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TheaterBlick: Brassed off - mit Pauken und Trompeten

Premiere am 10. November 2018 im Staatstheater Cottbus

von Angelika Koch, Kultur

Der Boom der für die Bühne adaptierten Filmdrehbücher ist zwar momentan etwas abgeflaut, aber immer mal wieder setzt doch ein Theater darauf, vom Glanz erfolgreich gelaufener Filme etwas abzubekommen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass es an moderner Dramatik fehlt, die sich aktueller Themen widmet.
Das Staatstheater Cottbus erfüllte dem Gastregisseur Jörg Steinberg den Wunsch, die dramatisierte Fassung des englischen Filmes „Brassed off“ zu inszenieren.
Der Film, der vor 21 Jahren in die Kinos kam, erzählt die Geschichte der Bewohnern des fiktiven Orts Grimley im englischen Yorkshire, die von der schweren Arbeit in der Steinkohlenzeche ihr bescheidenes Leben finanziert haben, Hypotheken ihrer kleinen Häuschen abzahlen müssen, Kinder groß ziehen, ihre staubigen Kehlen nach der Arbeit in der Kneipe spülen und in der werkseigenen Blaskapelle spielen. Aber Grimley wird sterben. Die großen Streiks für den Erhalt der Arbeitsplätze in der Thatcher-Ära liegen 10 Jahre zurück. Die Konzernleitung will die Zechenstilllegung mit einer Abfindung von 20 000 Pfund abfedern. Die Männer haben den Kampf längst aufgegeben und auch keine Lust mehr, sich für den nationalen Endausscheid der Blechblaskapellen weiter in den Proben zu schinden. Nur Orchesterleiter Danny, der schon lange wegen seiner Staublunge Invalide ist, ist anderer Ansicht. Für ihn ist Musik alles und nach seiner Meinung wird man sich später nur an die traditionsreiche alte Kapelle erinnern. Die Ankunft der jungen Gloria, die von der Konzernleitung als Controllerin eingesetzt wird und die mit ihrem Flügelhorn in der Probe der Brass Band auftaucht, gibt der Handlung eine neue Richtung. Letztlich gewinnt die Blaskapelle den Wettbewerb, die Kumpels haben etwas für ihr Selbstwertgefühl und das ihrer Angehörigen getan, auch wenn das Ende von Grimley damit nicht aufgehalten wird.
Die Bühnenfassung ist eng an den Film geknüpft und stellt die Regie mit fast 30 Bildern vor eine nicht ganz leichte Aufgabe. Dank eines praktikablen, das typische Steinkohlenzechen- Kolorit zeichnende Bühnenbild (Fred Pommerehn) und einer sehr dichten, rhythmisch ausgewogenen Regie gelang eine überzeugende Inszenierung mit guten und sehr guten schauspielerischen Leistungen. Die beiden unzertrennlichen Kumpel Jim und Harry werden mit großem Charme und ohne zu dick aufzutragen von Kai Börner und Rolf Gebert gespielt. Das gilt auch für die Damen Sigrun Fischer und Susann Thiede, die die Rollen der Ehefrauen der beiden Kumpel Vera und Rita übernommen haben. Wie überhaupt sehr angenehm in dieser Inszenierung ist, dass, obwohl das Stück als (Sozial-) Komödie bezeichnet wird, hier von den Schauspielern nie überzeichnet wird, sodass der tragisch-menschliche Aspekt des gesellschaftlichen Umbruchs im Zentrum der Rezeption durch die Zuschauer bleibt. Sehr überzeugend zeigt Lena Sophie Vix in der Rolle der Sandra das ganze Unglück einer Ehefrau und Mutter von vier Kindern, die am Rand des sozialen Abgrunds versucht, wenigstens ihre Kinder so gut es geht zu schützen. David Kramer hat sicher mit dem Phil die tragischste Rolle des Figurenensembles und gestaltet sie überaus glaubwürdig. Lisa Schützenberger als Gloria hingegen wirkt, auch wenn sie ihre schauspielerischen Mittel sicher beherrscht und man sie immer gerne auf der Bühne sieht, merkwürdig fehl am Platz. Sie war in anderen Rollen schon überzeugender.
Thomas Harms ist mit der Rolle des Orchesterleiters Danny besetzt. Seine stärksten Momente hat er vor allem am Ende des Stückes, wenn er, nachdem seine Kapelle tatsächlich den ersten Platz im landesweiten Wettbewerb gewinnt, eine eindrucksvolle Rede hält, in der er zugibt, dass entgegen seiner bisherigen Einstellung nicht die Musik, sondern die Menschen das wichtigste sind und in der er den Politikern und Konzernbossen vor Augen führt, wie verlogen und menschenverachtend ihr Verhalten ist. Dass Thomas Harms auch ein Orchester leiten kann, bewies er bei den Dirigaten der verschiedenen Titel, die das Blasorchester Cottbus e.V., wichtigster Akteur der Inszenierung, im Laufe des Abends spielte. Es war sehr angenehm, dass die zehn „echten“ Blaskapellenmitglieder als Schauspiellaien natürlich und unverkrampft mitagierten und gerade dadurch und natürlich durch ihr musikalisches Wirken überzeugen konnten.
Lucie Thiede hatte in mehrfacher Hinsicht eine besondere Rolle zu gestalten und tat das souverän und herzerfrischend. Sie spielte die achtjährige Amy, die in der Inszenierung von Steinberg eine Art Klammerfunktion bekommt. Amy führt in die Handlung ein, kommentiert das Geschehen und vor allem das Verhalten der Erwachsenen zwischendurch, und am Ende fällt ihr die Aufgabe zu, mit einem Text von Hilde Domin den hiesigen Zuschauern, die in einer Region leben, die ebenfalls vor einem riesigen Strukturwandel steht, einen kleinen Hoffnungsstrahl mitzugeben. Dieser Text „Fürchte dich nicht, es blüht hinter uns her“ wird übrigens sehr gerne im Trauerfall und bei schwerer Krankheit zitiert…
Trotz allem entlässt mich der Abend etwas zwiespältig. Es erschließt sich mir nicht, warum die Spielkonzeption des Regieteams nicht mehr erzählen wollte oder konnte als eben diesen Film, warum man krampfhaft darum bemüht war, alles im englischen Umfeld zu belassen und die Spruchbänder der Frauenmahnwache in englischer Sprache belassen wurde, warum nur im Programmheft Bezüge zum Hier und Jetzt gefunden wurden.
„Mut zur Verwegenheit“ (Abdruck eines Essays von Robert Misik im Programmheft) hätte man sich auch auf der Cottbuser Bühne gewünscht, und damit meine ich nicht krampfhaft herbeigeschaffte Regionalismen wie etwa das Steigerlied. Nebenbei gesagt ist es ein frommer Wunsch des Dramaturgen Lukas Pohlmann, den er im Programmheft formuliert, dass das Stück „eine Analogie auf die Kraft des Theaters als gesellschaftliches Bindemittel in einer sogenannten strukturschwachen Region“ sei.

pictures/artikel/IMG_45920599.jpgFoto: © Marlies Kross
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