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TheaterBlick:Boys don`t cry

die Spieljahresproduktion des Piccolo Jugendclubs, gesehen am 16.6.2019

von Angelika Koch, Kultur

„Ein Junge weint nicht, ein Junge beißt sich auf die Zunge, auch wenn das Herz reißt“, sang Gerhard Schöne 1985 auf seiner LP „Menschenskinder“. Und um männliche Rollenklischees geht es unter anderem im neuen Stück des Piccolo Jugendclubs.
Was beim Aufklärungsklassiker „Was heißt hier Liebe“ an Jugendproblemen pädagogisch-witzig erläutert wird, sind im Jahresprojekt des Jugendclubs, das nach dem Theaterstück „Marvin is like a frog“ von Daniel Ratthei entstand, aktualisiert genau die Themen, die auch heutige Jugendliche umtreiben. Paul und Paula in „Was heißt hier Liebe?“ vom Theater Rote Grütze kannte 1976 noch nicht das Internet, während der 15jährige Marvin in „Boys don`t cry“ meint, durch Pornos alles über Liebe und was damit so zusammenhängt, zu lernen. Aber eigentlich geht es ihm genauso wie Paul und Paula 40 Jahre vorher. Was Liebe wirklich ist, erfährt er erst, als er das erste Mal in ein Mädchen verknallt ist und die reale Welt mit der virtuellen tauscht.
In der Inszenierung bearbeiten die Jugendlichen unter Leitung von Jugendclubleiter Matthias Heine Themen, die sie umtreiben. Es geht um Rollenbilder, vor allem die männlichen, Sexualität, die eigene Identität, das Erwachsenwerden. Die 16 Darstellenden, fünf der Spielenden sind männlich, agieren als Gruppe, aber auch solistisch, sind alle Marvin und gehen ohne Scheu sehr offen mit teilweise immer noch tabuisierten Themen um. Dass geschlechterspezifische Sexualprobleme gleichermaßen von den weiblichen wie den männlichen Mitspielenden spielerisch bearbeitet werden, ist Teil des Konzepts und kommt bei den jugendlichen Zuschauenden gut an. Das interessante Bühnenbild, das dieses Mal aus vielen von innen heraus leuchtenden Kisten besteht, die zu zwei großen Würfeln zusammengestellt sind und so nochmals zwei kleinere, erhöhte Spielflächen bilden, bietet zusammen mit einer Videoleinwand, die ebenfalls aus einzelnen Feldern besteht, viele Spielmöglichkeiten. Wie wir es aus früheren Jugendclub-Inszenierungen schon kennen, wird sehr gut chorisch oder einzeln gesprochen, es wird, auch mehrstimmig, gesungen und getanzt (Choreografie: Zaida Ballesteros Parejo). Jeder und jede übernimmt Marvins Text. Eine Livekamera kommt zum Einsatz, und die Zuschauenden können dadurch die Gesichter der Agierenden groß auf der Leinwand sehen. Die Nebelmaschine unterstützt visuell die Erfahrungen mit dem ersten Joint auf Marvins Geburtstagsparty. In Marvins Geschichte eingestreut sind Themen wie „Faire Löhne für Männer und Frauen“, „Mobbing“, „sexueller Missbrauch durch Erwachsene“, „der Umgang mit dem Internet“, ehe die Geschichte jeweils mit dem sich wiederholenden Einsprengsel „weiter mit Marvin“ fortgesetzt wird.
80 Minuten gemeinsames Agieren unter höchster Anspannung auf der Bühne, dem die Zuschauer mit größter Aufmerksamkeit folgen und zum Schluss begeisterten Applaus spenden. Dass die Livekamera dieses Mal nicht so wollte wie der sie führende Spieler und Spielleiter Heine kurz helfen musste, störte nicht im geringsten, denn alle blieben in der Spielspannung und keiner ließ sich irritieren. Vielleicht waren die choreografischen Teile dieses Mal noch nicht so synchron und teilweise etwas spannungslos, aber nach den Ferien gibt es weitere Aufführungen im August und September, so dass daran noch trainiert werden kann.

Aufführungen im September: 20., 21. um 19:00, 22.9. um 20:00

Foto: Michael Helbig
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