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Zwei Cottbus-Bücher

Zwei sehr unterschiedliche Cottbus-Bücher erreichten uns zum Jahresende

von Jens Pittasch, Buch

Das eine aus einer Verlagsreihe in der bereits an die vierzig Städte unter der Überschrift „Weißt Du noch?“ verarbeitet wurden. Anders lässt es sich kaum beschreiben, was da mehr oder eher weniger kompetent, dafür aber mit umso mehr Tam-Tam, unter´s geneigt-sentimentale Leservolk gebracht werden soll.
Aufmerksam wurden wir auf den Cottbuser Titel der Reihe nur, da es zur Buchvorstellung eine öffentliche Distanzierung seitens des Vereinsvorsitzenden der Regionalwerkstatt Brandenburg, Eberhard Richter, gab. - Was war passiert?
Das Buch basiert auf Archivmaterial, das in ABM-Projekten für die Regionalwerkstatt Brandenburg erstellt wurde. Und die kommerzielle Nutzung der so gewonnenen Arbeitsergebnisse ist, wie für öffentlich geförderte Projekte dieser Art vorgeschrieben, untersagt. Eberhard Richter stellte hierzu fest: „Uns war es wichtig, uns von der Veröffentlichung zu distanzieren, damit klar ist: Wir haben unser Versprechen nicht gebrochen.“*
Möglicherweise hat der in Kassel ansässige Herkules-Verlag das nicht gewusst, wobei der Gedanke nicht fern liegt, sich die Quellen der gesamten Städtereihe einmal näher zu betrachten. Ganz sicher wusste es Steffen Krestin, der Leiter der Städtischen Sammlungen, durch den die Publikation auf Cottbuser Seite initiiert wurde. In seiner Stellungnahme gegenüber den Kollegen der Lausitzer Rundschau räumte er ein: „Wir haben den Fehler gemacht, dass wir im Vorfeld der Veröffentlichung nicht mit der Regionalwerkstatt gesprochen haben.“* Nicht verstehend allerdings, dass auch die Regionalwerkstatt nicht berechtigt gewesen wäre, die Verwendung der Materials zu autorisieren.
Was für ein Buch jedoch ist entstanden? Wie sind die gesammelten Inhalte zu bewerten?
Nun - für den geneigt ostalgischen Leser ohne weitere Ansprüche an Reflexion und Genauigkeit liegt eine Episodensammlung vor, die man schon einmal durchblättern kann - solange keinerlei Wert auf geschichtliche Korrektheit und gesellschaftliche Einordnung gelegt wird. Dörthe Ziemer, die Autorin, besser zu bezeichnen als Aufarbeiterin von Archivmaterial und zur Wende gerade einmal 12 Jahre alt, sagt selbst im Vorwort: „Dank meiner eigenen Erfahrungen habe ich zwar ein Verständnis dafür, wie es sich in diesem sozialistischen Staat lebte. Mein Leben ist jedoch wesentlich geprägt durch die Zeit danach ... .“ Eine Feststellung, der wenig hinzuzufügen ist, erklärt sie doch zusätzlich und deutlich, das zuvor Gesagte. Und lässt die Fragen zurück: Warum dann sie und warum dann so?
Permanent ringt das Stadtmuseum um Anerkennung und bekam 2014 das riesige, vormalige Sparkassen-Gebäude aus kommunalen und EU-Steuermitteln (2,1 Mio €) geschenkt. Anstelle der für 2015 angekündigten Eröffnung bisher allerdings ohne Effekt.
Mit Nullnummern wie diesem Buch, die möglicherweise - durch Rückzahlungsforderungen von Fördermitteln - sogar ins Minus gehen können, wird das Ansehen kaum steigen.
(* LR, 20.11.2015)

Titelinformation: Dörthe Ziemer, Mitten aus’m Cottbuser DDR-Alltag
ISBN 978-3945608050 (11,90€)

Ganz anders stellt sich die Situation für das rundum empfehlenswerte Buch „Ein Licht in dunkler Zeit“ von Dieter Max dar.
Niemand wusste von den Aufzeichnungen, die der Cottbuser Pfarrer 1953 machte. Niemand durfte davon wissen, was er nach den Ereignissen des 17. Juni in sieben Oktavheften notiert hatte. Und damit sie nicht irgendwann doch in falsche Hände gerieten, schmuggelte Dieter Max die 7x70 Seiten in den Westen.
Der Klappentext erklärt:
„Die niedergeschriebene Geschichte hätte ihn das Leben kosten können. Das war Dieter Max nur allzu gut bewusst, hatte er doch Verzweifelte gestärkt, einigen sogar zur Flucht in die BRD verholfen und war selbst bedroht, geschlagen und schließlich inhaftiert worden.
All dies geschah Anfang der 1950er Jahre in Cottbus, als der Sozialismus mit stalinistischen Methoden aufgebaut werden sollte, Andersdenkende als „Volksfeinde“ diffamiert wurden oder einfach „verschwanden“. Als Kreisjugendwart versuchte er, Jugendlichen in der Jungen Gemeinde Halt und Orientierung zu geben. Die literarische Form verleiht der außergewöhnlichen Darstellung eine besondere Intensität, ja Spannung. So wirft diese authentische Geschichte ein helles Licht auf jene dunklen Jahre.“
Mehr als sechzig Jahre später liegt nun als Buch vor, was Michael Max, dem Sohn des Autors, der nichts von der Existenz dieser Aufzeichnungen wusste, von einem älteren Herrn, eingeschlagen in ein Bündel altes Packpapier, nach der Wende übergeben wurde.
Und anders, als der zitierte Text vermuten lässt, beginnt die unter die Haut gehende Geschichte weit vor 1953. Sie beginnt, als für Dieter Max alles zu enden scheint und sie berichtet zunächst vom fanatischen Hitlerjungen im Schützengraben, der die heran nahenden US-Soldaten niedermäht, bis er selbst getroffen wird. Sie erzählt vom begabten Schieber Dieter Max, der im Nachkriegsdeutschland kurz davor war, als „Geschäftsmann“ erfolgreich zu werden. Und wir sind dabei, als alles erneut - doch nicht zum letzen Mal anders kommt.
Dieter Max erweist sich nicht einfach als kritischer Beobachter sondern als stilsicherer Erzähler großer Intensität in oft bedrückend den Leser erreichender Nähe.

Besonders lesenswert wirft das im kleinen Niederlausitzer Verlag Guben erschienene und auch dort zu bestellende Buch einen beeindruckenden Blick in längst vergangene, angesichts auch jüngster Ereignisse jedoch besser nicht zu vergessende Zeiten.

Titelinformation: Dieter Max, Ein Licht in dunkler Zeit
ISBN 9783943331264 (19,95€)
Titelinformation: Dörthe Ziemer, Mitten aus’m Cottbuser DDR-Alltag
ISBN 978-3945608050 (11,90€)

Titelinformation: Dieter Max, Ein Licht in dunkler Zeit
ISBN 9783943331264 (19,95€)

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