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Das Kind auf der Liste

Die Geschichte von Willy Blum und seiner Familie

von bm, Buch

Der Roman „Nackt unter Wölfen“ gehört zu den wohl bekanntesten antifaschistischen Klassikern. Bruno Apitz machte mit seinem Roman den Namen Stefan Jerzy Zweig, des „Buchenwald-Kindes“, weltbekannt. Das Kind Stefan Jerzy Zweig gab es tatsächlich, und mit ihm ist der Name eines anderen Kindes verbunden: Willy Blum, der aus einer Familie von Wanderpuppenspieler stammte und eine Zeitlang in Hoyerswerda lebte.
Was beide Kinder verbindet, „ist eine gemeinsame Nummer auf einer zweiseitigen Liste samt Zusatzblatt: Es handelt sich um eine Transportliste nach Auschwitz, die Ende September 1944 im Konzentrationslager Buchenwald zusammengestellt wurde und die die Namen von 200 Kindern und Jugendlichen umfasst“ (S. 9). Der letzte, hinter der Nummer 200 stehende Name auf der Liste „Zweig, Stefan“ ist durchgestrichen. Auf dem Zusatzblatt steht statt seiner hinter der gleichen Nummer „Blum, Willy“. Die Namen wurden offenbar nachträglich ausgetauscht.
Annette Leo versucht mit ihrem Buch „Das Kind auf der Liste. Die Geschichte von Willy Blum und seiner Familie“ das Leben des nach Auschwitz deportierten und ermordeten Kindes nachzuzeichnen. Mit ihrem Buch macht sie das Menschheitsverbrechen des deutschen Faschismus – dessen Dimension notwendigerweise abstrakt und damit unvorstellbar bleibt – am Beispiel der Verfolgungsgeschichte von Willy Blum konkret. Blum gehörte zu der der Gruppe der Sinti und Roma, von denen – neben den rund sechs Millionen Juden – rund 500.000 ermordet wurden.
Einen großen Teil des Buches widmet Leo der Nachkriegszeit und des Kampfes der Sinti und Roma, dass ihnen zugefügtes Leid als NS-Verbrechen anerkannt wurden. Denn das war in der Bundesrepublik alles andere als selbstverständlich. An den Gerichten und bei der Polizei arbeiteten meist noch die Personen, die dort schon unter Hitler gearbeitet hatten und an der Verfolgung der Sinti und Roma beteiligt waren.
„Die Entschädigungsverfahren waren bis in die 1960er Jahre hinein generell für Überlebende der NS-Verfolgung eine peinliche Prozedur […]. Die Sinti jedoch erlebten besondere Diskriminierung und Benachteiligung, weil sie mit der unheilvollen Kombination von ausgrenzenden Klauseln in der Entschädigungsgesetzgebung und persönlichen Vorurteilen der jeweiligen Bearbeiter konfrontiert waren.“ (S. 133) Als „Experten“ in strittigen Fragen zogen die Entschädigungsämter zudem Kriminalpolizisten zu Rate, die während der NS-Zeit in den „Dienststellen für Zigeunerfragen“ mit deren Verfolgung befasst waren. Nun seien sie daran interessiert gewesen, die Glaubwürdigkeit der Antragsteller in Frage zu stellen.
In einem Urteil des Bundesgerichtshofes von 1956 hieß es noch, dass den Sinti und Roma zuteil gewordene Diskriminierungen wie Berufsverbote, Zwangsarbeit und Inhaftierung in kommunalen Lagern legitime polizeiliche Reaktionen auf „Asozialität, Kriminalität und Wandertrieb“ von „Zigeunern“ waren. Erst 1963 wurde diese Ansicht revidiert.
Annette Leo (2018): „Das Kind auf der Liste.
Die Geschichte von Willy Blum und seiner Familie“

Berlin: Aufbau Verlag, 176 Seiten
Preis: 10,00€
ISBN: 978-3-7466-3431-9
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