher einen großen Schritt näher gekommen. Lusie Mommsen.
Er würde Lusie ein Gedicht schreiben. Das könnte was werden.
Es wäre nicht das erste Herz mit trefflicher Lyrik erobert...

Anfangen

reise reise (für L.)

wieder und wieder fliegen die gleise
an meiner rasenden seele vorbei
es krümmt die zeit sich auf jeglicher reise
und ruft in die ferne aus eins werde zwei
die gleise flüstern mir zu
das lohnende bist du
denn keine sei wie diese
der tiefste kotau luise


Anfangen

Ein richtig guter Anfang wäre: Aufhören!


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